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Gefahrenherd Schneekanone

Wintersport in Zeiten des Klimawandels

Der Klimawandel stellt die Wintersportbranche vor Probleme. Schon jetzt gibt es messbar weniger Naturschnee. Kunstschnee scheint die Lösung. Doch wie lange noch?

Schneekanone in Oberbayern
Noch können Bescheiungsanlagen in Zeiten des Klimawandels für Schneesicherheit sorgen
Quelle: ap

Die Winter werden immer grüner. Messungen im Alpenraum belegen: In den letzten 100 Jahren ist die Temperatur um knapp zwei Grad Celsius angestiegen, das ist doppelt so viel wie im globalen Durchschnitt. Nach Angaben des jüngsten Weltklimaberichts verkürzt sich die Schneesaison alle zehn Jahre um mehr als fünf Tage.

Schneedecke schrumpft

Die Spuren des Klimawandels in den Alpen – der renommierte Meteorologe und Klimawissenschaftler Mojib Latif ordnet sie ein: „Die Erderwärmung betrifft den alpinen Raum in ganz besonderer Weise. In den weniger hohen Lagen fallen immer mehr Niederschläge als Regen statt als Schnee. Als Folge haben die zeitliche Dauer und die Menge der Schneedecke deutlich abgenommen.“  

Das Schnee- und Lawinenforschungszentrum (SLF) in Davos geht in seiner jüngsten Studie davon aus, dass die Schneedecke auf 1500 Metern unter Annahme unveränderter Emissionen bis Ende des Jahrhunderts um circa 80 Prozent zurückgehen wird. Ernüchternde Erkenntnisse seitens der Wissenschaft. Für die Verantwortlichen im milliardenschweren Wintersportgeschäft ist der Kunstschnee die Lösung des Problems.

Weiße Pisten durch künstliche Flocken      

Nach Angaben des Deutschen Skiverbandes (DSV) werden ein Drittel der Pistenfläche in den Alpen mittels mobiler Schneekanonen und festinstallierter Schneilanzen beschneit. Wasser unter hohem Druck durch kleine Düsen gesprüht und dazu noch eine Außentemperatur um den Gefrierpunkt – fertig ist der technisch hergestellt Schnee. Noch können damit alle Skigebiete schneesicher gemacht werden.

Archiv: Mojib Latif , aufgenommen am 09.01.2017 in Hamburg
Mojib Latif
Quelle: dpa

Die Prognose des Klimaforschers Mojib Latif aber ist ernüchternd: „Der Temperaturanstieg bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte unter der Annahme eines ungebremsten Klimawandels noch einmal 3-5 Grad betragen.“ Das heißt in der Konsequenz: Die Aufrüstung der Beschneiungstechnik ist in niedrig gelegenen Skigebieten langfristig keine Lösung. Denn die teuren Anlagen können nicht mehr abgeschrieben werden. Nur in den höheren Lagen ließe sich der Skibetrieb durch Kunstschnee noch aufrechterhalten. Allerdings nur, wenn genügend Wasser vorhanden ist.  

Naturraum im Stress

Im Zuge des Klimawandels findet eine zeitliche Umverteilung des Niederschlags statt. Immer häufiger gibt es trockene Sommer. Ergiebige Niederschläge fallen erst im Spätfrühjahr. Gebirgsbäche als Wasserquelle für die Beschneiungsanlagen in den Wintermonaten fallen dadurch weg. So werden Speicherbecken in die Landschaft gebaut. Nach Angaben des SLF ins Davos benötigt man für einen Hektar Kunstschnee-Piste bis zu fünf Millionen Liter Wasser.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) indes benennt die Folgen der künstlich geschaffenen Wasserreservoirs für den Naturraum: „Massive Baumaßnahmen für die notwendige Infrastruktur stellen zur heutigen Zeit das Kernproblem einer technischen Schnee-Erzeugung dar. 150.000-200.000 m³ fassen durchschnittliche Speicherteiche, wofür das gleiche Volumen an natürlich gewachsenem Boden samt Vegetation entfernt werden muss und zu irreparablen Eingriffen in die Natur führen“, sagt Uli Berkmann vom DAV. Darüber hinaus müssen Gräben für Wasserleitungen, Elektrokabel und Drainagen ausgehoben werden. Durch das Zerschneiden des Erdreichs würden hochsensible Vegetationsstandorte der Alpen zerstört, meint Berkmann.

Flächen- und Energiehunger

Zwischen Speichersee und Beschneiungsanlage müssen Pumpkraftwerke installiert werden. Zwar wurden in einigen Alpenregionen schon regenerative Kraftanlagen installiert. Der Großteil der Anlagen besteht allerdings aus Dieselgeneratoren. Für eine Wintersaison mit künstlichem Schnee in den Alpen hat der Bund Naturschutz Bayern (BN) einen Gesamtenergieverbrauch von 2100 Gigawattstunden errechnet. Das entspricht dem Stromverbrauch von mehr als 500.000 Haushalten.  

Eng verbunden mit der Schneesicherheit  durch den Kunstschnee ist der stetige Ausbau von Skiliften, Zufahrtstraßen und Parkplätzen. Dafür werden Bergwiesen mit hoher Artenvielfalt aufgegeben. Ausgleichsflächen müssen zwar geschaffen werden. Doch der BN bemängelt, dass sich auf ihnen meist eine reduzierte Artenvielfalt entwickelt.

Verlust der Vegetation    

Schließlich birgt die künstliche Beschneiung in Zeiten des Klimawandels noch eine Gefahr für die Vegetation: Die Zeit des Pflanzenwachstums verkürzt sich. Dazu Uli Berkmann: „Gerade Spezialisten unter den Alpenpflanzen entwickeln sich zu Beginn der natürlichen Vegetationsperiode im Frühjahr, um sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil in Bezug auf Licht und Wasser gegenüber der sonst stärkeren Pflanzenkonkurrenz einzuholen.“  Berkmann sagt weiter: „Das Wasser für technischen Schnee hat einen höheren Nährstoffgehalt als der natürliche Niederschlag, wodurch ein Düngeeffekt ebenfalls negative Auswirkung auf die Spezialisten hat.“

Noch können Bescheiungsanlagen in Zeiten des Klimawandels für Schneesicherheit  sorgen. Doch mit jedem zusätzlichen Hektar Kunstschnee gerät der Naturraum Alpen mehr und mehr in Gefahr.

  • Programmhinweis: ZDF SPORTextra zeigt am Samstag, 15. Februar, ab ca. 11:55 Uhr, einen Beitrag zum Thema "Wintersport und Klimawandel"; anschließend steht Volker Angres von der ZDF-Umweltredaktion Rede und Antwort.

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