Sie sind hier:

Nur ein bisschen Feldherr

Champions-League-Finale: Real Madrid - FC Liverpool

Ohne Jürgen Klopp auf der Trainerbank würde der FC Liverpool nicht zum ersten Mal seit 13 Jahren wieder in einem Finale der Champions League stehen. Vor dem Showdown gegen Real Madrid (heute, ab 20:25 Uhr/live im ZDF) versucht der 50-Jährige auf seine Art, seiner Mannschaft den Druck zu nehmen.

Jürgen Klopp beim Training
Jürgen Klopp leitet das Training vor dem CL-Finale Quelle: dpa

Der Himmel über Kiew war am Tag vor dem Finale wolkenlos, der Rasen im Olympiastadion sah prima aus, als Jürgen Klopp mit seinen Spielern am Freitag um 18 Uhr Ortszeit zum Abschlusstraining erschien. Der Teammanager des FC Liverpool postierte sich alsbald unweit der Mittellinie. Ein ganzes Stück abseits. Die Arme verschränkt.

Real funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk

Es hatte etwas von Feldherrenpose, wie der Teammanager die finalen Vorbereitungen vor dem Showdown gegen Real Madrid (heute 20:45 Uhr/Anstoß) begleitete. Der Fokus lag auf einfachen Passübungen. Drei Gruppen, den Ball um gelbe Stangen spielen. Irgendwann erhöhte sich das Tempo, aber insgesamt passierte vor laufenden Kameras nichts Weltbewegendes. Klopp gefiel sich in der Rolle des stillen Betrachters. Sein Leitmotiv: „Du hast als Trainer vor allem überzeugend zu sein, cool und ruhig.“

Was der 50-Jährige von den Seinen gegen den Titelverteidiger erwartet, hatte er zuvor in der bestens besuchten Pressekonferenz verraten: „Sie haben mehr Erfahrung, aber wir wollen es ihnen so schwer wie möglich machen.“ Klar, aus der Beobachtung des Gegners ist der Respekt vor den Madrilenen eher gestiegen als gesunken: „Sie funktionieren wie ein Schweizer Uhrwerk.“

Pressekonferenzen sind für Klopp PR-Veranstaltungen

Einerseits. Andererseits muss sich sein Team auch nicht kleiner machen als nötig. „Keiner hat uns hier erwartet, aber wir sind hier, weil wir Liverpool sind, wir haben es in unserer DNA, dass wir zu ganz großen Sachen fähig sind.“ Da wirkte einer fast tiefenentspannt – und wie immer lachte der Entertainer viel. Seine Zähne blitzten im Scheinwerferlicht bis in die letzte Stuhlreihe.

Der frühere ZDF-Fernsehexperte versteht es, den medial ausgeleuchteten Betrieb für eigene PR-Zwecke zu nutzen. Auch das ist eine Kunst. Dass seinem Gegenüber Zinedine Zidane vorgehalten wurde, als Trainer zu wenig Expertise einzubringen? „Das wäre ja lustig, wenn zwei Trainer im Finale wären, die keine Ahnung von Taktik hätten. Was würde das über den Fußball aussagen?“ Nein, der französische Kollege verdiene allen Ruhm: „Er kann das dritte Mal die Champions League gewinnen: Er ist brillant, so wie er als Spieler war.“

Ein Sieg und lebenslange Verehrung wäre Klopp gewiss

Im offiziellen Programmheft ist ein Interview mit Klopp erschienen, in dem er sich unter der Überschrift „It’s been a crazy ride“ („Es ist ein verrückter Ritt gewesen“) ausführlich äußert. Durch den Henkelpott würde sich weder sein Leben noch sein Wesen wirklich verändern. „Ich bin komplett unwichtig in der ganzen Sache, und das meine ich auch so. Ich habe auch schon Finale verloren, und ich bin immer noch derselbe wie früher. Für den Klub und die Spieler würde es ganz besonders sein.“



Und für ihn nicht? 13 Jahre liegt das letzte Finale in diesem Wettbewerb zurück, als Liverpool in Istanbul nach 0:3-Rückstand gegen Milan noch die Aufholjagd glückte und das Happyend im Elfmeterschießen gelang. Der damalige Trainer Rafa Benitez hat seinen Wohnsitz bis heute am River Mersey belassen – lebenslange Verehrung ist ihm gewiss. Ein Status, an dem auch Klopp schon nahe dran ist. Und den er definitiv erreicht, wenn er es schafft, die Königlichen von ihrem fast schon angestammten Thron zu stoßen.

Heavy-Metal-Football à la Klopp

Seine Mannschaft hat mittels des typischen Klopp-Umschaltspiels allein in der Königsklasse 46 Tore geschossen. Auf der Insel schwärmen sie vom „Heavy-Metal-Football“. Alles sei nur möglich gewesen, betonte Klopp im ZDF-Gespräch, „weil sich die Mannschaft von der Erwartungshaltung ewig langer Geschichte gelöst hat.“ Ewig auf die Vergangenheit aus den 70er- und 80er-Jahren, aus den Zeiten eines Kenny Dalglish oder Phil Thompson, angesprochen zu werden, in denen der Cup allein viermal in die Arbeiterstadt wanderte, ist auf Dauer für die Gegenwart nicht hilfreich.

Kapitän Henderson nennt Klopp einen „fantastischen“ Chef. Denn: „Er treibt uns immer wieder zu Verbesserungen an.“ Von „einem der besten Trainer der Welt“ sprach kürzlich auch Kevin-Prince Boateng, der Anführer des Pokalsiegers Eintracht Frankfurt, der die Arbeitsweise aus seiner kurzen Zeit bei Borussia Dortmund schätzen lernte. Viele erinnert der Liverpooler Durchmarsch an den BVB-Siegeszug 2013, den erst der FC Bayern in letzter Finalminute stoppte.

Silbermedaillen mag niemand

Damals, im Wembleystadion, versprach Klopp, dass er unbedingt zu solch einem Finale wiederkommen wolle. Mit den „Reds“ hat sich der Überzeugungstäter diese Sehnsucht erfüllt. Dass er selbst nur eines von sechs Finalen in seiner Trainerkarriere gewonnen hat, ficht ihn gerade nicht an. Vor der Spielzeit hätte man an der Anfield Road ein Agreement getroffen: „Für Siege sind die Spieler verantwortlich, für Niederlagen der Trainer.“ Und er weiß ja auch: „Silbermedaillen hängen sie auch in Melwood nicht auf. Das ist schade, aber so ist das Spiel.“ Und das ist die Schattenseite - selbst an sonnigen Tagen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.