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Kerbers Melbourne-Märchen wird wahr

Sport - Kerbers Melbourne-Märchen wird wahr

Nach ihrem ersten Grand-Slam-Titel beschreibt Australian Open-Siegerin Angelique Kerber im Schaltgespräch mit Katrin Müller-Hohenstein ihre Gefühle und die Stimmung nach dem Finalsieg in Melbourne.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 29.01.2017, 23:00

Angelique Kerber hat sich ihren großen Traum erfüllt und dank einer furiosen Leistung als erste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf vor 17 Jahren wieder einen Grand-Slam-Titel geholt. Die Kielerin entzauberte im Finale der Australian Open Titelverteidigerin Serena Williams mit 6:4, 3:6, 6:4 und wird sich in der neuen Weltrangliste auf Platz zwei verbessern.

Angelique Kerber kam gar nicht zum Durchatmen. Nach dem Posieren im Blitzlichtgewitter der Fotografentraube in der Rod-Laver-Arena wurde die Kielerin sofort im Dauerlauf aus dem Hinterausgang geführt, hinüber ins Fernsehstudio des australischen Channel 7 am anderen Ende des Melbourne Parks. Alles live, von Millionen Zuschauern beobachtet. Und begleitet vom Gejohle und tosendem Applaus hunderter Fans, die ihren Weg bis zum Studio säumten.

Angelique Kerber im ZDF-Interview
Angelique Kerber im "sportstudio"-Interview Quelle: ZD

"Ist das wirklich gerade passiert?", fragte Kerber mit breitem Grinsen die Moderatorin und Ex-Spielerin Rennae Stubbs. Und die Australierin beruhigte sie: "Ja, du bist wirklich Grand-Slam-Champion!" Kerber wollte gar nicht mehr  aufhören zu strahlen. "Das hört sich für mich immer noch surreal an", sagte sie: "Grand-Slam-Champion." Aber es stimmte, Kerber hatte mit einer sensationellen Leistung die große Serena Williams im Endspiel der Australian Open mit 6:4, 3:6 und 6:4 in 2:09 Stunden bezwungen - und so als erste Spielerin seit Steffi Graf 1999 bei den French Open eines der vier Major-Turniere gewonnen.

Williams wollte Grafs Rekord knacken

"Ich rufe gleich als Erstes meine Großeltern an", erzählte Kerber, "die beiden schauen in Polen zu und freuen sich so sehr für mich. Ohne sie wäre ich heute gar nicht hier." Es war ein langer Weg für die 28-Jährige gewesen von der Tennishalle ihres Großvaters in Puszczykowo bis aufs Siegertreppchen in der Rod-Laver-Arena. "Aber ich habe jahrelang so hart gearbeitet und der ganze Schweiß hat sich jetzt endlich gelohnt", freute sich Kerber, "ich bin so glücklich." Die 28-Jährige hielt den Daphne Akhurst Memorial Cup völlig verdient in Händen. Es war das Spiel ihres Lebens. Aber wer hätte gedacht, dass ihr dieser furiose Coup gegen die beste Spielerin der Welt gelingen würde?

Williams hatte seit den US Open 2011 kein Grand-Slam-Finale mehr verloren und seitdem acht Major-Trophäen abgeräumt. Durch das Turnier war die 34-jährige Amerikanerin im Eiltempo marschiert, hatte nur 26 Spiele und keinen Satz abgegeben. Kaum jemand zweifelte daran, dass sich Williams ihren siebten Titel in Melbourne schnappen würde. Doch dann stellte sich ihr Kerber so beharrlich und furchtlos gegenüber wie es wohl auch die Amerikanerin nicht vermutet hätte. "Ich wusste nur, dass ich da rausgehen und draufgehen muss, sonst habe ich keine Chance gegen Serena", sagte Kerber, "ich bin rausgegangen, um zu gewinnen."

Nervös sei sie nur ganz am Anfang gewesen, als ihr erstes Break beim 3:3 gleich wieder verloren ging. Sie breakte Williams sofort erneut, "danach war ich drin im Match", sagte Kerber. Die große Favoritin war es dagegen nicht. "Ich habe gar nicht an den Rekord gedacht", meinte Williams später lax, doch es war ihr deutlich anzumerken, dass sie der Gedanke, mit den 22 Grand-Slam-Titeln Grafs gleichzuziehen zu können ebenso lähmte, wie zuletzt bei den US Open im September. Dort war sie zudem zwei Partien vor dem historischen Kalender-Grand-Slam gescheitert. Auch in der Rod-Laver-Arena wirkte sie wenig souverän, sie spielte überhastet und teilweise geradezu fahrig. 23 leichte Fehler unterliefen ihr allein im ersten Satz und Williams gelang nicht einmal ein Ass. Dabei hat sie den besten Aufschlag im Frauentennis. Die Amerikanerin schrie und zweifelte.

Kerber spielt sich in die Fan-Herzen

Kerber dagegen hing sich in jeden Ballwechsel rein, verteidigte verbissen und hielt mit jedem Schlag dagegen. Und mit jedem Punkt, den sie noch aus der Ecke kratzte, rückten die 15.000 Zuschauer in der Arena weiter auf die Seite der Deutschen. "Ich habe das so gespürt", freute sich Kerber, "ich hatte richtig Gänsehaut von dieser Atmosphäre, das war unglaublich." Fast mochte man sich die Augen reiben, dass Kerbers Aufschlagquote höher war, als jene von Williams.

Kerber ging mit dem Satz in Führung, die Sensation lag bereits in der schwülen Melbourner Abendluft. Aber Williams kämpfte sich heran, glich aus, doch immer noch war Kerber die Mutigere und Entschlossenere. Die Kontrahentinnenlieferten sich spektakuläre Ballwechsel, Kerber agierte mit viel Wucht, aber genauso cleveren Variationen - wie den Stopps. "Ich habe nur gehofft: Bitte bitte, geh' noch über die Netzkante!", erzählte Kerber später. Sie taten es und die Kielerin schaffte so das erneute Break und die 5:2-Führung. Der Titel war zum Greifen nah, "aber ich wusste, dass es noch nicht zu Ende ist. Bei Serena muss man mit allem rechnen".

"Ich habe fest an mich geglaubt"

Jedes Spiel war eng, sie jagten sich mit langen Rallyes über den Platz, bis einer ein Fehler unterlief. Williams blieb gefährlich, und ihr gelang tatsächlich das Rebreak zum 4:5. Die Arena stand Kopf. Noch vor Kurzem wäre Kerber in so einer Situation wohl eingeknickt, doch seit ihrem Viertelfinalsieg gegen Victoria Asarenka hatte es irgendwie "klick" gemacht. "Ich habe fest an mich geglaubt", sagte sie, "ich wusste, dass ich dem Druck jetzt standhalten kann." Sie tat es und erkämpfte sich einen Matchball. "Ich dachte nur: Bitte lass den Return einfach über das Netz gehen und lass es kein Ass sein". Das Flehen half, Williams schob ihre Rückhand ins Aus und Kerber ließ sich vor Freude rücklings auf die Grundlinie fallen.

Was für ein Kraftakt, was für ein Triumph. "Das war fast unmenschlich, ein unfassbares Match von Angie", sagte ihr Trainer Torben Beltz. Am ersten Turniertag hatte Kerber Geburtstag, am zweiten einen Matchball gegen sich, am letzten wurde sie Champion und die neue Nummer zwei der Welt. "Das war wirklich ein verrücktes Turnier", sagte Kerber, "aber ich freue mich auf alles, was jetzt kommt. Ich glaube, ich habe das wirklich verdient."

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