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Die neue Tennis-Zeitrechnung

Sport - Die neue Tennis-Zeitrechnung

Nach ihrem ersten Grand-Slam-Titel beschreibt Australian Open-Siegerin Angelique Kerber im Schaltgespräch mit Katrin Müller-Hohenstein ihre Gefühle und die Stimmung nach dem Finalsieg in Melbourne.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 29.01.2017, 23:00

Der Grand-Slam-Sieg von Angelique Kerber bei den Australian Open wird einen neuen Tennis-Boom in Deutschland auslösen. Und die Kielerin ist bereit für ihren Rollenwechsel als selbstbewusste Frontfrau.

Der Rummel hatte sofort begonnen, und es gab kein zurück mehr. In jenem Moment, als Angelique Kerber im Finale der Australian Open der grandiose Coup gegen Serena Williams gelungen war, rollte auch schon die geballte Medien- und Vermarktungsmaschinerie an. Interviews, Live-Schalten, Pressekonferenzen - noch nachts um halb drei saß die 28 Jahre alte Kielerin am Samstag im Medienzentrum in den Katakomben der Rod-Laver-Arena und absolvierte geduldig ein Telefon-Interview nach dem anderen mit deutschen Zeitungen. Ihr Management hatte die Termine bereits tags zuvor angeleiert und Kerber offensiv für exklusive Gespräche den heimischen Medien angeboten, die nicht aus Melbourne berichteten. Man wollte die breitestmögliche Vermarktung erzielen, den Hype befeuern.

"Ich freue mich auf alles, was jetzt kommt", hatte Kerber betont und war dabei schon mittendrin im plötzlichen Rummel um ihre Person, "ich habe so hart gearbeitet und ich glaube, ich habe das jetzt wirklich verdient." Das sind ganz neue Töne von Angelique Kerber. Sie hatte sich nie ins Rampenlicht gedrängt und es lag ihr schon gar nicht, sich so aktiv in Szene zu setzen, wie es ihre Kolleginnen Andrea Petkovic oder Sabine Lisicki tun. So ist Kerber bereits vor ihrem Grand-Slam-Sieg seit vier Jahren die erfolgreichste deutsche Spielerin gewesen, doch die breite Öffentlichkeit kennt sie eigentlich gar nicht. Das soll sich nun ändern und Kerber scheint bereit für ihren Rollenwechsel als selbstbewusste Frontfrau des neuen Tennis-Booms.

Lisicki-Boom war schnell verebbt


"Ich habe noch nie so viele Interviews an einem Tag gegeben", sagte sie lachend, "aber es macht mir richtig viel Spaß." Kerber wirkt gelöst, spricht in Deutsch, Englisch und Polnisch offen und charmant über ihr Gefühlschaos, Steffi Graf und das Auf und Ab ihrer Karriere. Früher war sie in Gesprächen stets freundlich, aber zurückhaltend gewesen und immer bedacht darauf, nichts Falsches zu sagen. Ihrem Management war es nicht gelungen, der sympathischen, deutschen Nummer eins ein Image zu geben, sie zu einer Marke aufzubauen. So bekam Kerber mit der Zeit das Etikett "nett, aber langweilig" angeheftet. Für Sponsoren war sie damit völlig uninteressant.

Einzig als Markenbotschafterin eines Sportwagenherstellers fungiert sie. Der Deal soll sehr gut dotiert sein, und ist vermutlich durch die Verbindungen von Bundestrainerin Barbara Rittner entstanden, die damals das Sponsoring für die deutsche Fed-Cup-Mannschaft initiierte. Nun, als erster Grand-Slam-Champion seit Steffi Graf 1999, dürfte Kerber jedoch viele Werbepartner anlocken. So war das schon vor drei Jahren, als sich Lisicki sensationell ins Finale von Wimbledon spielte. Und obwohl die Berlinerin die Partie verlor, hatte es einen Empfang am Berliner Flughafen samt großem Presserummel gegeben und sie zog trotzdem Verträge für Schmuck, Versicherungen und Autos an Land. Damals glaubte man bereits an einen neuen Tennis-Boom, den Lisicki ausgelöst hätte. Doch der war schnell wieder abgeflaut, da ihre sportlichen Erfolge ausblieben.

Motivationsschub für deutsches Frauentennis

Bei Kerber steht das nicht zu befürchten, denn anders als Lisicki ist sie nicht nur auf Rasen abonniert. Die Kielerin ist eine Allrounderin, gewann im letzten Jahr als erste Spielerin seit 2007 vier Titel auf den vier unterschiedlichen Belägen (Gras, Hartplatz, rote und grüne Asche) und ist als neue Weltranglistenzweite "Serena-Jägerin" Nummer eins. "Das ist ja ganz schön nah an der eins dran", bemerkte auch Williams selbst ganz richtig, "da sollte ich jetzt wohl besser vorsichtig sein." Kerber könnte gelingen, woran Agnieszka Radwanska, Simona Halep und nicht zuletzt Maria Scharapowa reihenweise gescheitert sind - Serena Williams wirklich und dauerhaft Paroli zu bieten.

Damit würde Kerber nicht nur neue Spannung in die eingefahrene Tour-Hierarchie bringen, sondern auch einen Motivationsschub ins deutsche Frauentennis. Beachtliche zehn von ihnen stehen momentan unter den Top 100, und Kerbers Erfolg würde sie antreiben, ihr nachzueifern. Gerade für das diese Woche anstehende Fed-Cup-Duell in Leipzig gegen die Schweiz ist Kerber als Frontfrau Gold wert. Denn seit dem verlorenen Endspiel gegen die Tschechinnen vor zwei Jahren, stagnierte die Leistung von Rittners Mannschaft.


Melbourne hat sie befreit

Kerber ist beliebt und ohnehin ein Vorbild für ihre Kolleginnen, was hartes Training und Disziplin angeht, und wird dafür respektiert. Diese Anerkennung ihrer bisherigen Leistungen vermisste Kerber in den letzten Jahren und so schätzte sie sich selbst auch nicht genug. Erst die Gespräche mit Graf im vergangenen Frühjahr rückten das zurecht. "Sie hat mich bestärkt, dass ich schon jetzt auf alles stolz sein soll, was ich bisher erreicht habe", sagte Kerber. Graf selber war es, die mit ihrem Rekord von 22 Grand-Slam-Siegen die Latte für die nachfolgenden Generationen hierzulande nahezu unerreichbar hochgelegt hatte. Hinzu kamen die großen Erfolge von Boris Becker und Michael Stich. "Das war nicht leicht für uns, da war vieles im Vergleich zu ihnen eben nicht gut genug", meinte Kerber.

Nun ist ihr der Schritt aus diesem übermächtigen Schatten heraus gelungen, sie hat das deutsche Tennis wieder in die Gegenwart geholt. Es beginnt eine neue Zeitrechnung, auch für Kerber selbst. Die Erfolgserlebnisse von Melbourne haben sie befreit, ihr Stärke und Selbstbewusstsein gegeben, die ihr immer fehlten. Und sie hat sich mit ihrer herzlichen Art weltweite Sympathien gewonnen. Nichts, was bei sie bei ihrer Rückkehr nach Deutschland an Trubel erwartet, ängstigt sie. Im Gegenteil, "ich will alles genießen und jede Erfahrung mitnehmen. Für mich hat sich mein Traum erfüllt, weil ich geduldig war und hart dafür gearbeitet habe. Das möchte ich den nächsten Generationen gerne weitergeben."

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