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Where did it all go wrong, Leicester City?

Der englische Meister steht am Abgrund

Vor neun Monaten wurde Leicester City sensationell englischer Meister. Doch nach der Party kam der Kater: 2017 taumelt der Klub dem Abstieg entgegen, im FA-Cup schied man gegen einen Drittligisten aus. Sind die „Foxes“ noch zu retten?

Claudio Ranieri (Ex-Trainer Leicester City)
Claudio Ranieri (Ex-Trainer Leicester City)
Quelle: reuters

Eine der kuriosesten Geschichten rund um Leicester Citys sensationellen Titelgewinn 2016 ist jene von Leigh Herbert. Der 40-Jährige aus Leicester, Fan der „Foxes“ von Kindesbeinen an, hatte aus einer Bierlaune heraus auf Leicester City als Meister gewettet. Anlass war die Nachricht gewesen, dass der Italiener Claudio Ranieri den Fast-Absteiger als Trainer übernehmen würde. Für den völlig abwegigen Tipp bekam Herbert eine Quote von 1:5000, die es unter anderem auch dafür gegeben hätte, wenn die Existenz des Monsters von Loch Ness nachgewiesen worden wäre oder sich Weihnachten als heißester Tag des Jahres herausgestellt hätte.

UEFA-Champions-League live im ZDF

Jochen Breyer (li.) und Oliver Kahn
Jochen Breyer (li.) und Oliver Kahn
Quelle: ZDF

Ein Topteam der spanischen Primera Division gegen den Meister der Premier League: Das Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League zwischen dem FC Sevilla und Leicester City gibt es am Mittwoch (ab 20:25 Uhr) im ZDF zu sehen.

Experte: Oliver Kahn
Moderation: Jochen Breyer
Reporter: Martin Schneider

Ein Punkt vor den Abstiegsrängen

Es dürften die am besten investierten fünf Pfund im Leben des Leigh Herbert gewesen sein, am Ende der Saison bekam er 25.000 Pfund dafür zurück. Würde Herbert dieser Tage fünf Pfund auf Ranieri als den Premier-League-Trainer setzen, der als nächstes entlassen wird, bekäme er nicht einmal zehn Pfund zurück: Leicester City präsentiert sich im Frühjahr 2017 unter Ranieri so desolat, dass die Buchmacher nicht einmal mehr das Doppelte für diese Wette auszahlen.

Mit einer wilden, aufregenden Mannschaft hat Claudio Ranieri in der abgelaufenen Saison das wohl größte Fußballwunder der jüngeren Geschichte geschrieben. Die von Ranieri angeleitete Truppe von Underdogs schlug den Großen der Branche ein Schnippchen und konnte sensationell die Meisterschaft gewinnen. Besieht man sich den Meister in seiner aktuellen Form, muss man konstatieren: Es wäre ein weiteres Wunder, wenn Leicester City im Sommer nicht absteigen würde.

Seit dem Jahreswechsel konnte man noch kein einziges Spiel gewinnen, ja noch nicht einmal ein Tor erzielen. Tabellenplatz 17 ist die Konsequenz, nur ein Punkt trennt Leicester von den Abstiegsrängen. Am Wochenende nun gab es den nächsten Rückschlag: Im FA-Cup-Achtelfinale scheiterten die Foxes am Drittligisten Millwall, in Überzahl wohlgemerkt. Über das Wunder der Meistersaison redet in England niemand mehr. Vielmehr stellt sich das Mutterland des Fußballs die Frage: Where did it all go wrong, Leicester City?

Noch nicht einmal ein Schuss aufs Tor

Ranieri, der in diesen Wochen zunehmend müde wirkt, erklärt die Krise mit der ihm eigenen Nonchalance: „Wir kassieren zu viele Tore und schießen zu wenig.“ Das klingt wie eine Binsenweisheit, bringt die Probleme des Meisters allerdings auf den Punkt. Die Offensive, in der Vorsaison eine gut geölte Maschine, stottert gewaltig. 68 Tore schoss Leicester in der Meistersaison, nach aktuell 25 Spieltagen sind es bislang nur 24 Treffer. Jamie Vardy und Riyad Mahrez, das kongeniale Offensivduo, das 2015/16 die gegnerischen Abwehrreihen am Fließband sezierte und gemeinsam auf 41 Tore kam, ist kaum wiederzuerkennen. Mahrez hat erst drei Treffer erzielt, alle drei vom Elfmeterpunkt.

Vardy, Torschützenkönig 2016 mit 24 Treffern, kommt auf aktuell nur fünf Saisontore. Mehr noch: Im Jahr 2017 hat Vardy das Kunststück fertiggebracht, noch nicht einmal einen Schuss aufs gegnerische Tor zu bringen. Für eine Mannschaft mit einer guten zweiten Reihe wäre das aufzufangen. Die Ersatzstürmer um den Ex-Mainzer Shinji Okazaki, Islam Slimani oder Ahmed Musa präsentieren sich aber leider auch nicht unbedingt als echte Alternativen.

Kante-Verkauf schwächt Defensive

N'Golo Kanté (M. im Trikot von Leicester City) – er spielt inzwischen bei Chelsea
N'Golo Kanté (Mitte) - er spielt inzwischen bei Chelsea
Quelle: imago

Fast noch schwerer als die Sturmflaute wiegt die Anfälligkeit in der Defensive. Der famose N'Golo Kanté, in der Vorsaison noch der beste defensive Mittelfeldspieler der Premier League, wurde nach der Meisterschaft an Chelsea verkauft. Der erst 22-jährige Daniel Amartey kann ihn ebenso wenig ersetzen wie der im Winter verpflichtete Onyinye Ndidi. Darunter leidet die komplette Statik des Spiels, denn einerseits leitete der emsige und zweikampfstarke Kanté mit seinen zahllosen Ballgewinnen das überfallartige Konterspiel der „Foxes“ein, das den Klub überhaupt erst so erfolgreich machte.

Andererseits verhinderte er damit, dass übermäßig viele Angriffe auf das Innenverteidiger-Duo Robert Huth und Wes Morgan anrollten. Ohne den Abräumer Kanté zeigt sich nun, wie anfällig diese beiden sind. Oder wie es Leicester-Legende Gary Lineker auf Twitter formulierte: „Huth und Morgan ohne Kanté davor sind eben doch nur Huth und Morgan“. Und während sich Kanté mit seinem neuen Klub anschickt, erneut Meister zu werden, ist Leicester weiter auf der Suche nach der Stabilität.

Das Märchen droht zum Alptraum zu werden

Vichai Srivaddhanaprabha (Besitzer Leicester City)
Vichai Srivaddhanaprabha (Besitzer Leicester City)
Quelle: imago

Formschwache Stars, eine anfällige Defensive und ein Kader, dem die nötige Breite fehlt: Die Gründe für Leicesters Sinkflug liegen auf der Hand. Schnell zu beheben sind sie nicht. Viel Zeit bleibt Ranieri also wohl nicht mehr, selbst ein Erfolg in der Champions League gegen Sevilla, in der sich Leicester entgegen der Ergebnisse in der Liga überwiegend souverän präsentierte, dürfte nicht unbedingt für Entlastung sorgen. Zu groß sind die Abstiegssorgen.

Noch hält Klub-Boss Vichai Srivaddhanaprabha zu Ranieri und untermauerte dies vor zwei Wochen mit einem öffentlichen Treuebekenntnis. Droht das Märchen jedoch vollends zum Alptraum zu werden, dürfte Srivaddhanaprabha seinen Standpunkt nochmal überdenken. Wetten?

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