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In Wimbledon bröckeln die Traditionen

Plattgewalzter Rasen, Dächer gegen Regen - aber der spielfreie Sonntag bleibt

Wimbledon ist für die meisten Tennis-Fans immer noch das Nonplusultra. Um eines der begehrten Tickets zu ergattern, zelten sie sogar im Park. Das hat Tradition im All England Club, wo aber auch mit immer mehr Gewohnheiten gebrochen wird.

Wimbledon - All England Club
Tennis-Mekka von Wimbledon mit flexiblem Dach und neuem Rasen
Quelle: reuters

Der Tag im Wimbledon Park beginnt in aller Hergottsfrühe. "Good morning, wake up!", schallt es um 6 Uhr morgens beherzt über die große Wiese. Aufstehen ist angesagt, da sind die ehrenamtlichen Stewards unerbittlich. Nun heißt es, die kleinen Zweimann-Zelte abzubauen, zusammenzupacken und in den Containern für den Tag zu verstauen. Und dann geht sie los, die berühmte Queue - also Schlange stehen für Wimbledon-Tickets. Die Hartgesottenen, die die Nacht im Zelt verbracht haben, hoffen dabei auf eine der insgesamt etwa 200 Karten, die täglich noch für den Centre Court, Court 1 und 2 zu haben sind. Jeder einzelne hatte am Vortag bei der Ankunft bereits eine sogenannte Queue-Karte bekommen mit der Nummer, die seine Position in der Schlange anzeigt. Alles unter 200 lässt also hoffen.

Ganz diszipliniert stellen sich die Tennis-Fans dann morgens auch in genauer Reihenfolge auf. Immer wieder aufrücken, über Stunden, aber kein Murren, kein Drängeln. Schlange stehen ist so etwas wie ein Volkssport bei den Briten und sie beherrschen das so gut wie wir hierzulande die Disziplin Behörde. "Laute Musik, rauchen, zu großer Alkohol-Konsum oder ungebührliches Verhalten wird in der Queue nicht toleriert", betont daher Hauptgeschäftsführer Richard Lewis im umfangreichen Verhaltenscodex, der jedem Wartenden mit ausgehändigt wird. Pinkelpausen sollten demnach 30 Minuten auch nicht überschreiten und der Müll bitte entsprechend selbst entsorgt werden. Alles ist organisiert, alles folgt festen Regeln und doch gibt es für viele Briten einmal im Jahr nichts Schöneres. Es gehört zum Wimbledon-Erlebnis einfach dazu und schließlich ist es eine der wenigen Sport-Großveranstaltungen, bei der man für den gleichen Tag noch Premium-Tickets ergattern kann.

Vordrängeln gibt's nicht

Doch es gibt täglich auch noch etwa 1000 sogenannte Ground-Tickets, die Zugang zu den vielen Außenplätzen im All England Club gewähren. Und viele freuen sich auf einen schönen Tag mit Picknick auf dem Hügel vor der Videoleinwand, die "Henman Hill" getauft wurde. Und so wird die Schlange ab 6 Uhr morgens immer länger und länger, mit all jenen, die auf ein Ground-Ticket hoffen. Auch sie bekommen eine Nummer, vordrängeln gibt es nicht. Und den Platz für jemand anderen freizuhalten, ist auch verboten. Wenn sie es dann geschafft haben hinter die edlen Metallgitter des Klubs, dann stoßen manche erst einmal einen spitzen Freudenschrei aus. Wie Bergsteiger, die den höchsten Gipfel erklommen haben. War es die Strapazen wert? Niemand wird das verneinen, es ist eben das Mekka des Tennissports.

Doch als 1877 die ersten "Lawn Tennis Championships" in Wimbledon ausgetragen wurden, da hatte alles noch das Flair einer netten Gartenparty. Nur ein paar hundert Interessierte schauten dem Geschehen auf dem Rasen zu, aber schon damals umgab die private Klubanlage ein geradezu erhabener Charme. Mittlerweile, bei der nun 133. Ausgabe, ist die Gartenparty zum renommiertesten Tennisturnier überhaupt geworden, bei dem bis zu 500.000 Zuschauer an die Church Road pilgern und das von Millionen weltweit verfolgt wird. Was wohl die besondere Faszination von Wimbledon ausmacht, ist die beharrliche Wahrung der Tradition im Klub, ungeachtet des modernen Wandels ringsum. Man hat es für sich zum Markenzeichen erhoben, und so sind nach wie vor Werbetafeln vom Gelände ebenso verbannt wie bunte Spielerkleidung. Und am berühmtem "Middle Sunday", dem ersten Sonntag der Turnierwoche, wird unter keinen Umständen gespielt. Komme, was da will.

Rasen wurde entschleunigt

Lange konnte man sich im All England Club der Illusion hingeben, in diesem 17 Hektar großen Kosmos würde die längst vergessene Zeit für immer konserviert werden. Die Traditionalisten unter den Briten hofften das wohl auch. Doch längst ist klar, dass in Wimbledon eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Seit 2009 thront über dem Centre Court eine flexible Überdachung aus einer 70 Tonnen schweren Stahlkonstruktion. Damals glich das einer Revolution, die dem Druck der Fernsehanstalten geschuldet war. In diesem Jahr wird das neue Dach auf Court 1 eingeweiht und dem launischen Londoner Wetter ein weiteres Schnippchen geschlagen.

Doch mit einer entscheidenden Tradition wurde schon vor fast 20 Jahren gebrochen: mit dem Rasen an sich. Als Boris Becker und Stefan Edberg noch mit ihrem kompromisslosen Angriffstennis, dem Serve-and-Volley, die Trophäen in Wimbledon gewannen, waren die Plätze damals oft uneben und die Bälle versprangen munter. Der Rasen war launisch, unberechenbar. "Jetzt sind die Ballwechsel in Wimbledon fast so lang wie in Paris", bedauert Mischa Zverev, der noch heute Serve-and-Volley spielt. Doch nachdem Wimbledon in den 90er Jahren unter Pete Sampras und Goran Ivanisevic zum reinen Aufschlagwettbewerb geworden war, bremste der All England Club den Untergrund im Jahr 2001 ein. Schluss war mit Bum-Bum, nun bestehen die acht Millimeter kurzen Halme einzig aus Weidelgras, es wird dicht gesät und die Plätze werden stark gewalzt. Wimbledon hat sich entschleunigt und die Tradition wurde einfach plattgewalzt.

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