Sie sind hier:

Das Traumfinale ist zum Greifen nah

Tennis - Wimbledon

Noch nie gab es in der Profi-Ära ein deutsches Frauenfinale in Wimbledon. Angelique Kerber und Julia Görges können Tennisgeschichte schreiben, müssen dafür aber erst einmal ihre Halbfinalpartien überstehen.

Die deutsche Tennisspielerin Julia Görges gewinnt gegen die Niederländerin Kiki Bertens
Julia Görges
Quelle: ap

Früh morgens, wenn Angelique Kerber im All England Club ankommt, ist noch alles ruhig. Keine Zuschauer, kein wuseliges Treiben, kein Lärm. Einer der honorigen Stewarts erwartet Kerber dann bereits vor der holzgetäfelten Tür zu jener Umkleide, die ausschließlich den besten 16 Spielerinnen der Welt vorbehalten ist, mit einem freundlichen "Good morning, Miss Kerber" und lässt sie hinein ins Allerheiligste. Kerber weiß, dass es eigentlich ein bisschen unfair ist, den übrigen Spielerinnen gegenüber. Und doch muss sie zugeben: "Ich genieße es schon."

Top 10 der Setzliste schon ausgeschieden

Der ehrwürdige Traditionsclub an der Londoner Church Road scheut sich nicht, auch weiterhin eine Art hierarchisches Kastensystem zu betreiben, das nur den Erfolgreichen allerlei Privilegien verschafft. So gibt es für die besten 16 Spielerinnen Einzelkabinen statt Gemeinschaftsduschen, dazu großzügige Badewannen zum Entspannen, extra abgestellte Physiotherapeuten und Personal, das frisches Obst reicht. Kerber geht es jedoch nicht um die Annehmlichkeiten oder darum, dass sie sich für etwas Besseres hält. Ihr gefällt es so gut, weil sie dort ihre Ruhe hat. Das ist das Wichtigste für sie bei einem Tennisturnier. Ruhe.

Und es ist mittlerweile sehr ruhig geworden in der Elite-Umkleide, denn die Top 10 der Setzliste sind allesamt schon vor dem Viertelfinale ausgeschieden. Ein Novum. Doch eine Kollegin ist noch da, die Kerber sehr gut kennt: Julia Görges. Auch die Schleswig-Holsteinerin darf als Nummer 13 der Setzliste die Privilegien genießen, die für Tennisprofis das gewisse Extra dieses Rasenturniers ausmachen. "Wenn Angie und ich uns in der Umkleide treffen, dann reden wir über alles Mögliche, und da gibt es wichtigere Themen als Tennis-Matches." Seit sie beide am Dienstag ins Halbfinale einzogen, dürfte sich das wohl geändert haben, denn es gibt viel Gesprächsstoff: ein mögliches deutsches Frauenfinale.

Letztes deutsches Frauenfinale datiert von 1931

Ich finde, ein deutsches Finale klingt ziemlich cool.
Julia Görges

In der Profi-Ära seit 1968 war es noch nie vorgekommen, dass es zwei deutsche Spielerinnen im All England Club in die Runde der letzten Vier schafften. Das letzte deutsche Frauenfinale datiert sogar von 1931. Und die Gründe, warum es eine halbe Ewigkeit brauchte, sind vielfältig. Zwar spielten sich in der Ära nach Steffi Graf seit 1999 mit Kerber, Görges, Andrea Petkovic, Sabine Lisicki und Mona Barthel eine ganze Reihe talentierter deutscher Spielerinnen in den Vordergrund, doch im Tennis braucht man vor allem drei Dinge: Ausdauer, Geduld und auch mal ein bisschen Glück.

Und wie schwierig es ist, sieben Matches in Folge zu überstehen, um die ersehnte Trophäe in Händen zu halten, hat nicht zuletzt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Russland schmerzlich festgestellt. Im Tennis hat man zwar nicht nur alle vier Jahre, sondern vier Mal im Jahr die Chance auf die prestigeträchtigsten Titel. Doch die aktuelle Generation hat das Pech, dass Ausnahmespielerin Serena Williams reihenweise die wichtigsten Grand-Slam-Pokale abgeräumt hat. Sieben allein in Wimbledon, sagenhafte 23 insgesamt.

Rasen ein unberechenbarer Belag

Zudem ist Rasen ein besonderer und völlig unberechenbarer Belag, der längst nicht jedem Profi liegt. Kerber liebt das Gras, wie auch Lisicki, die es 2013 ins Wimbledonfinale schaffte. Görges dagegen hat sich gerade erst mit Rasen angefreundet. "Ich hatte nie einen Bezug zu Rasen, außer in meinem Garten", sagte Görges, "aber jetzt habe ich akzeptiert, dass es eben manchmal Banane aussieht, wenn der Ball irgendwo hin springt und man vorbei schlägt."

Dass sie nun ausgerechnet in Wimbledon zum ersten Mal in ihrer Karriere in einem Halbfinale steht, macht den Erfolg für Görges "noch süßer", doch er war hart erarbeitet. Wie auch Kerber hatte sie Zeit gebraucht, um den richtigen Weg in ihrer Karriere zu finden. Kerber gewann 2016 zwei Grand-Slam-Titel und wurde die Nummer eins der Welt, doch erst mit 28 Jahren. Görges ist nun 29 Jahre alt und jetzt ist ihr großer Moment gekommen. "Ich denke, wenn man älter ist und viel erlebt hat, dann weiß man genauer, was man von seiner Karriere noch erwartet. Und das setze ich jetzt um."

Görges hat nichts zu verlieren

Görges hat in ihrem Match gegen Serena Williams nichts zu verlieren und könnte die gerade erst nach der Babypause zurückgekehrte Amerikanerin vielleicht mit ihrem aggressiven, offensiven Tennisstil ärgern, wenn es ihr gelingt, befreit aufzuspielen. "Jedes Match startet bei null, auch ich habe meine Chance", macht sich Görges Mut. Kerber weiß dagegen, wie sich diese großen Partien anfühlen, sie stand zuletzt 2016 im Wimbledonfinale. Doch mit der jungen French-Open-Siegerin von 2017, der Lettin Jelena Ostapenko, steht ihr eines der frechen, neuen Gesichter der Tour gegenüber, die bei jedem Schlag alles-oder-nichts spielen und völlig unberechenbar sind.

"Ich habe noch nicht gegen sie gespielt, ich muss mich da sehr gut vorbereiten und mein Bestes geben", sagte Kerber. Ihre Erfahrung und ihr defensives, strategisches Spiel, das weniger fehleranfällig ist, sollte jedoch ein Vorteil sein. Und sollte sie es dann beide schaffen, Kerber und Görges, dann wäre das deutsche Traumfinale perfekt. "Ich finde, ein deutsches Finale klingt ziemlich cool. Aber es ist auch ein bisschen verrückt, dass wir tatsächlich die Chance darauf haben", sagte Görges, "so oder so ist es toll für das deutsche Tennis."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.