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Favres schwierigste Prüfung

Fußball | Champions League: BVB - Tottenham

Der Krisen-BVB geht gereizt ins Achtelfinal-Rückspiel der Champions League zu Hause gegen Tottenham (Dienstag, 21 Uhr). Ein Wunder muss her, Trainer Lucien Favre ist als Psychologe und Motivator gefragt.

Borussia Dortmunds Trainer Lucien Favre
Borussia Dortmunds Trainer Lucien Favre
Quelle: dpa

Ein Abend im Europapokal. Flutlicht im früheren Westfalenstadion. Das Malaga-Wunder, die Show gegen Real, oder erst jüngst der Kantersieg über Atletico: Was für tolle Erinnerungen die Fans von Borussia Dortmund mit der Königsklasse verbinden.

Doch aktuell fällt es - entgegen aller anderslautender Bekundungen - schwer an eine Wiederholung zu glauben. Auch wenn Kapitän Marco Reus beteuert, dass die Kollegen "an das Wunder glauben." Es klingt ein wenig nach Zweckoptimismus. Das Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen Tottenham Hotspur trifft die wankenden Westfalen zum ungünstigsten Zeitpunkt. Der Durchhänger in der Bundesliga hinterlässt die Akteure gereizt und macht das drohende Aus in Europa zum ernsthaften Problem.

Gegentor droht

Nach der 0:3-Hinspielpleite ist die Wahrscheinlichkeit aufs Weiterkommen ohnehin gering. Sollte zudem BVB-Schreck Heung-Min Son sein obligatorisches Tor gegen den Lieblingsgegner schießen oder etwa Spurs-Stürmerstar Harry Kane treffen, bräuchte die ins Stocken geratene Dortmunder Offensive schon fünf Treffer für den nächsten magischen Malaga-Moment.

Noch vor eine Woche hätte Trainer Lucien Favre daher locker das einzig Vernünftige tun können: das Aus in Kauf nehmen und mit einer XXL-Rotation einigen Akteuren dringend nötige Ruhe für den Liga-Endspurt gönnen. Das wäre für die ambitionierte Borussia zu verkraften gewesen, sie liegt sportlich wie finanziell in der Königsklasse bereits im Soll.

Aber seit der Bundesliga-Blamage in Augsburg ist beim BVB vieles anders. Eine weitere Ohrfeige im Duell mit Mauricio Pochettinos cleveren Spurs kann sich der BVB nicht leisten. Selbstzweifel würden den Titelkampf in der Liga nur erschweren - nun, da das Momentum auf Seiten der punktgleichen Münchner liegt.

Favre als Motivator gefragt

Der Augsburg-Ausrutscher hat den Ton beim BVB geändert. Berater Matthias Sammer machte sich schon während er Halbzeit Luft und kritisierte in seiner Rolle als TV-Experte Auftreten und Einstellung der Spieler.

Gegen vermeintlich schwächere Gegner agiere das Team nicht wie ein Champion, sondern wie eine Durchschnittsmannschaft. Unreif. Ohne den Willen, Großes erreichen zu wollen.

"So nicht"

Torwart Roman Bürki fordert schon länger energischeres Gegenhalten bei kratzenden, beißenden Gegnern. Zuletzt schlug Sportdirektor Michael Zorc im "kicker" in die Kerbe: "So darf man nicht auftreten. Ich hatte das Gefühl, dass in allen Bereichen drei, vier, fünf Prozent fehlten."

Die Kritik trifft indirekt auch Trainer Favre. Denn am Ende ist der Schweizer verantwortlich, wenn seine Mannschaft fahrlässig, naiv und teils überheblich auftritt. Wenn sie defensiv in alte Muster verfällt, offensiv den Punch verliert und damit den Neun-Punkte-Vorsprung in der Liga verdaddelt.

Neue Gier gefordert

Er muss die Fehler abstellen, aber vor allem die Sinne der Spieler schärfen. Vielleicht ist ein neuer Ansatz nötig. So gut und passend es über weite Strecken der Saison war, analytisch kühl an die Partien heranzugehen - jetzt ist Favre als Psychologe, Motivator und Antreiber gefragt.

Es gilt, den Trotz bei den Überfliegern der Hinrunde zu wecken und eine neue Gier zu entfachen. Keine leichte Aufgabe für Favre, zumal die aktuelle Lage, das Verletzungspech sowie der schlecht sitzende zweite Anzug des BVB die nötige XXL-Rotation nicht mehr hergibt.

Mittelfeldmotor Axel Witsel wäre der erste Kandidat für eine Pause, er leidet am deutlichsten unter der Dauerbelastung. Auch Jadon Sancho, auf den schmalen Schultern des Youngsters liegt oft die gesamte Last des Angriffs. Oder Achraf Hakimi. Der Außenverteidiger hat sich zum Sicherheitsrisiko entwickelt.

Kaum Alternativen im Kader

Doch Alternativen sind rar gesät. Ob Jacob Bruun Larsen, Christian Pulisic, Maximilian Philipp oder Marius Wolf - die Jungs aus der zweiten Reihe kämpfen gerade mit eigenen Problemen.

Dazu fehlt in Lukasz Piszczek die routinierteste Defensivkraft auf den Außen. So wird es gegen Tottenham wohl fast die gleiche Elf richten müssen, die in Augsburg versagte. Vielleicht mit Raphael Guerreiro vorne links und Stürmer Paco Alcacer schon in der Startelf, weil eine wilde Aufholjagd keine Stunde auf den Joker warten kann.

Ernüchterung bei Fans

Dabei muss es für ein gutes Gefühl nicht mal mit dem Wunder klappen. Gegen den Dritten der englischen Premier League würde der BVB schon mit einem starken Abgang ein Zeichen setzen. So wie 2014, als Schwarz-Gelb fast einen Drei-Tore-Rückstand gegen Real Madrid aufholte und viel Selbstvertrauen daraus zog.

Auch mit Blick auf die Anhänger wäre das sehr wichtig. Bei ihnen überwiegt gerade die Ernüchterung, obwohl der BVB als Spitzenreiter noch alles in der eigenen Hand hat. Wenn man Netz und sozialen Medien glauben mag, haben viele Fans die Meisterschaft innerlich schon abgehakt - und die Hoffnung auf eine tolle Europapokal-Nacht gleich mit.

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