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Die Sorgen an der Basis

Corona-Krise: Traditonsklubs schlagen schon Alarm

Viele der 25.000 Vereine unter dem Dach beim Deutschen Fußball-Bund fühlen sich in der Coronakrise im Stich gelassen. Die Hilfsprogramme sind erst in Vorbereitung - dabei schlagen selbst Traditionsklubs schon Alarm.

Stadion auf dem Bieberer Berg in Offenbach
Stadion auf dem Bieberer Berg in Offenbach
Quelle: dpa

Mit existenzbedrohenden Szenarien kennt sich im deutschen Fußball kaum ein Klub so gut aus wie die Offenbacher Kickers. Früher hat in einem Stadion mit nur zwei Flutlichtstrahlern ein Bundesliga-Torjäger wie Erwin Kostedde gewirbelt und später hat Rudi Völler hier seinen Torriecher erworben.

Paradebeispiel Offenbacher Kickers

Aber all das ist verdammt lang her. Inzwischen steht am Bieberer Berg zwar ein für den Profifußball taugliches Schmuckästchen, aber davon ist der in der Regionalliga Südwest gefangen gehaltene Traditionsverein ungefähr so weit weg wie Deutschland vom Ende der Corona-Pandemie.

Trotzdem ist der OFC ein Paradebeispiel dafür, wie die Menschen in diesen Krisenzeiten zusammenstehen. Weil das heimtückische Virus den Verein direkt an den Abgrund treibt, werden seit einer Woche Geisterspieltickets abgesetzt, die zwischen fünf und 190,10 Euro (als VIP-Ticket) kosten.

Auf allen ist ein Gespenst abgebildet, das den "Geist vom Bieberer Berg" zeigt. Es dauerte vier Tage, da war das 1000. Ticket verkauft. "Die Bilanz ist in jedem Fall mehr als ermutigend. Und vielleicht geht ja noch viel mehr in diesen unglaublichen Zeiten!", wird Kickers-Präsident Joachim Wagner auf der Vereinshomepage zitiert.

Regionalligisten sind Sorgenkinder

Die treuen Anhänger sollen mal wieder zuerst dafür sorgen, dass bei den Kickers nicht die Lichter ausgehen. Denn wie so viele Vereine, die sich offiziell im Amateurlager befinden, aber in Wahrheit einen Profibetrieb unterhalten, fühlen sich auch die Offenbacher vom DFB im Stich gelassen.

"Die Regionalligisten werden durch die Aufstiegsregel erst zum Wettrüsten gezwungen, dann lässt man sie im Regen stehen", kritisiert Wagner. Ihn stört die Untätigkeit massiv: "Ich kann derzeit nicht sagen, wer uns helfen wird. Dabei wäre es dringend nötig."

Hilferufe

Genau solche Hilferufe erreichen die ranghöchsten Funktionäre in den Regional- und Landesverbände fast stündlich. Viele dringen direkt zum DFB-Vizepräsidenten Rainer Koch vor, der als Amateurvertreter auf der Präsidiumssitzung via Telefonschalte die Lage geschildert hat.

"Wir bekommen Anrufe von Vereinen, deren Situation dramatisch ist", erzählte DFB-Direktor Oliver Bierhoff am Mittwoch auf der virtuellen Pressekonferenz, obwohl das gar nicht sein Zuständigkeitsbereich ist. Im Vergleich zu einigen Amateurklubs scheinen manche Sorgen der Profiklubs fast noch ein Kinderspiel.

An der Basis arbeiten 250.000 Vollzeitkräfte

DFB-Präsident Fritz Keller hat zwar empfohlen, was alle Fußballer tun und nicht tun sollten ("Füße still halten, anderen Leute in Not helfen, nicht in Vereinsheime gehen, keine Partys feiern"), aber das Oberhaupt konnte den 25.000 Vereinen noch keine Zahlen für ein Hilfsprogramm verkünden, wo doch die Basis mit den sieben Millionen Mitgliedern immer als Kernstück des deutschen Fußballs tituliert wird.

Nun geht es nicht nur um Unterstützung der Ehrenamtlichen, sondern tatsächlich auch um den Arbeitsplatz von 250.000 Vollzeitkräften - das sind übrigens mehr als vier Mal so wie die erste und zweite Bundesliga ausweist. Das DFB-Präsidium hat sich darauf geeinigt, die Regional- und Landesverbände "strukturell und finanziell zu unterstützen" (Keller).

"Rücklagen bauen"

Vom ehemaligen Präsidenten des SC Freiburg, der mit unglücklichen Aussagen und Interpretationen zu den Fanprotesten einiges an Vertrauen eingebüßt hat, wird konkrete Hilfsbereitschaft erwartet.

"Der DFB hat gut daran getan, Rücklagen zu bauen. Wir können auf ein kleines, aber gutes Polster zurückgreifen, das wir jetzt auch abgeben", versprach der 62-Jährige. Es seien aber nicht nur kleine Vereine gefährdet, sondern auch Bundesligavereine, "es geht von ganz oben bis zur Kreisliga".

Eigenkapital lag bei 150 Millionen Euro

Allerdings wies der Verband darauf hin, dass er keine Verluste ausgleichen kann, weshalb es nur um gezielte Überbrückungshilfen in Notfällen gehen kann. Tatsächlich darf der DFB satzungsgemäß gar keine Finanzspritzen direkt in die Kassen der Klubs leiten.

Klamm ist der Verband nicht, wie der letzte Geschäftsbericht im Sommer 2019 belegte: Die Bilanzsumme des DFB betrug 329 Millionen Euro, das Eigenkapital belief sich auf 150 Millionen Euro. Die Eigenkapitalquote lag bei 45 Prozent.

Geld schon verplant

Doch vieles davon ist verplant: etwa für den bereits begonnenen Bau der Akademie als neue DFB-Heimat auf der ehemaligen Frankfurter Galopprennbahn, was bis zu 150 Millionen verschlingen wird.

Daran kann nicht mehr gerüttelt werden, wohl aber an anderen Maßnahmen, wie Bierhoff einräumte: "Wir haben das Projekt Zukunft ausgerufen - das wird man jetzt auch noch mal überarbeiten müssen. Das ist die Aufgabe jedes Mitglieds im DFB, dass er auf seine Budgets schaut und bewertet, was wirklich notwendig ist. Wir werden sicher den Gürtel enger schnallen müssen."

Aber wer, wo und wann? Das wird über die DFB-Zentrale, deren 500 Mitarbeiter fast ausschließlich nur noch im Homeoffice arbeiten, noch etliche Skype-Schalten erforderlich machen. Ob die Lösungen dann auch die Nachbarstadt Offenbach erreichen, ist ungewiss. Da bringt der Absatz von Karten für Spiele, die gar nicht stattfinden, vermutlich vorerst mehr.

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