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Kerber: "Bin immer noch die gleiche Angie"

Sport - Kerber: "Bin immer noch die gleiche Angie"

Im "aktuellen sportstudio" mit Standing Ovations empfangen, spricht Australian-Open-Siegerin Angelique Kerber über ereignisreiche Wochen und blickt zurück auf ihren sensationellen Grand-Slam-Titel.

Beitragslänge:
20 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.02.2017, 23:30

Im aktuellen Sportstudio mit Standing Ovations empfangen, spricht Australian-Open-Siegerin Angelique Kerber über ereignisreiche Wochen und blickt zurück auf ihren sensationellen Grand-Slam-Titel.

Höhenflug ohne abzuheben

von Petra Philippsen

Durch ihren Coup in Melbourne ist Angelique Kerber über Nacht zum neuen deutschen Tennis-Star geworden. Von allen Seiten wird nun an ihr gezerrt, der Rummel ist gewaltig. Doch der Ruhm wird ihr nicht zu Kopf steigen - dafür sorgt ihr Umfeld. Heute ist Kerber zu Gast im aktuellen sportstudio (23:30 Uhr).


Der Rummel um sie hatte noch gar nicht richtig begonnen, am Tag vor dem Finale der Australian Open in Melbourne. Angelique Kerber wusste da noch nicht, was kurz darauf auf sie zurollen würde. Was der erste deutsche Grand-Slam-Sieg seit Steffi Graf vor 17 Jahren entfachen sollte, bei den Fans und bei ihr selbst. Doch sie ahnte es bereits. "Also wenn ich abhebe, dann bitte Bescheid sagen", sagte sie lachend in die Presserunde.

Der "Ker-Boom"

Aber diese Gefahr hatte bei der bodenständigen Norddeutschen noch nie bestanden, und das wird sich auch nach dem bisher größten Erfolg ihrer Karriere nicht ändern. "Ich bin nicht der Typ, dem so etwas zu Kopf steigt", sagte Kerber nach ihrem Coup und meinte damit ihre schlagartige Prominenz, die mit einem Dauerreigen von Interviews, TV-Auftritten, Fotoshootings und PR-Terminen einher ging. Ganz abgesehen von den unzähligen Schulterklopfern, die sie nun gerne vereinnahmen wollen. Und den 2,2 Millionen Euro Preisgeld, das sie ad hoc gewann. Aber Kerber hat Glück, ihr können die süßen Verlockungen des Ruhms nichts anhaben. Der "Ker-Boom", wie ihn die australischen Medien tauften, soll nur ihren Höhenflug auf dem Platz beschreiben, nicht ihren eigenen.

"Ich habe nach meinem Sieg kurz mit Steffi telefonieren können", erzählte Kerber. Und der 22-malige Grand-Slam-Champion hatte sich erneut als guter Ratgeber für die 28-jährige Kielerin erwiesen. "Sie sagte mir: Ich soll jetzt alles ein paar Wochen genießen, aber so bleiben, wie ich bin. Dann würde auch künftig alles in den richtigen Bahnen verlaufen." Für die Bodenhaftung würde allein schon Kerbers Umfeld sorgen, das sie von jeher begleitet hat. Allen voran ihre Großeltern Maria und Janusz, zu denen sie gleich nach ihrem Sieg flog. Ins kleine Puszczykowo nahe Posen in Polen, wo Kerber nicht nur als Kind mit ihrer Schwester Jessica die Schulferien verbrachte, sondern inzwischen auch wohnt. Und schon geriet die gebürtige Bremerin, die in Kiel aufgewachsen ist, ins Frage-Kreuzfeuer. Ist sie nun Deutsche oder doch Polin?

Wahlheimat Puszczykow

"Ich bin auf jeden Fall Deutsch und mein Herz schlägt für Deutschland", betonte Kerber wieder und wieder. Ihr Herz hängt aber auch an ihrer Wahlheimat: "Ich habe den Titel auch für Polen gewonnen. Ohne meine Großeltern hätte ich das nie geschafft, sie haben mich immer unterstützt. Und ich fühle mich in Puszczykowo wie Zuhause." Ihre Großeltern betreiben dort eine Tennishalle mit Namen "Angie", in der Kerber in diesem Winter auch die Saisonvorbereitung absolvierte und den Grundstein für den großen Coup Down Under legte. Das 10.000-Einwohner-Örtchen behagt Kerber. Ruhe, Idylle, Privatsphäre. "Es ist jetzt nicht gerade der Glamour-Hotspot", sagt sie lachend, "aber für das Training ist es genau richtig."

Das war auch in den Jahren in Kiel nicht anders gewesen. Ihre Schwester betreibt dort den Kosmetiksalon "Schönsinn" und bis heute kann sie unbehelligt in ihrem Lieblingscafé an der Uferpromenade sitzen oder mit Freunden Bowling spielen gehen. Kerber gefällt es zwar, nun auch zu schillernden Veranstaltungen eingeladen zu werden, doch ihre Arbeit würde sie für Rote Teppiche nie vernachlässigen.

Die Rückkehr zu Trainer Torben Beltz

Disziplin und Ehrgeiz hatten sie so weit gebracht - und ihr Dickkopf. "Manchmal kann ich schon schwierig sein", gesteht Kerber, doch umso wichtiger war für sie die Rückkehr im letzten Frühjahr zu ihrem Trainer Torben Beltz. Bereits als junger Teenager arbeiteten sie gemeinsam bis zu ihren ersten Profijahren. Und Kerber hatte während ihrer Krise zu Beginn der vergangenen Saison jemanden gebraucht, dem sie vertraut. "Er weiß genau, wie ich ticke, weiß, wann ich mal Zeit für mich brauche und kann auch mit meinen Emotionen umgehen", erklärte sie. „Egal, was ist. Ich kann immer auf ihn zählen."

Vertrauen ist ganz wichtig für sie. So ist auch Andrea Petkovic eine enge Vertraute geworden, beide kennen sich seit Teenager-Tagen und sind nicht nur im Fed-Cup-Team Verbündete. Petkovic war in Phasen für sie da, als Kerber zweifelte und oft hinter den Erwartungen zurückblieb. Umgekehrt lief es genauso. "Angies Erfolg hat mich total inspiriert", sagte die 28-jährige Darmstädterin, die sofort mehr Trainingslust bei sich verspürt hatte. Nicht aus Neid, denn sie gönnt ihrer Freundin den Triumph von Herzen. Aber aus Ansporn, von jeher hatten sie sich gegenseitig angetrieben und mitgezogen. "Weil ich so nah dran bin, ist es für mich noch inspirierender, als Serena Williams beim gewinnen zuzuschauen", sagte Petkovic, "denn ich war dabei, als Angie schwierige Zeiten hatte und nicht daran geglaubt hat. Als sie viele Hindernisse überwinden musste. Das sieht das Publikum dann nicht. Die sehen nur den Glanz."

Rückhalt der deutschen Spielerinnen

Auch ihre Kolleginnen gönnen Kerber unisono den Ruhm, das ist damals beim Wimbledon-Finale von Sabine Lisicki noch anders gewesen. Doch Kerber hat den ungeteilten Rückhalt der deutschen Spielerinnen, deren starke Frontfrau sie nun ist. So sind weitere sportliche Erfolge mehr als wahrscheinlich, sie würden den "Ker-Boom" in Deutschland am Leben halten. Und das dank einer Angelique Kerber, die den Höhenflug genießt - ganz ohne abzuheben.

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