Sie sind hier:

Das Turnier der Mächtigen und Reichen

Fußball-WM 2018 in Russland: Probleme im Vorfeld

Die WM-Gruppenauslosung wird eine Show, mit der sich der Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 im besten Licht präsentieren will. Doch während des Turniers kommen auf Teile der Bevölkerung erhebliche Belastungen zu.

Vitalij Mutko
Russlands Sportminister Vitalij Mutko Quelle: reuters

Im Vergleich zu den restlichen Gemäuern ist der Konzertsaal des altehrwürdigen Kreml noch relativ jung. Vor 50 Jahren wurde das Gebäude eröffnet, was sich auch in der Architektur bemerkbar macht. Im Vergleich zu den historischen alten Kirchen, wirkt der Klotz aus Beton und Glas wie fehl am Platze. Und dennoch - für die am Freitag stattfindende WM-Gruppenauslosung, die von der englischen Fußball-Legende Gary Lineker und der russischen Sportjournalistin Maria Komandnaja moderiert wird, gibt es keinen symbolträchtigeren Ort. Diese WM ist ein Turnier der Mächtigen - sowohl bei der FIFA, erst recht aber bei der russischen Machtriege.

Studentenwohnheime als Polizeikasernen

Wie wenig Rücksicht man dabei teilweise auf die Belange der einfachen Bevölkerung nimmt, zeigt sich einige Kilometer vom Kreml entfernt auf dem Gelände der Moskauer Universität. Dort wird nach Plänen der WM-Organisatoren die Fan-Zone entstehen, welche für 40.000 Zuschauer konzipiert ist. Ein Standort, der sich in der russischen Hauptstadt auf den ersten Blick hervorragend eignet. Bereits in den vergangenen Jahren fanden dort Konzerte und Festivals statt.

Doch was die Organisatoren nicht bedachten oder einfach ignorierten, ist die Tatsache, dass auf dem Gelände der Universität auch 6.500 Studenten leben, die ab Juni nicht nur ein mehrtägiges Festival vor ihren Fenstern haben, sondern gleich eine mehrwöchige Party mit Public Viewing und abendlichen Konzerten. Und dies ausgerechnet auch noch zu einem Zeitpunkt, wenn die Studenten ihre Prüfungen ablegen müssen. Wenig erstaunlich daher, dass diese Entscheidung zu laut geäußerter Kritik führte - nicht nur von Journalisten, sondern auch von Studentenverbänden, von denen einige gar mit Protesten drohten. Kritik, die an den Entscheidungsträgern jedoch abprallte. Vitalij Mutko, stellvertretender Regierungschef und in Personalunion Präsidenten des russischen Fußballverbandes RSF sowie Chef des WM-Organisationskomitees, erklärte kurzerhand, dass die Entscheidung sowohl mit der Universitätsleitung als auch mit den Studenten abgesprochen wurde.

Was wird aus den Stadien?

Das Fußballstadion in Sankt Petersburg
Das Fußballstadion in Sankt Petersburg Quelle: dpa

Die Studenten der Moskauer Lomonossow-Universität sind jedoch nicht die einzigen, die wegen der WM in den saueren Apfel beißen müssen. Für die Studenten in den Austragungsstädten Nischni Nowgorod, Jekaterinenburg, Samara und Sarjansk hätten die Turnierwochen gleich die Obdachlosigkeit bedeutet – zumindest, wenn es nach den Plänen der Sicherheitsbehörden gegangen wäre. Denn diese sahen vor, dass für die Zeit der WM die Studenten ihre Wohnheime verlassen müssen, damit in ihren Zimmern Sicherheitsbeamte aus anderen Teilen des Landes untergebracht werden können. Eine Ankündigung, die für heftige Kritik sorgte und zumindest offiziell teilweise revidiert wurde. Die Sicherheitsbeamte sollen nur noch in die Zimmer jener Studenten einquartiert werden, die während der WM im Urlaub sind.

Ein noch mehr diskutiertes Thema ist jedoch die Zukunft der für die WM erbauten oder, wie das legendäre Luschniki-Stadion, sanierten Arenen. Nicht wenige äußern die Sorge, dass durch diese nach dem Turnier "nur noch der Wind pfeift", wie Aleksandr Jaremenko, Chefredakteur der russischen Sportzeitung "Sovetskij Sport", in einem Kommentar schrieb. Sorgen, die nicht unbegründet sind, wie allein die WM-Spielorte Kaliningrad oder Saransk zeigen. In beiden Städten wurden für viel Geld hochmoderne Stadien erbaut, in denen zukünftig unterklassige Mannschaften spielen sollen, die schon heute nicht mehr als 5.000 Zuschauer anziehen. Nicht besonders groß ist auch das Interesse an den Spielen der Premjer-Liga-Klubs. Bis auf Zenit Sankt Petersburg, wo durchschnittlich rund 43.000 Zuschauer zum Spiel gehen, und Spartak Moskau mit im Durchschnitt 28.000 zahlenden Fans, haben die meisten Vereine der höchsten russischen Spielklasse, die in Austragungsstädten beheimatet sind, einen Schnitt von rund 10.000 Zuschauern. Was daran liegt, dass der gewöhnliche russische Fußballfan die Spiele lieber vom eigenen Sofa aus verfolgt.

Korruption in Sankt Petersburg

Zum Symbol der überteuerten russischen WM-Arenen wurde das Krestowski-Stadion in Sankt Petersburg, wo auch während der europaweit ausgetragenen EM 2020 Spiele stattfinden sollen. Rund eine Milliarde Euro hat die fast 70.000 Zuschauer fassende Hochglanz-Arena bisher verschlungen, ohne das ein Ende der Ausgaben in Sicht ist. Zuerst gab es im Herbst Ärger wegen dem bei Regen undichten Dach, nun muss das Medienzentrum, welches für den Confed Cup errichtet wurde und auch während der WM genutzt werden sollte, an einer anderen Stelle neu gebaut werden. Grund dafür ist der ausfahrbare Rasen des Stadions, der wegen des Medienzentrums an spielfreien Tagen nicht aus der Arena gerollt werden kann. Weitere 3,6 bis 6 Millionen Euro, je nach Presseangaben, muss die Stadtverwaltung wegen dieser Fehlplanung nun ausgeben.

Wieso die Kosten für das Stadion in Sankt Petersburg so in die Höhe stiegen, zeigt der Fall von Marat Ogenasjan. Der ehemalige Vize-Gouverneur gestand Anfang November, einem befreundetem Unternehmer den Auftrag für eine Videowand im Stadion zugeschustert zu haben - wohlwissend, dass dieser die rund 715.000 Euro einstreichen würde, ohne eine Gegenleistung abzuliefern. Ein Fall, der nun vor Gericht endet, in Russland jedoch schon Tradition hat, wie schon die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 zeigten. Auch deren Kosten stiegen wegen Vetternwirtschaft und Korruption in die Höhe. In einem Land, in dem das Durchnittsgehalt knapp 600 Euro beträgt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.