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Scharapowa eiskalt erwischt

Sport - Scharapowa eiskalt erwischt

Anti-Doping-Forscher Perikles Simon erklärt im Interview mit ZDF-Reporter Markus Harm, warum Meldonium erst seit 2016 als Dopingmittel gilt und wozu es ursprünglich entwickelt wurde.

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 08.03.2017, 17:36

Maria Scharapowas positiver Doping-Befund schockiert die Tenniswelt. Ihr größter Star ist gefallen. Die 28-jährige Russin zeigt sich reuig und will kämpfen. Ihre Karriere soll so auf keinen Fall enden. Die Dauer der Sperre ist noch offen.

Um Punkt zwölf Uhr trat Maria Scharapowa am Montag in einem Hotel in der Innenstadt von Los Angeles vor die Presse. Dutzende internationale TV-Sender übertrugen live, die Blitzlichter zuckten unaufhörlich.

Ganz in Schwarz auf "hässlichem Teppich"

Ganz in Schwarz gekleidet, gewohnt stilsicher in enger Bluse und lockerer Marlene-Hose, schritt die 1,88m große Russin ans Mikrofon - es sollte ihr schwerster Gang werden und ein schwarzer Tag für den weißen Sport. Scharapowa hatte eine "wichtige Ankündigung" machen wollen, und so war im Vorfeld über den möglichen Rücktritt der fünfmaligen Grand-Slam-Siegerin spekuliert worden. "Ich weiß, viele von euch dachten, ich würde heute zurücktreten", begann sie, "aber wenn ich das irgendwann mache, dann bestimmt nicht in einem Hotel in LA auf so einem hässlichen Teppich."

Sie wollte die Situation etwas auflockern, doch jedes Wort fiel der 28-Jährigen sichtlich schwer. Kaum verwunderlich, denn ihr Geständnis schockierte die Tenniswelt. "Ich habe einen großen Fehler gemacht und für den bin ich voll verantwortlich", erklärte sie. Vor einer Woche habe ihr die International Tennis Federation (ITF) schriftlich mitgeteilt, dass sie am 28. Januar diesen Jahres bei den Australian Open positiv auf das Mittel Meldonium getestet worden ist.

Meldonium macht bei russischen Athleten die Runde

Und damit steht Scharapowa nicht alleine da. In den vergangenen Wochen wuchs die Zahl der Meldonium-Funde und das besonders bei russischen Athleten. Zuletzt war es die Eiskunstläuferin Ekaterina Bobrowa. Seit in einer Dokumentation kürzlich schwere Anschuldigungen zu systematischem Doping erhoben wurden, steht der russische Sport massiv unter Beschuss. Doch Scharapowa äußerte sich nicht zu diesen Vorfällen, vielmehr schilderte sie ihre eigene Situation.

Erst seit dem 1. Januar steht Meldonium auf der Liste der verbotenen Mittel der Welt-Anti-Doping-Agency (WADA), sie habe die betreffende E-Mail im Dezember auch erhalten, die auf die Änderungen für dieses Jahr hinwies. Allerdings: "Ich habe den Link zur Liste mit den jetzt verbotenen Substanzen nicht angeklickt", fügte Scharapowa hinzu. Ein fatales Versäumnis, das die aktuell Weltranglistensiebte die Karriere kosten könnte. Die ITF sperrt sie ab dem 12. März zunächst laut Statuten "provisorisch", die Dauer der Strafe ist noch offen. Sie wird maßgeblich davon abhängen, ob der Sportlerin Vorsatz nachgewiesen wird. Das würde eine Sperre bis zu vier Jahren nach sich ziehen. Doch Scharapowas Anwalt John Haggerty gab sich später zuversichtlich, man könne "eine ganze Liste mildernder Umstände einbringen". Zudem zweifelte die Russin das Testergebnis nicht an und verzichtet auf die Öffnung der B-Probe.

Zehn Jahre lang Meldonium genommen - legal

Schließlich nimmt sie das Meldonium schon seit zehn Jahren, erklärte Scharapowa weiter. Ihr Hausarzt hatte es ihr im Jahr 2006 erstmals gegeben, nachdem sie ständig krank gewesen sei und auch die EKG-Tests öfter Unregelmäßigkeiten anzeigten. Zudem gäbe es in ihrer Familie eine Historie mit Diabetes. Meldonium ist ein Blutverdünner, der häufig bei Herzproblemen verschrieben wird. Da es ihr mit dem Mittel besser ging, habe sie es nach Anweisung und unter steter Kontrolle ihres Arztes "legal weiter eingenommen", sagte sie.

Seit 2016 ist Meldonium nun verboten, da es als Stoffwechsel-Stabilisator und antiischämisches Mittel als leistungssteigernd von der WADA eingestuft wird. "Ich muss die volle Verantwortung dafür übernehmen, denn es ist mein Körper", sagte Scharapowa reuig, "ich habe meine Fans enttäuscht, und ich habe meinen Sport enttäuscht. Ich hoffe sehr, dass ich noch einmal die Chance bekomme, zu spielen."

Das Zugpferd ist tot

Steve Simon, der Chef der WTA-Tour, dürfte das inständig hoffen, doch auch bei ihm herrschte erst einmal Schockstarre und "tiefstes Bedauern". Aber vor allem bedauerte Simon wohl sicherlich, dass ihm gerade sein lukrativstes Zugpferd quasi unter dem Sattel weggestorben ist. Scharapowa ist weit mehr als Tennisspielerin. Sie ist ein Weltstar, eine Mode-Ikone, zudem eine clevere Geschäftsfrau, die sich mit ihrer Fruchtgummi-Firma "Sugarpova" ein Imperium neben dem Tennisplatz aufgebaut hat. Längst hat sie sich zur Marke stilisiert, mehr als 17 Millionen Fans folgen Scharapowa in den sozialen Netzwerken

von Facebook und Twitter. Vor einer Woche feierte sie noch nach der Oscar-Verleihung bei der legendären Vanity-Fair-Party mit den Hollywood-Stars und gehört selbst zu den Reichen und Schönen.

Auf der Forbes-Liste wird sie seit elf Jahren in Folge als bestverdienende Athletin der Welt geführt. 29,7 Millionen Dollar verdiente die Russin allein im vergangenen Jahr. Der famose Vertrag mit ihrem Ausrüster garantiert ihr für acht Jahre geschätzte 70 Millionen Dollar und seit Scharapowa mit 17 Jahren in Wimbledon gewann, hat ihr umtriebiger Manager Max Eisenbud lukrativste Werbeverträge mit Premium-Konzernen an Land gezogen. Damit kann es jetzt schnell vorbei sein.

Nike legt Vertrag auf Eis

Als erster reagierte Nike. Der US-Sportartikelhersteller legte den hoch dotierten Sponsoringvertrag mit der Weltklasse-Tennisspielerin vorerst auf Eis. "Wir sind traurig und überrascht über die Neuigkeiten von Maria Scharapowa", teilte der Konzern am Dienstag mit. Nike wolle nun das Ergebnis weiterer Ermittlungen abwarten, bevor über weitere Schritte entschieden werden soll. Wie die anderen Partner ihre Enthüllungen reagieren, ist unklar. Viele werden ihr sicherlich die Treue halten. Denn selbst als gefallener Weltstar hat Scharapowa immer noch mehr Strahlkraft als die meisten. Und sie hat sich gestellt, das tat sie immer. Sie hat ihren Fehler eingestanden und Reue gezeigt. Damit ist der erste Schritt getan, sich öffentliche Vergebung zu verdienen. Und Scharapowa wird darum kämpfen.

So verbissen, wie sie es um jeden Ball auf dem Tennisplatz tut. Denn sie hat es nicht von ungefähr so weit gebracht, niemand arbeitet in der Branche härter als sie. Trotzdem wird ein dunkler Schatten auf ihrer strahlenden Karriere bleiben, und der macht auch den Sport selbst wieder um eine Illusion ärmer.

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