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DFB-Elf: Viel Neues und alte Schwächen

Fußball | Deutschland - Argentinien 2:2

Die deutsche Nationalmannschaft hat beim 2:2 gegen Argentinien aus der Not eine Tugend gemacht. Die Verlegenheitself schlug sich tapfer, verspielte aber den Sieg. Bundestrainer Joachim Löw ist trotzdem zufrieden.

09.10.2019, Fußball-Länderspiel Deutschland - Argentinien in Dortmund: Serge Gnabry und Bundestrainer Joachim Löw
Serge Gnabry und Bundestrainer Joachim Löw
Quelle: Christian Charisius/dpa

Die Neuerungen bei der deutschen Nationalmannschaft reißen nicht ab. Nicht nur, dass die DFB-Auswahl beim überraschend munteren 2:2 gegen Argentinien in Dortmund am Mittwochabend erstmals ohne einen Weltmeister antrat, so ertönt neuerdings bei Torerfolgen nicht mehr das nervige "Schwarz und Weiß" des Comedian Oliver Pocher, sondern der Techno-Hit "Kernkraft 400" von Zombie Nation. Klingt irgendwie zackiger. Innovativ ist auch, dass ein Spieler schon auf dem Platz für alle Stadionbesucher über die Lautsprecheranlage interviewt wird.

13 Absagen

Nach dem durch 13 Absagen auf deutscher Seite entwerteten Länderspiel vor 45.197 Zuschauern - für Dortmunder Verhältnisse eine karge Kulisse, weil ganze Tribünenbereiche verschlossen blieben -  traf es den tapferen Julian Brandt, der im Sommer zum BVB gewechselt ist. Doch als der gebürtige Bremer nach "den vielen guten Sachen aus der ersten Halbzeit" auch die Versäumnisse im zweiten Durchgang ansprach - da habe in der zusammengewürfelten Mannschaft "die Chemie nicht mehr so gut gepasst" - mischten sich Pfiffe in Brandts Ausführungen.

Manch einer also murrte im westfälischen Stimmungstempel. Warum hatte auch die anfangs so selbstbewusste Verlegenheitself den Vorsprung wieder nicht über die Zeit gebracht, fragte sich die Kundschaft - und wirkte darüber an diesem nasskalten Oktoberabend leicht verschnupft.

"Sehr viel Tempo"

Einen, den das alles weitaus weniger störte, war Joachim Löw. Wegen der Verabschiedung vom langjährigen Liga-Präsidenten Reinhard Rauball verspätet zur Pressekonferenz erschienen, zog der Bundestrainer ein überwiegend positives Fazit nach einem "sehr dynamischen Spiel, mit sehr starker Physis, sehr viel Tempo".

An den grundverschiedenen Halbzeiten gab es ja auch für Löw nichts zu kriteln. "In der ersten waren wir sehr stark und haben nach Ballgewinnen sehr gut nach vorne gespielt, mit sehr guten Kombinationen, vielen Abschlüssen, schönen Toren. In der zweiten war Argentinien stark."

Vom Mut verlassen

Seine Elf verließ der Mut, die Ballverluste häuften sich - und am Ende verloren selbst die Stabilisatoren wie Niklas Süle oder Emre Can die Übersicht. Konstanz, Balance und Stabilität über die gesamte Spielzeit sind Fremdworte bei der DFB-Auswahl geworden, seit der Prozess der Erneuerung konsequent durchgezogen wird.

Trotzdem konstatierte Löw: "Ich muss der Mannschaft ein Kompliment machen, mit welchem Herz sie gespielt hat. Es gab vielversprechende Ansätze."

Zwei Teams im Umbruch

Diese Erkenntnis war dem Bundestrainer wichtiger als das Ergebnis. So datiert der letzte Sieg in einem Freundschaftsspiel gegen die Südamerikaner halt aus dem Jahre 1988. Muss aber keinen in Deutschland interessieren, so lange die wichtigen WM-Duelle gegen Argentinien immer gewonnen werden.

Dass die beiden im Umbruch befindlichen Teams eher bei der Winter-WM 2022 in Katar als bei der EM 2020 beziehungsweise bei der Copa America 2020 ausgereift sind, wirkt offenkundig.

Problem: Vorsprung verwalten

Noch ist Löws Mannschaft, egal in welcher Besetzung, unreif, ja fast flattrig wenn sie einen Vorsprung verwalten soll. Nicht einmal Anführer Joshua Kimmich, von Löw nicht aufgrund seines 45. Länderspiels, sondern seiner Ausstrahlung zum Kapitän ernannt ("ein Vorbild an Einsatz, in seiner ganzen Einstellung, kann auch verbal eine Mannschaft auf dem Platz führen"), ist davor gefeit.

Denn als die Argentinier durch die eingewechselten Lucas Alario (66.) und Lucas Ocampos (88.) ausglichen als der deutsche Kontrollverlust längst zu spüren war, bäumte sich auch der 24-jährige Münchner nicht mehr auf.

Komplimente für Gnabry

Gleichwohl: Wie sein Klubkamerad Serge Gnabry im DFB-Dress auftrumpft, weckt größte Hoffnungen. Die Quote von zehn Toren in elf Länderspielen beim 24-jährigen Irrwisch ist beeindruckend. Bewundernswert die Coolness, mit der der gebürtige Schwabe per Außenrist das 1:0 erzielte (15. Minute), um dann auch Kai Havertz das 2:0 aufzulegen (22.).

Klar, dass Löw mit Komplimenten nicht sparte. "Er ist ein wahnsinniges Tempo und unglaubliche Wege gegangen. Er ist überall aufgetaucht und war ständig brandgefährlich." Die Auswechslung war allein der Vorsorge geschuldet, denn ein gesunder Gnabry wird womöglich den nächsten Gegner ganz alleine aufmischen.

Am Sonntag gegen Estland

Estland wird im EM-Qualifikationsspiel am Sonntag (20.45 Uhr) nur auf Schadensbegrenzung aus sein. Von einem Sieg in Tallinn geht Löw nach dem lockeren 8:0 im Hinspiel selbstverständlich aus.

Der am Mittwochabend geschonte Marco Reus, aber auch der Ex-Dortmunder Ilkay Gündogan sollen im Baltikum bei entsprechender Gesundung wieder mitwirken. Und es braucht bestimmt keine Dreierkette, um gegen den Fußball-Gnom zu verteidigen.

Wobei Löw auch mit Notlösung Robin Koch als einer von vier Debütanten (dazu Luca Waldschmidt, Suat Serdar und Nadiem Amiri) ganz zufrieden war. Der 23-jährige Freiburger spielte am Ende zwar im Abwehrzentrum nicht so stabil, wie der Bundestrainer das gesehen hatte, aber es hat definitiv deutlich  schlechtere Anfänge einer Nationalmannschaftskarriere gegeben.

von Frank Hellmann, Dortmund

EM-Qualifikation

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