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Russlands Leichtathleten und das Ringen um die Ringe

Sport - Russlands Leichtathleten und das Ringen um die Ringe

Der neue Bericht der Untersuchgungskommission der Welt-Anti-Doping-Behörde WADA setzt den Präsidenten des internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF unter Druck.

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 13.01.2017, 20:06

Vor zwei Monaten hat die IAAF die russischen Leichtathleten nach Entlarvung eines Doping- und Korruptionssystems von allen internationalen Wettbewerben gesperrt - inklusive Olympia in Rio. Doch bis auf einige oberflächliche Reformen, hat sich bisher nichts getan im russischen Sportsystem.

Es war ein Urteil, das zu erwarten war. Trotzdem reagierten die meisten russischen Athleten schockiert, als der Leichtathletik-Weltverband IAAF vor zwei Monaten Russland von allen internationalen Wettbewerben suspendierte. Was zu Folge haben könnte, dass russische Sportler nicht nur den anstehenden Hallen-WM in Portland (17. - 20. März) fernbleiben müssten, sondern auch den Olympischen Spielen in Rio (5. - 21. August).

"Ich verstehe nicht, wie man gleich ein ganzes Land disqualifizieren kann, ohne zu unterscheiden, wer schuldig und wer unschuldig ist", kommentierte Maria Kutschina die Entscheidung. Eine Meinung, mit der die aktuelle Hochsprungweltmeisterin nicht alleine dasteht. Fast alle russischen Athleten, die sich zu dem Thema geäußert haben, verurteilen die Suspendierung. Über das flächendeckende, vom russischen Staat zum Teil getragene Doping- und Korruptionssystem, welches die Ermittler der WADA in ihrem über 300 Seiten umfassenden Bericht belegen, verlieren die meisten Athleten kein Wort. Und wenn es einzelne Sportler doch tun, verweisen sie sofort auf die Dopingfälle in anderen Ländern.

Sorge um die wirtschaftliche Existenz

Es ist eine Opferhaltung, die nicht nur dem Umstand geschuldet ist, dass die Athleten von dem angeprangerten System abhängig sind. Für die russischen Leistungssportler geht es auch um die wirtschaftliche Existenz. Denn viele von ihnen haben schon vor der Sperre Vorverträge für hochdotierte Leichtathletik-Meetings im Ausland abgeschlossen. Allein bei der IAAF Diamond League, werden dem Gewinner eines Meetings 10.000 Dollar ausgezahlt. Das traditionelle ISTAF in Berlin wiederum lockt Athleten mit Startprämien ab 1000 Euro. Je bekannter der Name, desto höher die Summe.

So ist es nicht verwunderlich, dass die russischen Athleten und Funktionäre nach Möglichkeiten suchen, die Sperre zu umgehen. "Unsere Athleten könnten in Rio auch unter der Flagge der Olympischen Spiele antreten", erklärte der russische Sportminister Witali Mutko. Was rein theoretisch möglich wäre, wenn der IAAF und das Internationale Olympische Komitee mitspielen.

Russische Anti-Doping-Agentur in Modskau
Russische Anti-Doping-Agentur in Moskau Quelle: ap

Eine Idee, die bei vielen russischen Athleten Unterstützung findet, auch wenn diese nicht vergessen, ihren Patriotismus zu betonen. "Mit ist es wichtig, bei den Spielen unter der russischen Fahne anzutreten", erklärte die Doppel-Olympiasiegerin im Stabhochsprung, Jelena Issinbajewa.

Nur oberflächliche Reformen

Erklärungen, die in Russland viele mit einer gewissen Genugtuung aufgenommen haben dürften. Denn mit der Sperre kam auch die Sorge, dass so mancher Sportler die Staatsbürgerschaft wechseln könnte, was in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nicht unüblich ist. Doch dem setzte der russische Verband schon vorzeitig einen Riegel vor.

"Um für ein anderes Land zu starten, bedarf es der Zustimmung des bisherigen Verbandes. Und wenn dieser sein Veto einlegt, droht eine dreijährige Sperre", erklärte Tatjana Lebedewa, ehemalige Weitsprung-Olympiasiegerin und heutige Verbands-Vizepräsidentin.

Somit bleibt den russischen Athleten nichts anderes übrig als weiterhin zu trainieren und auf die notwendigen Veränderungen zu warten. Und erste, zumindest oberflächliche Reformen, sind in Moskau zu beobachten. "Doch am System selber hat sich bisher nichts geändert. Der Leistungssport wird vom Staat finanziert. Als Gegenleistung müssen die Trainer Erfolge liefern. Und um diese zu erreichen, dopen sie die Athleten", sagt Iwan Kalaschnikow, Chefredakteur des populären Sportportals sports.ru. "Die einzige Hoffnung ist eine neue Generation von Verantwortlichen, die den Staat überzeugen können in einen sauberen Sport zu investieren, auch wenn die Ergebnisse nicht stimmen", so der Journalist.

Gedopte Vorbilder

Doch dafür müsste der Staat sein Verhältnis zu überführten Sportlern überdenken, was momentan unwahrscheinlich scheint, wie der Fall Ljubow Jegorowa zeigt. Obwohl die sechsfache Olympiasiegerin im Skilanglauf 1997 wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt wurde, bekam sie in den vergangenen Jahren nicht nur unzählige staatliche Auszeichnungen, sondern startete auch eine Karriere in der Politik. Seit Mitte Dezember fungiert sie zudem als Fitnessbotschafterin der russischen Regierung.

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