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Späte, aber nicht zu späte Einsicht

Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Teammanager Oliver Bierhoff haben zwei Monate nach dem WM-Desaster schwere Versäumnisse eingeräumt. Was aber nicht reichen dürfte, um an der Basis die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Bundestrainer Joachim Löw legt bei der ersten Pressekonferenz seit dem WM-Aus seine Analyse dar. Am 29.08.2018 in München, Deutschland.
Bundestrainer Joachim Löw bei der ersten Pressekonferenz seit dem WM-Aus.
Quelle: ap

Noch nie hat eine Pressekonferenz bei der deutschen Nationalmannschaft so lange gedauert. Länger als jedes Fußballspiel mit Nachspielzeit. Handgestoppte 108 Minuten zog sich die Aufarbeitung zum WM-Desaster - historisch wie das erste Vorrundenaus der Verbandsgeschichte.

Selbst schuld

Löw und Bierhoff haben es sich selbst zuzuschreiben, dass so viel Erklärungsbedarf herrschte und der Fragemarathon im Pressekonferenzraum der Münchner Arena nicht enden wollte. Wer zwei Monate lang schweigt, hat hinterher umso mehr zu erklären.

Der eine oder andere wird sich zu Recht fragen: Warum hat das eigentlich alles so lange gedauert? Warum konnte Löw beispielsweise nicht Ende Juli beim Trainerkongress des Bundes Deutscher Fußballlehrer (BDFL) in Dresden erscheinen, um die ersten Schuldeingeständnisse auf seinem Fachgebiet bei der krachend gescheiterten Mission Titelverteidigung zu tätigen?

Nach eigener Aussage hatte der wichtigste Fußballlehrer des Landes ja seine Analysen nach drei, vier Wochen schon fertig. Darin steht im sportlichen Teil, dass seine Mannschaft bei der WM 2018 zwar zu zwei Dritteln den Ball hatte, aber sich im letzten Spielfelddrittel die Sprints und Beschleunigungen ersparte. Die aber sind dummerweise im modernen Fußball elementar, um dichte Abwehrreihen zu überlisten.

Zu langsam

Weitere Erkenntnis: Die Zeit zwischen Ballannahme und Abspiel veränderte sich von 1,2 Sekunden (WM 2014) auf 1,5 Sekunden vier Jahre später. So viel Langsamkeit kann sich kein Weltmeister leisten. Und zu guter Letzt: 36 Schüsse für ein Tor sind ein Armutszeugnis. Beim vierten Stern hatten sechs Versuche für einen Treffer gelangt.

Es ehrt Löw, dass er sein dogmatisches Vorgehen, unbedingt seinen Ballbesitzfußball auf die Spitze treiben zu wollen, im Rückblick als "arrogant" tituliert. Gleichwohl muss die Frage erlaubt sein, warum es kein Korrektiv im Vorlauf oder beim Turnier gab, damit der 58-Jährige noch rechtzeitig umgesteuert hätte.

Korrektiv nötig

Vor vier Jahren in Brasilien hatte ihm ja beispielsweise sein Co-Trainer Hansi Flick geflüstert, dass es sich lohne, Standards zu trainieren. Auch hier waren die Deutschen in Russland völlig hilflos, weil tatenlos, während sich limitierte Engländer auf diesem Wege bis in Halbfinale mogelten.

Es ist richtig, dass Löw vor dem Neustart noch einmal ausdrücklich betonte, dass eine von ihm trainierte Mannschaft nie ausschließlich defensiv spielen werde. Und es ist ein klares Signal, dass der Badener rassistisch motivierte Angriffe gegen Nationalspieler von außen geißelte, aber ein Rassismusproblem innerhalb der Mannschaft (oder des Verbands) entschieden negierte.

Schwierige Aufgabe für Bierhoff

Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff gehörte zu denjenigen, dem ein Interview-Eigentor in der Causa Mesut Özil unterlief. Auch er hätte sich hier eher erklären sollen. Sehr anschaulich machte Bierhoff deutlich, dass er bei keinem Thema so unterschiedliche Meinungen vernommen haben wie in diesem speziellen Fall. Da ist der Fußball nur das Spiegelbild einer ohnehin über ihre Integrationskraft streitender Gesellschaft.

Gleichwohl geht es für die Nationalmannschaft zunächst um Glaubwürdigkeit, aus den Fehlern der jüngeren Vergangenheit gelernt zu haben. Dabei fällt in Bierhoffs  Beritt die schwierige Aufgabe, die rapide in den Keller gerauschten Imagewerte zu korrigieren.

Am 6. September gegen Frankreich

Löw genügt vermutlich schon ein couragierter Auftritt seiner Elf zum Start der Nations League gegen Weltmeister Frankreich (6. September/ 20.45 Uhr live ZDF), um die Öffentlichkeit von seinem Weg zu überzeugen und die erwünschte Jetzt-erst-recht-Stimmung herzustellen.

Bei Bierhoffs Arbeit mit der Marke Nationalmannschaft (oder Mannschaft?) könnte das schwieriger werden. Weil das Gefühl der Entfremdung schon länger greift und für die meisten Anhänger mit der Abschottung der Bundesligavereine befeuert wird.

Bessere Öffentlichkeitsarbeit

Der Manager muss wissen, dass es nicht damit getan sein kann, fünf Minuten vor die Tür des Mannschaftshotels zu gehen, um ein paar Autogramme zu kritzeln. Oder je eine öffentliche Trainingseinheiten in Berlin und Leipzig vor den nächsten Herbst-Länderspielen abzuhalten.

Um das Gesamtprodukt wieder bodenständiger zu machen, gehört mehr: niedrigere Eintrittspreise bei Freundschaftsspielen beispielweise, bei denen Stars wie Toni Kroos schon jetzt mit dem Bundestrainer ausgemacht haben, zu Hause zu bleiben. Und auch frühere Anstoßzeiten, damit Schulkinder unter der Woche mal wieder ein Länderspiel schauen können.

Ein neuer Beirat, der zwei Mal im Jahr die Ereignisse bei der Nationalmannschaft spiegeln und in dem auch Medienvertreter sitzen sollen, ist schon einmal ein guter Ansatz, damit das Raumschiff Nationalmannschaft nicht wieder in Sphären driftet, wo es niemand mehr erreicht.

Aufgebot fürs Frankreich-Länderspiel

Tor: Manuel Neuer (Bayern München), Marc-Andre ter Stegen (FC Barcelona)
Abwehr: Jerome Boateng (Bayern München), Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach), Jonas Hector (1. FC Köln), Mats Hummels (Bayern München), Thilo Kehrer (Paris St. Germain), Joshua Kimmich (Bayern München), Antonio Rüdiger (FC Chelsea), Nico Schulz (TSG Hoffenheim), Niklas Süle (Bayern München), Jonathan Tah (Bayer Leverkusen)
Mittelfeld/Angriff: Julian Brandt (Bayer Leverkusen), Julian Draxler (Paris St. Germain), Leon Goretzka (Bayern München), Ilkay Gündogan (Manchester City), Kai Havertz (Bayer Leverkusen), Toni Kroos (Real Madrid), Thomas Müller (Bayern München), Nils Petersen (SC Freiburg), Marco Reus (Borussia Dortmund), Leroy Sane (Manchester City), Timo Werner (RB Leipzig)

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