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"Skrupellos in eigene Tasche gewirtschaftet"

Sport - "Skrupellos in eigene Tasche gewirtschaftet"

Die FIFA veröffentlicht, wie sich Blatter und Co. zig Mio Euro an Sonderzahlungen zugeschanzt haben. Steckt der unter Druck geratene FIFA-Boss Infantino hinter dem Zeitpunkt der Veröffentlichungen?

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 03.06.2017, 22:43

Der FIFA-Skandal erreicht eine neue Dimension: 71 Millionen Euro hat das frühere Führungstrio um Ex-Präsident Blatter in fünf Jahren abgezweigt. Die interne Untersuchung des Fußball-Weltverbands zeige, wie "skrupellos die Funktionäre in ihre eigene Tasche gewirtschaftet haben", sagt ZDF-Experte Markus Harm.

WM-Bonuszahlungen in astronomischer Höhe, saftige Gehaltserhöhungen und rechtswidrige Vertragsabschlüsse: Ein Funktionärs-Trio um "Alleinherrscher" Joseph Blatter hat sich bei der FIFA offenbar wie in einem Selbstbedienungsladen um umgerechnet 71,3 Millionen Euro bereichert. Das gab der Fußball-Weltverband nach einer internen Untersuchung am Freitag selbst bekannt, nachdem Schweizer Ermittler tags zuvor wieder zur Razzia in die FIFA-Zentrale auf dem Zürichberg eingerückt waren.

Der FIFA-Skandal habe mit dem neuen Bericht eine neue riesige Dimension erreicht, sagt ZDF-Experte Markus Harm. Jetzt werde klar, wie "korrupt und skrupellos die Funktionäre in ihre eigene Tasche gewirtschaftet haben".

FIFA tritt Flucht nach vorn an

Die von der FIFA angetretene Flucht nach vorn hatte aber womöglich auch einen anderen Hintergrund: Blatters Nachfolger Gianni Infantino muss sich nach nicht einmal 100 Tagen im Amt schon Vorwürfen wegen angeblich unsauberer Amtsführung erwehren. Dafür erhielt der Schweizer am Freitag vom Internationalen Olympischen Komitee eine sportpolitische Ohrfeige. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten wurde Infantino wie auch Sebastian Coe, der Präsident des ebenfalls tief in Skandale verstrickten Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, von der IOC-Exekutive nicht für die Aufnahme in das IOC vorgeschlagen.

Blatter hatte über viele Jahre dem IOC angehört und erst im Zuge der Korruptionsvorwürfe seinen Sitz abgegeben. Die dubiosen Machenschaften Blatters und seiner Gefolgsleute werden indes immer deutlicher. Blatter, der frühere Generalsekretär Jérôme Valcke und der ehemalige Finanzdirektor Markus Kattner sollen sich über Jahre hinweg in großem Stil bereichert haben, nur ein kleiner Kreis war in die fragwürdigen Vorgänge involviert, wie aus den veröffentlichten Unterlagen des Weltverbandes hervorgeht.

Razzia in FIFA-Zentrale

Die FIFA hat das Material bereits an die Schweizer Bundesanwaltschaft und die US-Justizbehörde weitergeleitet und eine volle Kooperation angekündigt. "Die Untersuchung hat Beweise für die Verletzung treuhänderischer Pflichten offenbart", teilte die FIFA nach den von der beauftragten Anwaltskanzlei Quinn Emanuel zusammengestellten Ergebnissen mit. Es sei klar, dass diese ersten Erkenntnisse weiterer Untersuchungen bedürfen. Die Zahlungen und die Vertragsabschlüsse hätten gegen Schweizer Recht verstoßen.

Die Schweizer Behörden wurden auch schon tätig. Bereits am Donnerstag durchsuchten die Ermittler Büros in der FIFA-Zentrale. "Konkret wurden Dokumente und elektronische Daten sichergestellt, die nun auf ihre Relevanz zum laufenden Verfahren geprüft werden", erklärte die Bundesanwaltschaft, die seit September 2015 gegen Blatter wegen des Verdachts der Untreue und seit März dieses Jahres gegen Valcke wegen des Verdachts der mehrfachen ungetreuen Geschäftsbesorgung sowie weiterer Delikte ermittelt.

Sich gegenseitig Millionen zugeschanzt

Die von der FIFA nun vorgelegten Zahlen haben es in sich. So haben sich Blatter und Co. offensichtlich regelmäßig Bonuszahlungen zugeschanzt. Beispielsweise wanderten am 1. Dezember 2010 als Bonus für die WM in Südafrika insgesamt 23 Millionen Schweizer Franken auf die Konten von Blatter, Valcke und Kattner. Schon ein Jahr später waren es 26 Millionen Schweizer Franken für die Endrunde 2014, obwohl das Turnier noch in weiter Ferne lag.

Nur ein kleiner Kreis hatte dabei Kenntnis von den Zahlungen, mitunter wurden die Verträge gegenseitig bewilligt. Auch die Unterschrift des 2014 verstorbenen Ex-FIFA-Vizes Julio Grondona, der Vorsitzender der Finanzkommission war, taucht häufig auf.

Verträge einfach um acht Jahre verlängert

Doch damit nicht genug. So wurden beispielsweise kurz vor der Präsidentenwahl 2011 die Verträge von Valcke und Kattner kurzerhand um achteinhalb Jahre verlängert, obwohl unklar war, ob Blatter überhaupt wiedergewählt wurde. Die Kontrakte enthielten dabei höchst fragwürdige Klauseln, die gegen Schweizer Recht verstießen.

So wurde etwa geregelt, dass bei einer vorzeitigen Trennung das komplette Gehalt bis zum Vertragsende ausbezahlt werden muss - ungeachtet dessen, ob eine Vertragsauflösung rechtlich begründet sei. Dazu gab es eine sogenannten Schadloserklärung, wonach die FIFA für alle Verfahrenskosten aufkommt, sollte der Mitarbeiter wegen seiner FIFA-Tätigkeit zivil- oder strafrechtlich belangt werden.

Auch Name von Scala taucht auf

Auch der Name vom jüngst zurückgetretenen Chefaufseher Domenico Scala taucht auf, was Infantino besonders freuen dürfte. Der Schweizer hat offensichtlich am 31. Mai die Vertragsverlängerung von Kattner um weitere vier Jahre mit abgesegnet, obwohl nur vier Tage vorher die Schweizer Behörden zusammen mit der US-Justiz am Rande des Kongresses in Zürich mehre FIFA-Top-Funktionäre festgenommen hatten. Scala war jüngst zurückgetreten, nachdem das FIFA-Council durch eine umstrittene Reform seinen Machtbereich eingeschränkt hatte. Daraufhin waren Komplott-Vorwürfe gegen Infantino laut geworden.

Die FIFA steckt seit mehr als einem Jahr tief im Skandalsumpf. Blatter, der 1998 zum FIFA-Präsidenten gewählt worden war, hatte im vergangenen Juni kurz nach seiner Wiederwahl angesichts massiver Korruptionsvorwürfe gegen ihn und die FIFA seinen Rückzug angekündigt. Blatter ist von der Ethikkommission bereits für sechs Jahre für alle Fußball-Aktivitäten gesperrt worden. Auslöser war das Bekanntwerden des fragwürdigen Millionen-Deals mit dem früheren UEFA-Präsidenten Michel Platini aus dem Jahr 2011.

Vorwürfe gegen Infantino

Auch Blatters Nachfolger Infantino, der seit 26. Februar den Weltverband anführt, musste sich zuletzt gegen Vorwürfe wehren. Wie die "Welt" berichtet, droht Infantino eine provisorische Sperre von 90 Tagen wegen des Verdachts auf verschiedene Ethikvergehen. Die Ethikkammer hält sich zur Causa Infantino derzeit bedeckt, zu möglichen Voruntersuchungen bezieht sie generell keine Stellung. Ein formelles Verfahren gebe es derzeit aber nicht.

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