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Kerber hat sich neu erfunden

angelique kerber, of germany, kisses the championship trophy after beating karolina pliskova, of the czech republic, to win the women's singles final of the u.s. open tennis tournament, saturday, sept. 10, 2016, in new york. (ap photo/darron cummings)

Sport - Kerber hat sich neu erfunden

Seit heute ist Angelique Kerber auch offiziell die Nummer 1 im Damentennis. Am Samstag hatte sie die US Open gewonnen.

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Angelique Kerber hat als neue Nummer eins die US Open gewonnen. Und für die Kielerin ist das die letzte Bestätigung gewesen, die ihr noch gefehlt hatte: Ihr Coup aus Melbourne war kein einmaliger Glückstreffer und Kerber keine Eintagsfliege. Geschafft hatte sie das mit Mut zur Veränderung.

In all dem Trubel und Lärm, der um sie herum im Arthur-Ashe-Stadium herrschte, fand Angelique Kerber einen Moment für sich. Sie brauchte ihn. Kerber sank auf ihren Stuhl, stülpte sich ein Handtuch über den Kopf und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Tränen übermannten sie. Der Druck war endlich von ihr abgefallen. Sie hat die US Open gewonnen, mit einem umkämpften 6:3, 4:6 und 6:4-Sieg gegen Karolina Pliskova.

In Kerbers Inneren tobten Freude, Erleichterung und Unglaube. "Mir ging in dem Moment so viel im Kopf rum", sagte sie, "für mich ist dieses Turnier so besonders, weil 2011 hier alles für mich losging. Und jetzt stehe ich hier fünf Jahre später als Champion. Das bedeutet mir so viel."

Mit sich im Reinen

Kerber hing während dieser US Open oft der Vergangenheit nach. Sie dachte darüber nach, wie das alles mit ihr gekommen war. Über das, was vielleicht Schicksal in ihrem Leben gewesen ist. Wie sie eben vor fünf Jahren nach New York kam, als sie gerade eine tiefe Sinnkrise durchgemacht hatte. Als Kerber schon mit dem Profisein aufhören wollte und ihre Mutter Beata sie damals überzeugte, es nochmal zu versuchen. Kerber stürmte dann bei den US Open als Nummer 92 der Welt ins Halbfinale, das war ihr Durchbruch. Und wohl auch Fügung.

Genauso oft dachte Kerber dieser Tage an jenen Matchball zurück, den sie im Januar in der ersten Runde der Australian Open gegen Misaki Doi abgewehrt hatte. Wie wäre Kerbers Saison wohl verlaufen, hätte sie ihn nicht abgewehrt? Vielleicht wäre keiner der wunderbaren Erfolge danach passiert. Wahrscheinlich wäre Kerber heute immer noch die Unvollendete. "Die Frage wird mir niemand beantworten können", sagte sie, "ich muss es so hinnehmen." Und Kerber tut es. Sie ist mit sich und ihrem Schicksal im Reinen.

Kerbers Zeit ist gekommen

"Ich glaube, es ist alles so gekommen, wie es sein sollte", ist Kerber überzeugt: "Dass ich erst mit 28 Jahren mein bestes Tennis spiele und nicht schon mit 18. Ich habe aus vielen Erfahrungen Schritt für Schritt gelernt und mich auch als Person entwickelt. Das hat einfach Zeit gebraucht." Und nun ist ihre Zeit gekommen, Kerber steht ganz oben.

Und sie hatte jahrelang sehr hart dafür geschuftet. Stunde um Stunde auf dem Trainingsplatz, im Fitnessraum. Dort, wo es keiner sieht, wo keiner applaudiert. Dort hatte sie sich am Ende des letzten Jahres neu erfunden.

Die sture Verteidigerin sprang über ihren Schatten und mischt inzwischen ihr Konterspiel mit aggressiven Gewinnschlägen. "Ich habe gemerkt, dass ich die Bälle nicht immer nur einfach zurückspielen kann", sagte Kerber, "ich muss selbst auf die Punkte drauf gehen."

Harte Aufschläge

Gegen die Tschechin, die zum ersten Mal in einem Grand-Slam-Finale stand, klappte das zunächst gut. Doch Kerber bekam zusehends Probleme mit den extrem harten und flachen Schlägen der hochgewachsenen Pliskova. Kerber kämpfte, rannte jedem Ball hinterher und profitierte davon, dass sich die Weltrangslistenelfte mit insgesamt 47 leichten Fehlern selbst um den Erfolg brachte.

Kerber lag im dritten Satz schon mit dem Break hinten, hatte erstmals im Turnierverlauf überhaupt einen Durchgang abgegeben. Das hätte sie früher genervt, meist gar den Sieg gekostet. Aber Kerber ist nicht mehr die Spielerin von vor einem Jahr. Sie ist enorm selbstbewusst geworden, glaubt felsenfest an ihr Spiel.

Die Wende geschafft

So gelang Kerber noch das Rebreak zum 3:3 und im Anschluss ein furioser Longline-Winner, den sie perfekt mit der Vorhand in der Ecke versenkt. Mit einem explosiven Jubelschrei meldete sich Kerber zurück. "Dieser Ball war der Schlüssel zum Sieg", sagte sie später. Zur Belohnung erhielt Kerber einen Siegerscheck über 3,5 Millionen Dollar und die ersehnte Trophäe. Und wie schon über ihre Medaille von den Olympischen Spielen in Rio sagte sie über den Cup: "Silbern. Schwer. Und richtig schön."

Sie hatte standgehalten in ihrem dritten Grand-Slam-Finale der Saison nach Melbourne und Wimbledon, und das als neue Spitzenreiterin. Den Druck hatte sie ausgeblendet. "Ich wusste, die Nummer eins kann mir keiner nehmen, egal, was passiert", sagte Kerber, "und jetzt habe ich mit dem zweiten Grand Slam die letzte Bestätigung, die ganz wichtig für mich war."

Keine Eintagsfliege

Nach Anerkennung hatte sie sich in ihrer Karriere lange gesehnt, und auch ihr Sieg bei den Australian Open behielt für sie einen kleinen Makel. Kerber wollte unbedingt beweisen, dass sie keine Eintagsfliege gewesen ist. Das ist ihr eindrucksvoll gelungen. "Alle meine Träume sind in diesem Jahr wahr geworden. Das ist unglaublich", freute sie sich. Doch es wird neue Träume, neue Ziele für sie geben. Aber nicht in den nächsten zwei Wochen. Kerber will nach Hause, entspannen. Endlich loslassen. Keinen Druck mehr spüren, Zeit für sich haben. Und anstoßen mit Familie und Freunden auf das beste Jahr ihrer Karriere. Und auf das Schicksal.

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