Gulacsi - Führungsspieler im Hintergrund

Fußball - Champions League: FC Porto - RB Leipzig

Ohne einen starken Keeper wäre RB Leipzig nicht bis in die Königsklasse gekommen. Vor dem Champions-League-Auswärtsspiel beim FC Porto (Mittwoch, ab 20:25 Uhr/live im ZDF) bekommt endlich Stammtorwart Péter Gulácsi die überfällige Aufmerksamkeit.

Peter Gulacsi
Peter Gulacsi Quelle: Imago

Mitunter schützt nicht mal der Heiligenstatus vor dem Denkmalsturz. Die unliebsame Erfahrung hat Iker Casillas bereits bei Real Madrid gemacht, nun durchlebt „San Iker“ dasselbe beim FC Porto. Vor zwei Wochen staunten die ständigen Berichterstatter beim portugiesischen Renommierklub jedenfalls nicht schlecht, als in Leipzig vor der Champions-League-Partie bei RB die Aufstellungsbögen verteilt wurden: Casillas, 36, bei den Ersatzspielern gelistet, dafür José Sa, 24, in der Startelf.

Kein Artenschutz für große Namen

Und an der Hierarchie hat sich nichts geändert, obwohl der unerfahrene Portugiese bei der 2:3-Niederlage gegen den deutschen Vizemeister denkbar schlecht aussah. Wenn nun im Drachenstadion das Rückspiel (Mittwoch, 20:45 Uhr/live im ZDF) ansteht, sitzt die spanische Torwart-Ikone erneut nur auf der Bank. Trainer Sérgio Conceição spricht von einer „technischen Option“. Was nur verdeutlicht: Nicht mal mehr große Namen genießen in der T-Frage noch Artenschutz.

Immerhin bringen die Leipziger in die Hafenstadt am Atlantik eine Konstante im Kasten mit, die unangefochten die Nummer eins ist, obgleich er noch die 32 auf dem Rücken trägt: Péter Gulácsi. Vor drei Jahren haben ihn mal die Präsidenten, Trainer und Manager zum „besten Tormann der Saison“ der österreichischen Bundesliga gekürt, aber in der deutschen Bundesliga flog der Ballfänger lange unter dem Radar hindurch. Dabei nutzte er die Chance, die sich mit der Schulterverletzung des beliebten Stammtorwarts Fabian Coltori bot, bereits im Winter 2016.

Im Pokal gab es erstmals Sprechchöre

Einer größeren Öffentlichkeit wurde der Ungar trotzdem erst bekannt, nachdem er in der Vorwoche im DFB-Pokal den FC Bayern mit seinen Prachtparaden zur Verzweiflung brachte. Gulácsi-Sprechchöre erklangen auf einmal am Sportforum. Wo bislang Offensivkünstler wie Timo Werner, Naby Keita oder Emil Forsberg Beifallsstürme einheimsten, wurde auf einmal der Schlussmann mit dem schütteren Haupthaar gefeiert. Was selten vorkommt, denn oft genug hat er kaum Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Und wenn, gelingt ihm das auf die eher sachliche und damit unspektakuläre Art.

Im RB-Kader gilt der 1,91-Meter-Mann als der am meisten unterschätzte Stammspieler. „Ich habe lange darum gekämpft, hier die Nummer eins zu sein“, bekannte der aus Budapest stammende Tormann nach dem Pokal-Fight, aus dem er als „Spieler des Spiels“ hervorging, obwohl er keinen der famos getretenen Bayern-Elfmeter („Ich war viermal in der richtigen Ecke. Aber 20 Zentimeter haben immer gefehlt“) abwehren konnte.

Schweizer Talent Yvon Mgogo bleibt außen vor

Beeindruckend ist inzwischen seine Konstanz. Das Fachmagazin „kicker“ weist ihn aktuell als Bundesliga-Torhüter mit dem zweitbesten Notenschnitt aus. Obwohl vor Saisonbeginn das Schweizer Torwarttalent Yvon Mgogo verpflichtet wurde, musste sich der Neuzugang bisher mit einem Einsatz beim FC Augsburg (0:1) begnügen.

Gulácsi schloss sich bereits mit 17 Jahren dem FC Liverpool an, wo er sich zunächst in der Premier Reserve League beweisen musste. Leihgeschäfte zu Klubs wie Hereford United, Tranmere Rovers oder Hull City brachten weitere Erfahrungswerte, ehe er vor vier Jahren unter das Red-Bull-Dach in Salzburg schlüpfte. Was er von der Insel mitbrachte, war das Motto: „Ein guter Torwart holt in der Saison acht bis zehn Punkte, ein richtig guter zwölf bis 15.“

Situative Entscheidungen werden geübt

Der 2015 zu den Sachsen gekommene Keeper hat in der ungarischen Nationalelf das Erbe von Kultfigur Gabor Kiraly angetreten, den er bei der EM 2016 als Ersatzmann unterstützte. „Wir schreiben uns regelmäßig über WhatsApp. Auch wenn mein Stil anders ist, kann man von so einem erfahrenen Torhüter viel lernen.“

Großen Anteil an seiner Entwicklung hat Leipzigs Torwarttrainer Frederik Gößling, der viel mit Videomaterial arbeitet. Es gebe in einem Spiel lediglich sechs, sieben Situationen, in denen ein Torhüter wirklich eingreifen müsse, sagte Gulácsi einmal, „aber es gibt etwas 30 bis 100 Situationen, in denen man eine Entscheidung treffen muss, ob man herauslaufen oder wegbleiben muss. Diese situativen Entscheidungen üben wir intensiv.“ Nicht nur einmal hat die Torwart-Gruppe im Trainingszentrum am Cottaweg noch eine Extraschicht eingelegt.

Heimlich zum Führungsspieler gewachsen

„Es ist Wahnsinn, wie sich die Torhüter in allen Bereichen fordern und weiterentwickeln, auch videotechnisch“, sagt Trainer Ralph Hasenhüttl. Sein Schlussmann sei heimlich, still und leise zum Führungsspieler aufgestiegen. Motto: „Nicht quatschen, sondern zeigen, wie gut ich bin.“ Zum Lautsprecher taugt Gulácsi nicht – im vereinseigenen Steckbrief hat er in der Rubrik „Kopf oder Zahl“ Manuel Neuer statt Oliver Kahn angekreuzt.

Kraft zieht der allürenfreie Charakter privat aus seiner Zeit mit Ehefrau Diana, die selbst als Hochzeitsplanerin arbeitet. Bilder von ihrer Hochzeit im vergangenen Sommer finden sich auf seinem Instagram-Profil reichlich. Das Paar wohnt in Markkleeberg, weil die Gulácsis dort reichlich Auslauf für zwei Hunde haben, die sie aus ungarischen Tierheimen befreiten. Keine Frage: Da ist einer umfänglich in der neuen Umgebung angekommen.

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