Sie sind hier:

Kontrastprogramm im hohen Norden

Rad-WM in Bergen/Norwegen vom 17. - 24. September

Vom heißen Wüstensand Katars in Europas regenreichste Großstadt – geographisch und klimatisch könnte der Unterschied zwischen der letzten Rad-WM und der diesjährigen in Bergen kaum größer sein.

Tony Martin
Tony Martin beim Zeitfahren Quelle: dpa

In Bergen, Norwegens zweitgrößter Stadt and der windumtosten Westküste, werden die Strecken nicht ganz nach dem Gusto der deutschen Medaillenhoffnungen sein. So erwartet Tony Martin, den Titelverteidiger im Zeitfahren, ein happiger Schlussanstieg von 3,5 Kilometern Länge mit Rampen von mehr als zehn Prozent. Der Mount Floyen, Bergens Hausberg, bietet einen prächtigen Blick über die Stadt und die fjordreiche Küste, aber auf seinem 316 Meter hohen Gipfel dürften andere Fahrer größere Siegchancen haben: etwa Chris Froome, der Brite, dem kürzlich das Double Tour de France und Vuelta gelang oder Tom Dumoulin, der niederländische Gewinner des Giro d`Italia.

Schwieriger Zeitfahrkurs

Diese Beiden beherrschen nicht bloß den Kampf gegen die Uhr im Flachen, sondern sind auch ausgewiesene Bergfahrer. Der Unterschied zwischen den bestenfalls welligen ersten 90 Prozent der Strecke und den letzten 10 ist so groß, dass dem Wunsch der Fahrer entsprochen wurde, das Arbeitsgerät just vor dem abrupten Geländewechsel auszutauschen: die meisten werden wohl vom Zeitfahr-Renner auf ein leichtes Bergrad ohne Armauflagen umsteigen. Den damit einhergehenden Zeitverlust werden sie auf den letzten 3400 steilen und kurvenreichen Metern wohl mehr als wettmachen.

Schon die Generalprobe im Kreise seiner Mannschaft Katusha-Alpecin misslang Martin. Im Team-Zeitfahren, das seit 2012 die Weltmeisterschaften einläutet, gab es etliche Abstimmungsprobleme und ein zu großes Leistungsgefälle zu sehen. Am Ende nur ein enttäuschender 9. Rang. Dagegen triumphierte ein anderer, ein junger Deutscher: Lennart Kämna stand im siegreichen Team Sunweb, das mit deutscher Lizenz fährt, allerdings hauptsächlich niederländisch geprägt ist.

Deutsche Erfolge könnten rar werden

Nicht nur beim Wetter, sondern auch in punkto deutsche Erfolge droht in Bergen ein Kontrastprogramm zu Katar 2016. Damals war Deutschland mit 2 x Gold und 3 x Silber erfolgreichste Nation. Wenn nicht wieder Junioren und U23-Fahrer die generell gute Nachwuchsarbeit im Bund Deutscher Radfahrer bestätigen sollten.

Im Straßenrennen der Männer haben sich die Deutschen vor Wochen schon dazu bekannt, alle für John Degenkolb fahren zu wollen. Doch dann fing sich der endschnelle Eintages-Spezialist bei der Spanien-Rundfahrt eine Bronchitis ein und musste vorzeitig nach Hause reisen. Kurzzeitig wurde das Vorbereitungsprogramm umgestrickt: Degenkolb hoffte, auf der 5-tägigen Dänemark-Rundfahrt im Vorfeld noch wertvolle Wettkampfkilometer sammeln zu können.

Degenkolb muss passen

Dort jedoch erwartete ihn ein meteorologischer Vorgeschmack auf die WM: Regen, Kälte und Sturm. Eine Etappe wurde sogar von den Fahrern bestreikt, zu gefährlich waren die Windböen. Degenkolbs Erkältung wurde nicht besser – im Gegenteil. Fast schon zu erwarten deshalb seine Absage in letzter Minute. Zwar macht Delegationsleiter Udo Sprenger in Zweckoptimismus, indem er sagt, man sei nun schwerer ausrechenbar, denn ein jeder aus dem Team könne sich in Szene setzen. Allein, es scheint an entsprechenden Fahrern zu fehlen, die sich nach einer derart langen Distanz noch in ein Finale mit den Allerbesten stürzen können.

Die Besten? Dazu zählt auf diesem Kurs eine Handvoll Fahrer. Allen voran der Titelverteidiger Peter Sagan: Der Slowake hat nach seinem vieldiskutierten Ausschluss bei der Tour de France sofort das WM-Rennen als Hauptziel angepeilt. Die Form scheint beim Kapitän des deutschen BORA-hansgrohe-Teams jedenfalls schon wieder zu stimmen. Beim World Tour-Rennen im kanadischen Quebec war der extrovertierte Slowake im Sprint schneller als seine Konkurrenten van Avermaet (Belgien) und Matthews (Australien).

Gastgeber setzen auf zwei Kapitäne

Das sind auch in Bergen die üblichen Verdächtigen, zu ergänzen noch um Kwiatkowski, den polnischen Weltmeister von 2014, der Sagan schon des Öfteren auch im Endspurt bezwingen konnte. Diese Fahrer vereinen am besten die Komponenten Ausdauer und Endschnelligkeit, welche auf dem 19 Kilometer langen Rundkurs durch die Stadt ausschlaggebend sein werden. Er ist zwar nicht superschwer, aber auch der anderthalb Kilometer lange Salmon Hill mit seinen 100 Höhenmetern will erst 12-mal im Renntempo bewältigt werden.

Die Gastgeber hoffen auf Edvald Boasson Hagen und Alexander Kristoff, ausgewiesene Spezialisten für kräftezehrende Rennen, die mit guter Spurtkraft ausgestattet sind. Aber zwei gleichberechtigte Kapitäne haben einem Verband selten in der WM-Geschichte zum Erfolg verholfen. In Norwegen ist das Interesse riesig, auch abseits der WM zeigt sich das. Immerhin verfügt das gebirgige Land mit seinen nur fünf Mio. Einwohnern über zwei einigermaßen bedeutende Etappenrennen: die „Tour of Norway“ und das „Arctic Race of Norway“ – wohingegen Kurse solchen Kalibers in Deutschland gegenwärtig fehlen.

1993, das Jahr von Ullrich und Armstrong

24 Jahre nach der denkwürdigen WM in Oslo organisiert die Sportnation Norwegen also wieder Weltmeisterschaften. 1993 siegten zwei blutjunge Fahrer in den damals noch zwischen Amateuren und Profis unterschiedenen Kategorien: ein 19-jähriger Deutscher und ein 21-jähriger US-Amerikaner. Jan Ullrich und Lance Armstrong sollten in den 20 Jahren danach die Radsport-Schlagzeilen bestimmen. Nicht immer waren es positive.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.