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Richard Freitag: Die deutsche Wundertüte

Sport - Richard Freitag: Die deutsche Wundertüte

Die zweiten und entscheidenden Sprünge von Severin Freund (3.), Kenneth Gangnes (2.) und Tagessieger Peter Prevc in Zeitlupe (Reporter Stefan Bier).

Beitragslänge:
1 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 31.12.2016, 13:22

Platz neun in Oberstdorf, Rang sechs in Garmisch-Partenkirchen – Richard Freitag hat bei der Vierschanzentournee bislang sein Leistungsvermögen noch nicht ausschöpfen können. An das Springen in Innsbruck hat er nach seinem überraschenden Sieg im Vorjahr jedoch beste Erinnerungen.

So ganz zufrieden ist Bundestrainer Werner Schuster mit seiner „Wundertüte“ Richard Freitag bislang nicht. „Er hat sein volles Leistungsvermögen bislang nicht ausgespielt. Er hat Top-3-Potenzail, aber das hat er in dieser Saison bislang nur in Einzelsprüngen gezeigt.“ Zum Beispiel bei der Tournee-Generalprobe in Engelberg, wo er allerdings durch einen Sturz bei der Landung den sicheren Podestplatz verspielte. Auch bei der 64. Vierschanzentournee war er bei Qualifikations- oder Probesprüngen bei den Besten dabei, als es drauf ankam, langte es jedoch nur zu den Plätzen neun (Oberstdorf) und sechs (Garmisch-Partenkirchen). Damit steht er bislang klar im Schatten des deutschen Vorfliegers Severin Freund.

Ausreißer im falschen Moment

„Richard hatte die Ausreißer nach oben im falschen Moment. Er ist bislang nicht über sich hinausgewachsen. Man hat immer das Gefühl, er könnte noch mehr schaffen. Aber dazu fehlt ihm derzeit noch die Konstanz“, analysiert ZDF-Experte Toni Innauer. Im Training vor diesem Winter war der 24 Jahre alte Freitag meist auf Augenhöhe mit Weltmeister Severin Freund. Doch wenn es darauf ankommt, pendelt er zu oft zwischen Durchschnitt und Weltklasse. Manchmal hat diese Unberechenbarkeit aber auch ihre Vorzüge: Im Vorjahr triumphierte der Erzgebirgler nach einem völlig verkorksten deutschen Tournee-Start bei den beiden Deutschland-Springen völlig überraschend in Innsbruck.

„Da hat uns Richie einen richtigen Befreiungsschlag verordnet, den man nicht hoch genug einschätzen kann. Vielleicht gelingt ihm in diesem Jahr ja ein ähnlicher Coup“, sagt Schuster mit Blick auf das dritte Tourneespringen am Sonntag (14 Uhr/live im ZDF) am Bergisel. Tatsächlich hatte Freitag vor einem Jahr nach 49 vergeblichen deutschen Anläufen bei der Vierschanzentournee den ersten deutschen Tagessieg seit dem Triumph von Sven Hannawald vom 29. Dezember 2002 in Oberstdorf gefeiert.

Lob von Sven Hannawald

Ironischerweise sind beide im gleichen Krankenhaus in Erlabrunn geboren. Und Hannawald war damals natürlich überhaupt nicht sauer, dass endlich ein Nachfolger gefunden ist: „Ich freue mich sehr, dass die Ära der erfolgreichen Skispringer aus Erlabrunn fortgesetzt wird: Erst Jens Weißflog, dann ich, jetzt Richard. Das ist schon genial.“ Es war vor einem Jahr Freitags fünfter Weltcup-Sieg und bis dato sein letzter.

Stehaufmännchen Richard Freitag war ganz oben – und das nur gut zehn Monate, nachdem er die bitterste Enttäuschung seiner Karriere verdauen musste. Beim Team-Olympiasieg der deutschen Skispringer in Sotschi musste der dunkelhaarige, schmale Mann als Ersatzspringer zuschauen. „Man wächst im Sport durch Rückschläge. Vielleicht hat es das gebraucht.“ Freitag hat sich seitdem jedenfalls als Persönlichkeit weiterentwickelt. Er genießt auch unter den Trainern höchsten Respekt, „weil er so extrem sauber und dynamisch springt" (Schuster).

Eine Skisprung-Familie

Das Talent hat er wohl von seinem Vater Holger geerbt. Der Orthopäde war früher selbst ein guter Flieger. Allerdings schaffte Papa Freitag nur 1983 im tschechischen  Harrachov einmal einen Weltcup-Sieg. Genau dort feierte 28 Jahre später sein Sohn Richard ebenfalls seinen ersten Triumph. Seine Familie fiebert auch bei dieser Tournee live an der Schanze mit.

Natürlich ist die Familie auch dafür verantwortlich, dass Richard Freitag überhaupt mit dem Skispringen begonnen hat. „Mein fünf Jahre älterer Bruder Christian und ich haben Skispringen geschaut. Sven Hannawald hat uns begeistert“, erzählt Freitag: „Nach der Übertragung hat Christian gesagt: Richi, wir melden uns auch beim Skispringen an.“ Zum Glück wohnte in Johanngeorgenstadt Erich Hilbig. Der Nachwuchstrainer hatte einst schon das Talent Sven Hannawalds entdeckt. Der würde später Team-Olympiasieger, je zweimal Weltmeister im Skispringen und Skifliegen und gewann 2002 bei seinem historischen Grand-Slam-Sieg als letzter Deutscher die Vierschanzentournee.

Das wird dem derzeitigen Gesamtneunten Richard Freitag diesmal nicht gelingen – aber vielleicht packt die „Wundertüte“ in Innsbruck ja wieder eine ganz besondere Überraschung aus.

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