Späte Ehre für den Unbeugsamen

Sandro Wagner will in der WM-Qualifikation treffen

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Sandro Wagner sagt selbst, er habe 29 Jahre lang gewartet. Um endlich A-Nationalspieler zu werden. Der meinungsstarke Mittelstürmer, der bisweilen auf und abseits des Platzes bewusst polarisiert, hofft im WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino (20:45 …

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Nervös wegen eines Länderspiels? Nicht doch. „Es ist nur Fußball. Es gibt wichtigeres im Leben!“ Mit diesem gelassenen Einwand hat Sandro Wagner allen Verdächtigungen gekontert, am Dienstag in Kopenhagen könnte ihn im Vorlauf des Nationalmannschaftsdebüts gegen Dänemark womöglich Lampenfieber befallen haben. Statt dessen wartete der Debütant mit dem lockeren Spruch auf, auf diesen Moment – die Hymne im Dress des A-Teams zu erleben – habe er „29 Jahre gewartet“.

Der Bundestrainer mag den Charakter

Ein typischer Wagner. Auch mit fast 30 Jahren irgendwie unverbraucht. Und unangepasst. Aber stets authentisch. Für das anstehende WM-Qualifikationsspiel gegen den Fußball-Zwerg San Marino in Nürnberg (Samstag 20.45 Uhr) wünscht er sich im zweiten Länderspiel das erste Tor. „Das wäre schön.“ Vom neuen Umfeld hat er vom ersten Tag eine gute Meinung gewonnen, das sich beim Aufenthalt in Herzogenaurach verfestigt hat. „Mit solchen Spielern ist es einfach, zu spielen. Wir werden uns jetzt durch die gemeinsamen Trainingseinheiten noch besser finden.

Das Trikot von seinem Einstand wollte er partout nicht mehr hergeben. „Das kommt nicht weg.“ Keine Frage: Da saugt einer gerade die Erfahrungen bei der DFB-Auswahl ein wie ein ausgetrockneter Schwamm ausgelaufenes Wasser. Joachim Löw kann diese Hingabe im Hinblick auf den Confed Cup (17. Juni bis 2. Juli) nur recht sein. „Er ist offen, ehrlich und direkt“, urteilt der Bundestrainer, der von Vorbehalten gegenüber einem als unbeugsam geltenden Typen bereits bei der Nominierung nichts wissen wollten. „Mit solchen Charakteren hatten wir nie Probleme.“

Und so bringt der Mittelstürmer der TSG Hoffenheim nicht nur fußballerisch „eine andere Note ins Spiel“ (Löw). Der gebürtige Münchner ist in der Generation der oft glattgebügelten Jungstars noch einer, der auch mal aneckt. Auf und abseits des Platzes. Und der schon immer vor Selbstbewusstsein gestrotzt hat. Nachdem er vom MSV Duisburg zum SV Werder gewechselt war, sagte der damals 22-Jährige, auf einen Stürmer wie ihn habe der von Stürmerstars wie Ailton und Ivan Klasnic, Claudio Pizarro oder Miroslav Klose geprägten Bremer Offensivfußball nur gewartet.

Immer an sich selbst glauben

Ein despektierlicher Spruch über den Frauenfußball („Frauen und Fußball – das passt nicht“) ist ebenso verbürgt wie seine These, dass Profifußballer heutzutage sogar zu wenig verdienen würde. Eine Ansicht, die Wagner bei einem Besuch im ZDF-Sportstudio am 28. Januar dieses Jahres mit sicherlich diskussionswürdigen Argumenten für ein Millionenpublikum unterfütterte. Wenn der 1,94-Meter-Hüne eines nicht ist: Jemand, der mit dem Strom schwimmt.

Davon konnten sich auch die Pennäler der Sankt Petri Schule in Kopenhagen überzeugen, als am Mittwochmorgen drei Nationalspieler zur Kinderpressekonferenz erschienen. Sandro Wagner oblag dabei die Aufgabe, für Schulleiter Marc-Christoph Wagner das Schlusswort zu sprechen: „Wichtig für euch, dass den Traum, den ihr habt, euch kein anderer wegnimmt. Ihr müsst immer an euch selbst glauben.“

Raus aus der Sackgasse

Gibt es ein besseres Beispiel an den Profi, der 2009 mit der Generation Neuer, Hummels, Khedira oder Özil in Schweden U21-Europameister wurde? Im Gegensatz zu den späteren Weltmeister steckte dieser Spieler später nicht nur in einer Sackgasse. Bei Werder Bremen gewogen und für zu leicht befunden, setzte er sich danach weder beim Zweitligist 1. FC Kaiserslautern noch beim Erstligist Hertha BSC durch, weil der Hüne bisweilen doch arg unbeholfen wirkte.

Irgendwann bolzte er in Berlin die Bälle allein aufs leere Tor, bis sich vor zwei Jahren der Bundesliga-Aufsteiger SV Darmstadt 98 dem Ausgestoßenen die vielleicht letzte Chance gab. Und es begann eine Aschenputtel-Story, die ihn nun mit der TSG Hoffenheim bis in den Europapokal trägt. 25 Tore hat Wagner in den beiden vergangenen Spielzeiten erzielt; die Berufung zur A-Nationalmannschaft hatte er daher schon eher eingefordert.

Kandidat auch für die WM 2018?

Für den Confed Cup trägt der Spätstarter die Nummer neun auf dem Rücken. Ganz im Stile der alten Heroen Uwe Seeler und Gerd Müller, Horst Hrubesch oder Rudi Völler hießen. Im Hinblick auf die WM 2018 in Russland gibt es eigentlich nur einen Konkurrenten: Mario Gomez, 31, vom VfL Wolfsburg, der bei Löw gesetzt ist. Aber die EM in Frankreich – als Gomez für das Halbfinale gegen den Gastgeber passen musste – hat gezeigt, dass es nicht schaden kann, zwei Stoßstürmer dieser Bauart für ein Turnier mitzunehmen.

Ob der Bundestrainer Wagner auch nächsten Sommer noch vertraut, wird entscheidend davon abhängen wie sich der Neuling beim Vorlauf in Putins Riesenreich schlägt. Die Zielsetzung gibt Wagner selbst vor: „Keiner von uns will schon in der Vorrunde ausscheiden.“ Auch wenn die Familie daheim vor allem die bevorstehende Einschulung seiner Tochter beschäftigt, wie er dieser Tage verriet. „Das ist das große Thema zuhause.“ Und nicht der Fußball.

WM-Quali im Ticker

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