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Federer-Festspiele ohne Federer?

Roger Federer in Halle.

Sport - Federer-Festspiele ohne Federer?

Nach dem Sieg gegen Andreas Seppi spricht Roger Federer über das Turnier in Halle und die besondere Atmosphäre dort. Außerdem im Interview: der unterlegene Italiener Andreas Seppi.

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Keiner hat die Gerry-Weber-Open in Halle so stark geprägt wie Roger Federer. Doch was passiert mit dem bisher erfolgreichsten deutschen Turnier, wenn der fast 35-jährige Schweizer seine Karriere beendet?

Die French Open waren gerade ein kleiner Vorgeschmack auf die Zeit, wenn Roger Federer nicht mehr Tennis spielen wird. Erstmals seit 1999 hatte ein Grand-Slam-Turnier ohne den bald 35 Jahre alten Schweizer stattgefunden. Und vielen schmeckte diese Aussicht überhaupt nicht. Der Zuschauermangel in Paris hatte mehrere Ursachen, doch eine war sicherlich die Abwesenheit Federers.

Der 17-malige Grand-Slam-Champion ist der globale Publikumsliebling, ein absoluter Zuschauermagnet. Mit dem Schweizer verkaufen die Turniere weltweit die meisten Tickets. Und das nicht allein der sportlichen Erfolge wegen: Federer wirkt sympathisch, authentisch, familiär. Er ist einer der wenigen Weltstars im Sport und doch irgendwie nahbar. Und damit ist Federer das ideale Aushängeschild für Turniere, um ihre Veranstaltung zu promoten. Auch im westfälischen Halle profitiert man seit mehr als einem Jahrzehnt von der Strahlkraft des Schweizers. Doch ewig wird dieser nicht mehr spielen. Welche Auswirkungen hat das für das Rasen-Event, das im nächsten Jahr sein 25. Jubiläum feiert? Hat man sich zu abhängig von Federer gemacht?

Zehn Mal im Finale

Schon auf der Zufahrtsstraße zur Arena lächelt der Weltranglistendritte von allen Plakaten, die Straße trägt sogar seinen Namen: Roger-Federer-Allee. Zehn Mal stand der vierfache Familienvater seit 2003 in Halle schon im Finale, acht Trophäen nahm er mit nach Hause. Es ist sein Turnier, landläufig nennt man es die "Federer-Festspiele". Und die Fanmassen pilgern förmlich nach Ostwestfalen - mehr als 100.000 kamen allein im vergangenen Jahr. "Viele beneiden uns um diese außergewöhnliche Verbindung zu Roger", sagt Turnierdirektor Ralf Weber, der mit Federer 2010 einen Vertrag auf Lebenszeit - also für die Zeit seiner aktiven Karriere - abschloss, "er hat das Turnier wie kein anderer geprägt, aber die Wachablösung wird irgendwann anstehen. Das ist der Lauf der Dinge."

Doch wer kann Federer als Galionsfigur in Halle langfristig ablösen? "Ich teile nicht die Befürchtung, dass wir in ein Loch fallen, wenn Topspieler wie Federer und Rafael Nadal nicht mehr spielen werden", glaubt Weber, "dann rücken eben die jungen Talente ins Rampenlicht und schreiben ihre eigenen Geschichten."

Zverev die "neue Identifikationsfigur"?

Alexander Zverev in Halle.
Neue Hoffnung für Halle? Alexander Zverev Quelle: dpa

Talente wie der 19-jährige Alexander Zverev, der seit Jahren hoch gehandelt wird und bereits die Nummer 38 der Welt ist - als zweitbester deutscher Profi hinter Philipp Kohlschreiber. Weber band Zverev mit einem Dreijahresvertrag an das Turnier und hofft, der Hamburger mit russischen Wurzeln wird die "neue Identifikationsfigur". Doch nahtlos wird die Wachablösung nicht funktionieren. Aus der Riege der neuen Generation, die von der ATP-Tour derzeit offensiv vermarktet wird, ist erst dem 22 Jahre alten Österreicher Dominic Thiem der große Durchbruch gelungen. Weitere vielversprechende Youngster wie Borna Coric, Taylor Fritz, Kyle Edmund, Hyeon Chung oder Elias Ymer brauchen noch mehr Zeit. Auch, um ihre Persönlichkeit auszureifen.

Zverev macht derzeit ein bisschen auf Rebell, in Paris kassierte er wegen unsportlichen Verhaltens eine Geldstrafe von 6000 Dollar. Doch diese Phase gehört zum Erwachsenwerden eben dazu. Und Federer war als Teenager noch viel ungestümer. Zverev ist dabei ansonsten weit für sein Alter, mit dem Erwartungsdruck geht er erstaunlich abgeklärt um. "Ach, ich nehme das ganz positiv. Deutschland sucht doch immer den nächsten Boris", meinte Zverev, "ich freue mich, dass ich schon jetzt etwas Aufmerksamkeit bekomme." Die ist umso größer, da die arrivierten deutschen Profis wie Kohlschreiber, Florian Mayer oder Benjamin Becker eher im Spätherbst ihrer Karrieren sind und die übrigen außerhalb der Top 100 rangieren. Als künftiges Zugpferd in Halle bietet sich nur Zverev an. Doch werden die Zuschauer auch seinetwegen ins Stadion pilgern?

Federer soll Turnier-Repräsentant werden

Vielleicht zunächst nicht nur seinetwegen, denn Halle hat sich beinahe zu einem Selbstläufer entwickelt. "Wir haben ein stimmiges Gesamtpaket", sagt Weber stolz. Sein Vater Gerhard Weber hatte damals den richtigen Riecher für den Standort des Turniers mitten in der ostwestfälischen Provinz gehabt: So strömen aus dem gesamten Umkreis die Zuschauerscharen, denn Unterhaltung wird in der Gegend sonst kaum geboten. Die Gerry-Weber-Open haben dagegen fast schon Volksfest-Charakter. Gastronomie, VIP-Bereich, das Rahmenprogramm - alles perfekt organisiert und weit umfangreicher als bei vielen anderen Turnieren.

Im Vorfeld spielte Australian-Open-Siegerin Angelique Kerber ein Showdoppel, dazu sind tägliche Auftritte bekannter Musik-Acts im Eintrittspreis enthalten. Das kommt auch bei den Sponsoren gut an, von denen Weber zahlreiche gewinnen konnte. So ist nicht nur seine Mode-AG Kostenträger des um eine Millionen Euro gestiegenen Preisgeldes, das seit der Aufwertung zum 500er-Turnier vor einem Jahr auf 1,8 Millionen Euro aufgestockt wurde.

"Es wird immer noch professioneller"

Durch den überdachten Centre Court ist man zudem wetterunabhängig und den konkurrierenden Rasen-Turnieren weit voraus. "Sie haben hier jetzt noch mehr investiert in die Anlage", betonte Federer begeistert, "es wird immer noch professioneller, Jahr für Jahr. Man glaubt es kaum." So perfekt die Ausgangslage und die Treue der ostwestfälischen Tennisfans derzeit auch sein mag, ein Roger Federer lässt sich dennoch weder ad hoc noch adäquat ersetzen. Also plant Weber mit dem Schweizer die Zukunft: Federer soll Halle als Repräsentant erhalten bleiben. Mit Schaukämpfen, Charity-Aktionen, Promotion. "Roger ist da für vieles offen, habe ich den Eindruck", hofft Weber.

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