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Kerbers Wandlung mit Ansage

Sport - Kerbers Wandlung mit Ansage

Eine Medaille hatte sich Angelique Kerber vor Beginn der Spiele erträumt - und jetzt sagt sie: "Da ist sie." Gold hätte es werden können, "aber es überwiegen die positiven Emotionen".

Beitragslänge:
8 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 31.12.2016, 23:59

Vor einem Jahr erlebte Angelique Kerber beim WTA-Finale in Singapur ihr persönliches Debakel. Doch aus diesem Schock-Erlebnis erwuchs der Neustart ihrer Tenniskarriere. Nun kehrt sie als zweimalige Grand-Slam-Siegerin und Nummer eins nach Singapur zurück (Auftakt So., ca. 13.30 Uhr live im ZDF) - und muss es allen noch ein einziges Mal beweisen.

Angelique Kerber hat die Geschichte sehr oft erzählt im Laufe der vergangenen zehn Monate. Immer dann, wenn sie erklären sollte, wie sie von einer talentierten Spielerin, die aber in wichtigen Momenten regelmäßig einbrach, plötzlich zu einer zweimaligen Grand-Slam-Siegerin und der Nummer eins der Welt wurde. "Es hat alles in Singapur angefangen, das war der Schlüssel", sagte Kerber dann.

Schock gegen Safarova

Vor einem Jahr spielte die Norddeutsche dort beim WTA-Finale der besten acht Spielerinnen, und in Abwesenheit der verletzten Favoritin Serena Williams war die Vergabe des inoffiziellen WM-Titels völlig offen. Die große Chance bot sich, und Kerber brauchte im letzten Gruppenspiel nur noch einen Satzgewinn gegen die davor lange verletzte Tschechin Lucie Safarova, um ins Halbfinale einzuziehen - keinen Sieg, nur einen einzigen Satz.

Kerber aber verlor glatt, war danach schockiert über sich selbst. Wieder hatte sie ihre Nerven nicht im Griff gehabt. "Ich habe mich danach mit meinem Trainer zusammengesetzt und mir geschworen, dass mir das nie wieder passiert", schloss Kerber dann stets ihre Anekdote, denn der Rest ist Geschichte: Australian Open gewonnen, Finaleinzug in Wimbledon, Sieg bei den US Open und Serena Williams nach 186 Wochen vom Thron geschubst.

Starke Fitness als Schlüsselfaktor

Die Geschichte erzählt sich natürlich im Nachhinein sehr hübsch, aber es ist ja nicht so, als hätte es diese Tabula-rasa-Momente vorher nicht schon oft in Kerbers Karriere gegeben. Immer wieder mahnte sie sich, künftig besser bei den wichtigen Turnieren zu spielen, aggressiver auf dem Platz zu sein, selbstbewusster aufzutreten. Sie wollte endlich ihr Potenzial voll ausschöpfen. Oft kündigte sie es an, und doch gelang es Kerber nicht. 2012 stand sie in Wimbledon bis dahin zuletzt im Halbfinale eines Grand Slams, seither hatte es bei den vier wichtigsten Turnieren der Saison viele Enttäuschungen für sie gegeben. Kerber wollte zwar unbedingt, nur ließen sich die nötigen Änderungen eben leichter formulieren, als umsetzen.

Doch warum war es nach dem Debakel von Singapur nun anders gewesen? Kerber hatte in ihrer Karriere eben immer mehr Zeit gebraucht als andere. Erst mit 28 Jahren steht sie nun oben und "das entspricht auch mehr meinem Charakter", betont Kerber, "mit 18 Jahren war ich einfach noch nicht so weit. Ich brauche immer Zeit, um mich alles zu verarbeiten." Gut möglich also, dass sie all diese Erfahrungen und Rückschläge der letzten Jahre nötig hatte, so dass dieses eine Schock-Erlebnis von Singapur reichte, damit der Knoten endlich platzte.

Fitness macht sich bezahlt

Jetzt steht Kerber ganz oben. Das ehemals pummelige und trotzige kleine Mädchen aus Kiel hat es doch noch geschafft, sich zur fittesten Spielerin und härtesten Arbeiterin der Tour gewandelt. "Als ich 17, 18 Jahre alt war, war meine Fitness katastrophal", erinnert sich Kerber, "zehn Jahre später ist meine Fitness top und ich kann ewig auf dem Platz rennen."

Das zahlt sich aus: Keine hat in dieser Saison mehr Matches gewonnen (59:17 Siege) als sie, keine spielte konstanter in den letzten zehn Monaten. Dieses Phänomen hat es auf der Frauen-Tour lange nicht gegeben. Bei zehn Turnieren kam Kerber mindestens ins Halbfinale, verteidigte zudem noch ihren Titel in Stuttgart. Zwischen Wimbledon und den US Open gewann sie 19 von 22 Matches, stand während der heißen Phase mit den Spielen in Rio de Janeiro sogar elf Partien innerhalb von 14 Tagen durch.

Die Dreisatz-Schwäche ist passé

Wichtiger noch ist aber Kerbers Erkenntnis: Wer ewig rennen kann, hat auch keine Angst vor Dreisatz-Matches mehr. Jahrelang war das Kerbers große Schwäche. Am Ende brach sie meist ein, körperlich oder mental. Ihre Fitness gibt ihr nun Vertrauen in ihre Stärke und das macht selbstbewusst. Um beide Grand-Slam-Titel musste Kerber über die volle Distanz kämpfen und hielt durch. Lag ihre Dreisatz-Quote 2015 noch bei dürftigen 15:12 Siegen, glänzt die neue Kerber jetzt mit 17:5 Siegen.

Kerber hat endlich ihre Aggressivität gefunden, reagiert nicht mehr nur als Konterspielerin auf ihre Gegnerinnen, sondern ergreift selbst die Initiative. Und so hat Kerber dieses Jahr zu ihrem gemacht, ihr Glück selbst beim Schopfe gepackt. Und jetzt gibt es nur noch eine offene Rechnung: Singapur.

Weniger Druck

Zum vierten Mal in den letzten fünf Jahren ist Kerber beim Saisonfinale dabei, aber über die Gruppenphase kam sie nie hinaus. Williams fehlt erneut, daher fällt das direkte Duell um die Nummer eins aus. Kerber muss dennoch ihre Position behaupten. Seit sie nach ihrem US-Open-Sieg die Führung übernahm, konnte sie nicht überzeugen: In Wuhan und Peking unterlag sie jeweils im Achtelfinale Petra Kvitova (CZE) und Elina Switolina (UKR) und in Hong Kong zuletzt der Australierin Daria Gavrilova im Viertelfinale. Kerber wirkte leicht angeschlagen, dennoch fehlt das letzte Ausrufezeichen hinter einer herausragenden Saison.

"Ich werde nochmal alles aus mir herausholen", verspricht Kerber, die seit Montag bereits in Singapur trainiert. Dass ihr Rang eins zum Saisonende sicher ist, hilft. "Der Druck ist ein bisschen weniger geworden, ich kann es ein bisschen mehr genießen", sagt sie. Doch richtig genießen kann sie es wohl erst, wenn Kerber auch in Singapur ihre letzten Dämonen vertrieben hat.

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