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Ist Kerber bereit für die Thronfolge?

Sport - Ist Kerber bereit für die Thronfolge?

Eine Medaille hatte sich Angelique Kerber vor Beginn der Spiele erträumt - und jetzt sagt sie: "Da ist sie." Gold hätte es werden können, "aber es überwiegen die positiven Emotionen".

Beitragslänge:
8 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 31.12.2016, 23:59

Sieg in Melbourne, Finale in Wimbledon - Angelique Kerber spielt die Saison ihres Lebens. Bei den US Open (28. August - 11. September) könnte sie nun Serena Williams als Nummer eins ablösen. Doch zuletzt schienen der Kielerin wieder die Nerven zu flattern.

Fünf Jahre ist es her, da wollte Angelique Kerber alles hinschmeißen. Nur wenige Wochen, bevor die US Open begannen, steckte die damals 23-jährige Kielerin in einer ausgeprägten Sinnkrise. Wenn Kerber heute an diese düsteren Monate im Jahr 2011 zurückdenkt, nennt sie sie "die härteste Zeit meines Lebens". Sie war verzweifelt, stellte alles in Frage. Wo stand sie nach acht Jahren auf der Profi-Tour? Den richtigen Durchbruch hatte sie nicht geschafft, war auf Rang 92 abgerutscht und hatte 2011 zehn Mal in der ersten Runde verloren. Das konnte die ehrgeizige und mitunter dickköpfige Norddeutsche nicht verkraften. Sie wollte so viel mehr. Aber Kerber glaubte nicht mehr an sich.

Andrea Petkovic überzeugte sie damals, in der Tennis-Akademie der ehemaligen Profis Rainer Schüttler und Alexander Waske in Offenbach den Neuanfang zu wagen. Kerber trainierte dort einige Wochen mit eisernem Willen an ihrer Fitness, am Selbstvertrauen - mit Erfolg: Bei den US Open stürmte sie mit einem furiosen Lauf auf Anhieb bis ins Halbfinale. "Damals ist in New York alles für mich losgegangen", sagt Kerber heute. Der zweite Teil ihrer Karriere hatte begonnen. Und nun könnte Flushing Meadows den nächsten Meilenstein für sie parat halten: die Nummer eins.

Kerber will die Fragerei gerne ausblenden

Kommt Kerber in New York weiter als Serena Williams, würde sie die 35-jährige US-Amerikanerin nach 186 Wochen in Folge vom Thron stoßen. Mit dem Rekord von Steffi Graf hatte Williams gerade gleich gezogen. Der Kampf um die Weltranglistenspitze ist das heiße Thema vor Beginn der US Open. Aber Kerber will davon lieber nichts hören. Denn die Erwartungen erzeugen Druck und den versucht die Nummer zwei der Welt auszublenden. "Ich liebe diese Frage. Ich liebe sie", meinte Kerber mit leicht sarkastischem Unterton in der Pressekonferenz vor dem Turnierstart, "jeder redet gerade davon, das ist okay. Ich habe die Chance, aber ich werde mir gar keinen großen Druck machen. Wenn es passiert, passiert's."

Noch vor einer Woche war es nicht passiert. Da hätte Kerber das Endspiel von Cincinnati gegen Karolina Pliskova gewinnen müssen für die Nummer eins - doch sie scheiterte. Kerbers Aufschlagquote - ihre Achillesferse - war verheerend schlecht gewesen, die Nerven hatten geflattert. Auch im Endspiel der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro wirkte Kerber zuvor nicht souverän gegen Monica Puig, die über sich hinausgewachsen war. Fiel sie etwa in ihre alte Schwäche zurück?

Kerber kämpft um Anerkennung

Lange galt Kerber unter den Gegnerinnen als Nervenbündel. Wie noch im vergangenen Winter bei der Weltmeisterschaft in Singapur, als ihr ein einziger Satzgewinn zum Halbfinaleinzug gereicht hätte, aber Kerber einbrach. "Ich höre noch das Gerede in der Umkleide", erinnert sie sich, "alle haben gesagt: 'Sie hat ihre Nerven nicht im Griff. Sie kann mit dem Druck nicht umgehen.'" Nie wieder sollte ihr das passieren, das schwor sich Kerber danach - und strafte mit ihrem Sieg in Melbourne alle Kritiker ab. "Ich habe sehr viel aus Singapur gelernt", sagt Kerber, "und aus vielen anderen Niederlagen, bei denen ich mir viel zu viel Druck gemacht habe. Deshalb möchte ich jetzt nicht zu sehr an die Nummer eins denken, sondern mich lieber freuen, dass das die bisher beste Saison meiner Karriere ist."

Und mehr noch als um den Spitzenplatz oder Grand-Slam-Siege an sich geht es Kerber um Anerkennung, die sie lange in ihrer Karriere vermisst hatte. Als Serena Williams sie nach dem Wimbledonfinale innig am Netz umarmt hatte und ihr sagte: "Du bist auch ein Champion", da bedeuteten Kerber diese Worte wohl genauso viel, wie der mögliche Sieg. Denn nun gehört sie wirklich dazu, zu den Großen. Und diese endgültige Bestätigung hatte ihr immer noch gefehlt. Nun kann ihr niemand mehr unterstellen, ihr Coup in Melbourne sei nur ein Glückstreffer gewesen. "Egal, was jetzt irgendjemand sagt: Ich habe es mir und allen anderen bewiesen", sagt Kerber stolz, "ich fühle, dass ich jetzt angekommen bin. Und ich werde auf jeden Fall noch mehr Finals spielen."


Hat Kerber das Zeug zur neuen Frontfrau?

Doch nun ist Kerber in der Position, dass Siege nicht mehr überraschen, sondern von ihr erwartet werden. Kann sie damit schon umgehen? Momentan fehlt es Kerber noch an der gewissen Selbstverständlichkeit als Topspielerin auf dem Platz, diese Souveränität strahlt sie nicht immer aus. Zudem ist ihr Konterspiel sehr kraftraubend, was anhaltende Dominanz an der Spitze erschweren könnte. Als neue Frontfrau der Frauentour stünde Kerber noch mehr im Fokus, müsste ständig repräsentieren, den Tennissport weltweit verkaufen.

Ob sie dieser Rolle jetzt schon gewachsen ist, mag man bezweifeln, da sie mit ihren Medienterminen immer noch etwas fremdelt. Die Sponsoren stehen bei Kerber auch nicht Schlange. Doch ihr Wille ist stark, wie ihr Dickkopf, und sie will unbedingt in diese Position. "Ich weiß, dass ich jetzt da bin, wo ich bin, durch meine ganzen Erfahrungen", sagt Kerber, "ich habe schon so viel erreicht, ich brauche die Nummer eins jetzt nicht so verkrampft sehen." Und genau das, könnte das Erfolgsrezept werden.

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