Max Allegri, der Anti-Trainerstar

Champions-League-Finale Juventus Turin - Real Madrid

Der Einstand bei Juventus Turin begann für Max Allegri mit Eierwürfen. Mittlerweile jedoch hat der Trainer alle Kritiker überzeugt. Denn vor seiner möglichen ersten Champions-League-Trophäe hält der 49-Jährige zwei überragende Bestmarken.

Max Allegri, Trainer von Juventus Turin
Max Allegri, Trainer von Juventus Turin Quelle: Imago

Scheint ja eigentlich ganz einfach dieser Fußball. Man müsse im richtigen Moment clever und pragmatisch handeln - und gut Fußball spielen können. Sagt Max Allegri. Calcio sei eben ein Gefühl. "Italien begeht oft den Fehler, das Spektakel in der System-Zwangsjacke zu ersticken. Wenn du dem Fußball die Poesie nimmst, kannst du ihn gleich am Computer spielen", sagt Allegri.

Zwischen Liga eins und vier

Als Aktiver kickte sich Allegri unter anderem in der Heimatstadt Livorno, Cagliari oder Neapel mittelmäßig durch die Ligen eins bis vier. "Mit dem Verstand von heute hätte es womöglich für die Nationalelf gereicht. Aber so schloss ich eine durchschnittliche Karriere ohne Reue", sagte er einmal.

Auf der Bank arbeitete sich Allegri indes durch imponierende Resultate langsam unter die Elite - Aufstieg mit Sassuolo, Trainer des Jahres bei Cagliari, letzter Meistercoach des welkenden AC Milan bis er dem forcierten Sparkurs von Cavaliere Silvio Berlusconi zum Opfer fiel.

Unfreundliche Begrüßung

Zum Amtsantritt bei Juventus vor drei Jahren begrüßten den Nachfolger von Antonio Conte am Trainingsgelände Eier und hagelnde Flüche, Graf Max - so sein Spitzname - stellte sich nonchalant in den Gegenwind. "Bedenkt man den anfänglichen Tumult, besaß der Mann wirklich Eier", erinnert sich Präsident Andrea Agnelli. "Pazienza", Geduld, ist neben "calma" (Ruhe) Allegris Lieblingsvokabel.

Man schrieb den 15. Juli 2014, als das Turiner Sportblatt "Tuttosport" zur Umfrage aufrief: "Ist Allegri die richtige Wahl?" Das Resultat las sich niederschmetternd: 91,5 Prozent der Juventini votierten nein. Kein Charakter, der dem edlen Turiner Umfeld goutierte - er wirkte zu farblos und besaß vor allem das Stigma des verhassten Ex-Milan-Coaches.

Zwei Rekorde

Mittlerweile hat sich der Wind deutlich gedreht. Zum ersten Mal in der Serie A gelangen einem Coach drei Double in Folge, und schon jetzt ist er der Chefcoach mit dem besten Sieges-Durchschnitt der Vereinsgeschichte: Von 165 Pflichtspielen gewann er 70,3 Prozent, im Champions-League-Finale am kommenden Samstag gegen Real Madrid (ZDF live) soll Sieg Nummer 117 folgen.

Im Kommenden August würde er seinen 50. Geburtstag gerne als Champion feiern, die Königsklasse wäre seine Juve-Trophäe Nummer acht - mehr gewannen lediglich Giovanni Trapattoni (14) und Marcello Lippi (13).

In Europas Elite angekommen

Allegris Flexibilität und Persönlichkeit halfen Juve außerordentlich zum endgültigen Sprung unter Europas Elite. Bisweilen kommt ihm mitten in der Nacht spontan eine großartige Inspiration, die seinen eigentlichen Spielplan über den Haufen wirft. Überhaupt interessiere ihn 3-5-2 oder 7-2-1 nicht, "darüber können die Leute in der Kaffeebar quatschen", sagt er.

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Seine distanzierte Leichtigkeit wirkt gelegentlich, als würde ihn auch der Erfolg herzlich wenig interessieren. Dafür erledigt er die Arbeit durchaus ordentlich und haucht in seinem toskanischen Akzent, dass man nicht 24 Stunden bloß Video-Analysen betreiben und manisch an Fußball denken könne.

Meister der Kritiken

Der Wind bleibt in Turin gewohnt rau. Spieler x müsste auf einer anderen Position spielen, der Trainer ist ein Angsthase und wechselt immer zu spät - die Meisterschaft der Kritiken hat Allegri ebenfalls regelmäßig gewonnen. Er antwortet mit Schulterzucken und lässt sich spontan inspirieren.

Die Profis folgen mit Leidenschaft. Entgegen der Aufschreie führte er Paulo Dybala langsam zum Topstar, Mario Mandzukic zum sich aufopfernden Flügelspieler. Gegen Barcelona wechselte Juventus so oft seine taktische Ausrichtung, bis sich die Katalanen ratlos ergaben.

Absage ans Entertainment

In einigen Aspekten erinnert die kollektive Bastion durchaus an Inters Elf 2010 unter José Mourinho, dem bis dato einzigen Triple-Sieger Italiens. Ein paar Unterschiede trennen beide dann doch. Inters Triumph blieb ein blitzartiger Husarenritt, während Turins Planung unter struktureller Weitsicht arbeitet. Und anders als Mourinho meidet Allegri mediales Tohuwabohu am liebsten: "Wer Entertainment möchte, soll in den Zirkus."

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