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Rückkehr mit kalkuliertem Risiko

Der BVB und Mats Hummels vor dem Supercup

Mats Hummels soll das wichtigste Puzzleteil sein bei Dortmunds Angriff auf den Meistertitel. Erster Härtetest ist der Supercup am Samstag, 20.30 (ZDF ab 20.15), gegen den FC Bayern.

Mats Hummels im BVB-Training
Mats Hummels im BVB-Training
Quelle: ap

Falls es Zweifel an Mats Hummels’ sportlicher Qualität gegeben hätte - in den souveränen Tests von Borussia Dortmund dürften sie erheblich entkräftet worden sein. Zuletzt beim 4:1-Sieg über den FC St. Gallen, der die Vorbereitungs-Ausbeute des BVB auf fast makellose fünf Erfolge und 20:5 Tore schraubte.

Die schwarz-gelbe Gemeinde nahm die gut konservierten Talente des früheren BVB-Kapitäns anerkennend zur Kenntnis: den Außenrist-Pass quer durch die Reihen des Gegners, das hohe Anspiel über alle Defensivlinien hinweg: Hummels’ Spieleröffnung ist immer noch top.

Investition Hummels

"Ich bin sicher, dass sich seine Rückkehr bezahlt machen wird", hatte BVB-Chef Hans-Joachim Watzke schon kurz nach der spektakulären Verpflichtung des verlorenen Sohnes getönt.

Auch um Kritik vorzubeugen: zu alt, zu langsam, zu teuer. Die Basis-Ablöse von knapp 31 Millionen Euro für den bald 31-Jährigen Hummels wird selbst der clevere Sportdirektor Michael Zorc nie mehr reinholen.

Eine gute Investition könnte die Personalie Hummels dennoch sein. Liverpools Jürgen Klopp etwa sieht im früheren Schützling weiter "Deutschlands besten Innenverteidiger". Und BVB-Trainer Lucien Favre hofft via Fachmagazin "Kicker", Hummels werde nicht nur fußballerisch, "sondern auch mit seiner Erfahrung und seinem Charakter" helfen.

Unstillbarer Antrieb

Tempo-Defizite kompensiert Hummels von jeher mit den erwähnten Offensivstärken. Aber auch seine Routine und Übersicht, Technik, Zweikampfstärke und Lufthoheit stellen enorme Werte für Dortmund dar. Gerade angesichts der schmerzhaften Erfahrungen der vergangenen Spielzeit: Probleme bei Standards, rätselhafte Einbrüche, späte Gegentreffer durch fehlende Konzentration, Stehvermögen oder Gier haben am Ende die Meisterschaft gekostet.

Hummels dagegen meldete sich nach mäßiger Münchner Vorrunde und dem Aus in der Nationalmannschaft eindrucksvoll zurück. Mit dem gleichen unstillbaren Antrieb soll er nun die Titel-Ambitionen der Westfalen zur Reife führen. Und damit ist nicht primär der Supercup gemeint, um den es zum Saisonauftakt am Samstag (20.30 Uhr/ab 20.15 Uhr/ZDF) gegen München geht.

Dortmund geht im Titelkampf "all in"

Dortmund will die Bayern-Dominanz durchbrechen und endlich wieder Deutscher Meister werden. Dafür geht der pokernde BVB "all in". 127 Millionen Euro hat der Klub in neue Spieler gesteckt.

In den belgischen Nationalspieler Thorgan Hazard, in die deutschen Auswahlkicker Nico Schulz und Julian Brandt, in Spaniens Stürmerstar Paco Alcacer, dessen Leihe nun zum Kauf gerinnt. Und natürlich in Hummels, mit dessen Comeback der BVB das bislang dickste Ausrufezeichen dieses Transfersommers gesetzt hat.

Charme-Offensive

Es ist ein Spiel mit kalkuliertem Risiko. Hummels’ einstiger Abgang als BVB-Kapitän Richtung Bayern ist bei etlichen Hardcore-Fans unverziehen. Bislang hat Hummels aber alles richtig gemacht, um die Wunden zu heilen.

Mats Hummels macht Selfies mit Fans bei US-Tour des BVB
Mats Hummels war auf der US-Tour des BVB gefragtes Selfie-Motiv
Quelle: dpa

Seine Charme-Offensive sieht viel Zeit vor für Autogramme und nette Worte. Ob im Trainingszentrum in Brackel, auf Dortmunds USA-Tour oder zuletzt im Trainingslager in Bad Ragaz in der Schweiz.

Jüngst überraschte er sogar einen kleinen BVB- Fan, dem im gemeinsamen Flieger nach Wickede ein Ball abhanden gekommen war. Kurzerhand klingelte der Fußballstar an der Haustür der Familie, vier neue Spielgeräte für den Junior im Gepäck.

Bewährungsprobe Südtribüne

Doch die kritische Südtribüne im früheren Westfalenstadion muss er noch zurückerobern. Das Prestigeduell am Samstagabend wird einen ersten Hinweis geben zum Stand der Versöhnung.

Es bleibt ein "Wechsel mit Würze", wie Hummels' früherer Teamkollege Thomas Müller vorm ersten Showdown der Liga-Schwergewichte an diesem Samstag anmerkt. Auch in der BVB-Binnensicht. Denn der streitbare Verteidiger verschiebt die Hierarchie radikal.

Meinungsstark und klug

Hummels ist meinungsstark, will führen, eckt an. Die Chefetage war gut beraten, eine Diskussion um die Kapitänsbinde im Keim zu ersticken. Hier und auch beim Gehalt muss er sich hinter dem Fußballer des Jahres Marco Reus einordnen.

Hummels ist so klug, sich zunächst zurückzunehmen, gab bislang keine Interviews. "Er ist total auf den Sport konzentriert", sagt Lizenzspielerchef Sebastian Kehl.

Kritische Situationen und Rückschläge werden ohnehin früh genug kommen und Hummels’ Sprüche womöglich wieder polarisieren. "Die einen schätzen ihn für seine klaren Ansagen, die anderen halten ihn für einen Schlauberger, der alles besser weiß", schreibt der "Kicker" und sieht Konfliktpotenzial.

Selbst ein früherer Weltmeister muss sich den Respekt der Kollegen verdienen. Zumal in einer Truppe, die sich klar von der Borussia unterscheidet, die Hummels 2016 verließ.

Flucht nach Paris

Innenverteidiger Abdou Diallo war das erste "Opfer", der junge Franzose hat lieber die Flucht nach Paris ergriffen anstatt in zweiter Reihe zu wachsen. Youngster Dan-Axel Zagadou droht in seiner Entwicklung blockiert zu werden. Manuel Akanji hat zu verkraften, dass er vom Abwehrchef zum Hummels-Helfer absteigt, der auch mal die Lücken des Oldies zulaufen muss.

Dagegen bietet sich für die noch grünen Außen wie Mateu Morey oder Achraf Hakimi die Chance, an der Seite eines Routiniers zu wachsen.

Wie läuft's mit Trainer Favre?

Und schließlich ist das Verhältnis Hummels-Favre noch ungeklärt. Ein Wunschspieler des Trainers war Dortmunds alte/neue Nummer 15 wohl nicht.

Vermutlich ist Hummels’ Revier-Rückkehr eher bei BVB-Chef Watzke zu verorten, der stets ein großer Fan des smarten Strategen war.

Hummels hat in seiner Karriere nie den Konflikt mit dem Coach gescheut. Das war in BVB-Zeiten bei Klopp so, der ihn augenzwinkernd als "nicht pflegeleicht" charakterisiert, bei Thomas Tuchel sowieso und auch zuletzt mit Niko Kovac in München. Dass nun der sture Lucien Favre mit einem Spieler über Taktik und Aufstellung diskutieren möchte, ist irgendwie noch schwer vorstellbar.

Fr, 31.01.2020
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