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Präsident Wahler tritt zurück - Kramny nicht mehr Chefcoach

Sport - Präsident Wahler tritt zurück - Kramny nicht mehr Chefcoach

Das Nachspiel der Sportreportage vom 15. Mai 2016. Rudi Cerne analysiert mit Fußball-Experte Simon Rolfes den letzten Spieltag der Bundesliga-Saison '15/16 und blickt auf die neue Saison sowie die EM.

Beitragslänge:
8 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 15.05.2017, 15:33

Dem Abstieg folgt das Großreinemachen: Präsident Bernd Wahler ist zurückgetreten, Sportvorstand Robin Dutt kaum zu retten. Jürgen Kramny ist sein Amt als Chefcoach los. Der VfB Stuttgart steht vor einem grundlegenden Wandel.

Die Aufräumarbeiten werden vermutlich teuer. Ein paar Millionen Euro gehen sicher drauf, um die Trümmer der Ära Wahler-Dutt-Kramny und des Ex-Trainers Alexander Zorniger zu beseitigen. Trainer Jürgen Kramny wird zukünftig kein Chefcoach mehr sein, denn sein Vertrag endete mit dem Abstieg - er muss den VfB vermutlich verlassen. Präsident Wahler vollzog am Tag nach dem Absturz seinen angekündigten Rücktritt. Nun will (oder muss) der Aufsichtsrat Nachfolgelösungen suchen, weil das Gremium befürchtet, sonst selbst in den Fokus des Volkszorns zu geraten. Der katastrophale Zustand des Vereins aber könnte den direkten Wiederaufstieg gefährden.


Dabei ist Eile geboten. Die Saison in der Zweiten Liga muss geplant werden. Ein neuer Präsident, Manager - im Gespräch ist der scheidende Schalke Sportdirektor Horst Heldt - und Trainer müssen her. Nicht auszudenken, was den Verein erwartet, wenn bis zur Mitgliederversammlung am 17. Juli keine überzeugende Lösung auf dem Tisch liegt. Mitte Juli geht es nicht mehr um die Ausgliederung der Profiabteilung, mit der der VfB rund 70 Millionen Euro von Investoren generieren wollte. Die Zukunft des Klubs steht auf dem Spiel.

Muss Dutt auch gehen?

Intern hat ein potenter Sponsor längst das Steuer in die Hand genommen. Man wolle dem chaotischen Treiben nicht länger zusehen, heißt es. Zuletzt war der Rückhalt des lange umstrittenen Managers Dutt geschmolzen. Der hatte nicht nur Großteile des Kaders und der Sponsoren gegen sich aufgebracht, sondern auch den Verein brüskiert.

Robin Dutt
Robin Dutt Quelle: dpa


So wird Dutt angelastet, die jüngsten Vertragsverlängerungen von Kapitän Christian Gentner und Daniel Ginczek an der Medienabteilung vorbei an eine Zeitung lanciert zu haben, um Eigenwerbung zu betreiben. Die betroffenen Spieler, so wird berichtet, seien tief verärgert. Kurz vor dem Abstieg stellte Dutt neue „Kaderplaner“ und Scouts ein, ohne gestoppt zu werden. Die schwache Abwehr (75 Gegentore) ließ Dutt ohne Verstärkung weiter wursteln.

Alleinherrscher ohne Kontrolle

Dabei liest sich die Bilanz des 51-Jährigen bescheiden. Das  großspurig propagierte „alternativlose“ Offensivspiel von Zorniger endete nach 12 Spieltagen im November 2015 auf Rang 16 mit dem Rauswurf. Dutts Verhältnis zu Teilen des Kaders war da bereits irreparabel belastet. Früh in der Saison beschäftigte sich das halbe Team mit Abwanderungsgedanken. Der erfolglose Amateurtrainer Kramny sollte die Situation retten, dabei wollten zuvor weder Wahler noch Dutt dessen Vertrag beim VfB II verlängern. Mehrmals stand Kramny bei den Amateuren vor der Entlassung.


Bei seinem Amtsantritt vor 18 Monaten warf Dutt seinem Vorgänger Fredi Bobic schwere Versäumnisse vor, was nicht einmal bei dessen Kritikern gut ankam. Zumal Dutt selbst neben dem blassen Klubchef Wahler mehr und mehr als Alleinherrscher wahrgenommen wurde.

Machtkämpfe und Richtungsstreits

Der Niedergang des Meisters von 2007 begann schon vor Dutt. Jahrelang vernachlässigte man die Nachwuchsarbeit. Stattdessen widmete man sich internen Machtkämpfen und Richtungsstreits. Fast die gesamte Nachwuchsabteilung ergriff die Flucht und schloss sich Ex-VfB-Trainer Ralf Rangnick bei RB Leipzig an.


Mittlerweile sind die Amateure aus der Dritten Liga abgestiegen und die meisten Jugendteams laufen der Titel-Musik hinterher. Der VfB muss nun dafür büßen, nicht auf sportliche Kompetenz gesetzt zu haben. Stattdessen führten diverse Führungskräfte aus der Wirtschaft den Verein wie ein exotisches Hobby nach Gutsherrenart. Statt den Verlust tragender Säulen des Teams auszugleichen, bürdete sich der Verein einen teuren Stadionumbau auf.

Keine konstruktive Streitkultur

Eine konstruktive Streitkultur gab es beim VfB nie. Wenn ein kritischer Geist wie der ehemalige VfB-Profi Karl Allgöwer Hilfe anbot, ignorierte man dessen Einwürfe. Zuletzt war Allgöwer als externer Berater engagiert, wurde aber erst konsultiert als es zu spät war. Im März wähnte man sich bei zehn Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang gerettet und ließ die Zügel schleifen.


Noch in Wolfsburg drückten die VfB-Anhänger ihren Frust auf Transparenten aus: „Keine Ahnung, keinen Plan, keine Perspektive  – Vorstand raus“. Der Wunsch wird in Erfüllung gehen, tiefgreifende Probleme aber bleiben den Schwaben erhalten.

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