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Die neue Dimension

Frauenfußball-WM | Bilanz

Die achte Auflage einer Frauenfußball-WM hat ungeahnten Zuspruch erfahren. Fraglich ist nur, ob die Expansionspläne von FIFA-Präsident Gianni Infantino dem Frauenfußball wirklich nützen.

Frauenfußball-WM - Pokal
Viel Resonanz, aber was bringt die Zukunft?
Quelle: Francisco Seco / dpa

Es mag irgendwie Ironie gewesen sein, dass die stärkste Frau dieser Weltmeisterschaft ganz am Ende zur Dopingprobe musste. Megan Rapinoe, die als beste Spielerin des Turniers, als beste Torschützin und alte und neue Weltmeisterin gleich so viele Auszeichnungen empfing, dass ihr ganz schwindlig wurde, ist trotzdem am Sonntagabend noch zur Pressekonferenz gekommen, nachdem die USA im Finale auch die Niederlande (2:0) bezwungen hatten. "Unser Team ist gerade mittendrin, die Welt um sich herum zu verändern. Das ist ein großartiges Gefühl", sagte die 34-Jährige.

Das Spiel ist schneller geworden, die Spielerinnen sind kompletter ausgebildet und vielseitiger.
Nadine Keßler

Selten hat eine Spielerin einer Frauen-WM dermaßen prägnant ihren Stempel aufgedrückt, niemals gingen die sportlichen Leistungen so fließend in gesellschaftliche und politische Statements über. Der vierfache Weltmeister USA ist nicht nur fußballerisch führend, er steht auf einmal auch für die Veränderungsprozesse in der Gesellschaft. Aber die Entwicklung passt für den Frauenfußball.

Dickes Lob von Nadine Keßler

Technik und Tempo, die Physis und die Athletik haben sich verbessert. Nadine Keßler hat mehrere WM-Spiele inspiziert und analysiert: So wie sie früher beim VfL Wolfsburg und in der Nationalmannschaft ein Spiel gestaltete, hat sich die 31-Jährige als Funktionärin in der UEFA, Leiterin der Abteilung Frauenfußball, strategische Fähigkeiten angeeignet.

Keßler meinte, sie gehöre bestimmt nicht zu denjenigen im Fußball, die immer sagen, früher war alles besser. Im Frauenfußball sei das Gegenteil der Fall. "Wir haben eine besondere Entwicklung gesehen. Das Spiel ist schneller geworden, die Spielerinnen sind kompletter ausgebildet und vielseitiger." Für sie am Wichtigsten: "Fast alle Spiele waren knapp. Die Lücke ist kleiner geworden." Übrigens bestätigte die niederländische Nationaltrainerin Sarina Wiegman diese Einschätzung am Sonntag: "Das Spiel wird schneller und besser. Wer seine Fähigkeiten nicht anpasst, verliert den Anschluss." Beispielsweise der Nachbar Deutschland.

Der FIFA-Boss neigt zum Superlativ

FIFA-Präsident Gianni Infantino hat die achte Auflage als "phänomenal, unglaublich, und fantastisch" bezeichnet. Und natürlich war es für den zu Superlativen neigenden Schweizer "die beste Frauen-WM aller Zeiten". Das tritt bei den Fernsehzuschauern zu: weltweit die Rekordmarke von einer Milliarde. Die größte Aufmerksamkeit generierte dabei das Achtelfinale Frankreich gegen Brasilien: 58,7 Millionen.

Mehr als 35 Millionen in der Heimat von Marta, die kurzzeitig sogar Neymar in den Schatten stellte. Auch in Europa sprengte der Zuspruch alle Erwartungen. In England schalteten acht Millionen beim flirrenden Halbfinale gegen die USA ein, in Italien sahen 7,3 Millionen das Gruppenspiel gegen Brasilien.

Die WM 2023 sollen 32 Mannschaften spielen

Eingedenk dieser Resonanz und Wertschätzung soll die Frauen-WM 2023 von 24 auf 32 Teilnehmer aufgestockt werden. Neun Länder haben Interesse angemeldet: Argentinien, Bolivien, Brasilien und Kolumbien aus Südamerika, Australien und Neuseeland, Japan und Südkorea (eventuell sogar gemeinsam mit Nordkorea), dazu Südafrika. Bis zum 4. Oktober muss die Bewerbung offiziell werden, über die im März 2020 entschieden wird.

Bei den Männern ist Infantino mit der handstreichartigen Erweiterung für die WM 2022 in Katar bekanntlich gescheitert, aber bei den Frauen kann man es ja mal versuchen. "Ich hoffe, dass die Council-Mitglieder mir folgen, sonst werde ich darauf bestehen." Ohnehin scheint ihm das weibliche Segment als Vehikel willkommen, um durchzudrücken, was bei den Männern vehement auf Widerstand stieß: eine Klub-WM und Weltliga. Die Frage ist, ob nicht eine nachhaltige Entwicklung besser helfen würde.

Es gibt noch viel zu tun

Noch immer gibt es große Lücken an der weiblichen Basis. Von den 13,3 Millionen registrierten Spielerinnen sind laut neuester FIFA-Studie die mit Abstand meisten in Nordamerika beheimatet: allein 9,5 Millionen in den USA, 290.000 in Kanada, dann knapp 200.000 in Deutschland. In rund einem Drittel der FIFA-Mitgliedsverbände bestreiten Frauen-Nationalteams weniger als fünf Länderspiele im Jahr - oder sie existieren gar nicht erst. In Asien oder Afrika hat die Hälfte nicht an den WM-Qualifikationsspielen teilgenommen. Infantino will für Projekte zur Förderung des Frauen- und Mädchenfußballs nun sogar eine Milliarde Dollar für vier Jahre locker zu machen. Und auch das Preisgeld für die WM 2023 soll von 30 Millionen Dollar mindestens verdoppelt werden.

Aber ausgerechnet Rapinoe hat den FIFA-Boss als zweites Feindbild nach US-Präsident Donald Trump ausgemacht. Die Geringschätzung der Frauen könne doch schon daran festgemacht werden, dass am selben Tag die Männer-Finals der Copa América und beim Gold Cup angesetzt seien. "Eine furchtbare Idee!" Das Preisgeld sei auch nicht ausreichend, kritisierte Rapinoe, wenn die Lücke zu den Männern (440 Millionen Dollar 2022) noch größer werde. Und überhaupt: "Wenn man es schafft, eine WM nach Katar zu vergeben, muss auch anderes möglich sein."

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