Oranje-Frauen wollen Aufschwung krönen

Die niederländische Nationalmannschaft hat sich enorm entwickelt

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Die Niederlande sind Favorit im Finale der Frauen-EM 2017 gegen Dänemark (Sonntag, 17 Uhr/live im ZDF). Der Gastgeber würde mit dem Titelgewinn eine nachhaltige Entwicklung krönen.

Die niederländische Nationalmannschaft
Die niederländische Nationalmannschaft Quelle: reuters

Nun, der Herzenswunsch von Reinhard Grindel wird nicht erfüllt. „Ich habe jetzt zweimal das Glück gehabt, nach Siegerehrungen unsere Jungs in den Arm nehmen zu können“, erklärte der DFB-Präsident vor Start dieser Frauen-EM und drückte beim Blitzbesuch im deutschen Teamquartier zugleich seine Hoffnung aus, „auch unsere Frauen-Mannschaft als Präsident des erfolgreichen Verbandes bei der Siegerehrung zu sehen.“ Nicht alle Sehnsüchte gehen bekanntlich in Erfüllung.

Grindel wird am Sonntag – wie schon beim Halbfinale Niederlande gegen England – erneut in Enschede sein und gehört zu den Ehrengästen, die dem Finale Niederlande gegen Dänemark am Sonntag (17 Uhr/ live im ZDF) ihre Aufwartung machen, aber gleichzeitig bekommt der Verbandsboss vor Augen geführt, wie sich die Machtverhältnisse im Frauenfußball verschoben haben. Das Gastgeberland gibt da neuerdings ein Vorbild ab, obwohl dort erst vor zehn Jahren überhaupt eine Ehrendivision für die Frauen gegründet wurde. Mit sechs Klubs, die alle an männliche Profiverein wie den FC Twente Enschede angeschlossen waren.

„Ich bin damals dafür ausgelacht worden, dass wir Geld für die Frauen ausgeben“, erinnert sich Klubpräsident Joop Munsterman. Carola Winter, die damals einzige deutsche Spielerin beim Startschuss 2007 in der Grenzstadt, erzählte der „taz“ von kuriosen Pionier-Verpflichtungen: „30 Stunden pro Woche gingen bestimmt an den Fußball. Wir mussten auch Champions-League-Spiele der Männer anschauen, dann wurden die am nächsten Tag taktisch auseinander genommen.“ Im Nationalteam durften die Frauen auch außerhalb des Platzes die Haare nicht offen haben, sondern mussten einen Zopf tragen: „Es hieß: Ihr seid Sportlerinnen, keine Frauen.“

Vivianne Miedema und Lieke Martens sind Stars

Der Umstand hat sich glücklicherweise bei der aktuellen Generation um Topstar Lieke Martens geändert, aber ansonsten hat sich die holländische Hartnäckigkeit ausgezahlt. Der Gewinn der U19-Europameisterschaft 2014 – Deutschland war damals gar nicht qualifiziert – sollte sich als Vorbote einer klugen Nachwuchsförderung erweisen. Das Siegtor erzielte damals Vivianne Miedema, das Toptalent des Nachwuchsturniers und mittlerweile die gerade erst 21 Jahre alt gewordene Mittelstürmerin im A-Team.

Konterfeis von Miedema oder Martens zieren die Titelseiten der Zeitungen; die Popularität der „Oranje Leeuwinnen“ ist landesweit sprunghaft gestiegen – auch durch die mediale Inszenierung. Bereits den Viertelfinalsieg gegen Schweden (2:0) verfolgten auf NPO1 rund 2,1 Millionen Menschen, den Halbfinaltriumph gegen England (3:0) sahen dann bereits 2,87 Millionen Landsleute an den Fernsehgeräten. Ebenso ein Rekord für den Frauenfußball wie die 27.093 Zuschauer im Grolsch Veste, das auch am Sonntag wieder ein ausverkaufter Stimmungstempel sein wird.

Das Flügelspiel im 4-3-3 ist Markenzeichen

Tausendfach marschierten die „Oranjes“ am Donnerstag vom Treffpunkt Oude Gracht, dem zentralen Platz mit Grote Kerk, der großen Kirche, zur Spielstätte. Immerhin mehr als fünf Kilometer strammer Fußmarsch. Die Unterstützung hat sich das niederländische Nationalteam verdient, dem die erst zu Weihnachten ins Amt gehievte Trainerin Sara Wiegman eine klare Handschrift verpasst hat. Das 4-3-3-System ist Markenkern ihres Ensembles, das landestypisch über die Flügel angreift. Vor allem mit Publikumsliebling Shanice van de Sanden, die auf Rechtsaußen nicht zu halten ist, wenn sie einmal lossprintet.

Würden die Niederlanden erstmals Europameister bei den Frauen – die Männer schafften das bekanntlich 1988 in Deutschland – dann darf sich auch der Königliche Niederländische Fußballbund (KNVB) ruhig ein bisschen auf die Schulter klopfen. Nachhaltige Förderung zahlt sich aus. „Der Frauenfußball ist die am schnellsten wachsende Mannschaftsportart. In einem Jahrzehnt haben wir unsere Mitgliederzahlen bei den Frauen und Mädchen verdoppelt“, sagt KNVB-Generalsekretär und Turnierdirektor Bert van Oostveen.

Der Verband will mit den Frauen weiter wachsen

„Wir haben versucht, die Erwartungen zu erfüllen“, erklärt die Nationaltrainerin Wiegman, „aber wir haben uns keinen Druck gemacht.“ Den Begriff „Role Model“ verwendet die 47-Jährige jedoch selbst. „Wir wollen, dass sich der Frauenfußball entwickelt.“ Die Grundlagen sind gelegt: Die inzwischen 153.000 registrierten Fußballerinnen beim KNVB sind im Schnitt 13 Jahre alt.

Zweimal – 2009 und 2013 – hatten sich die Niederlande vergeblich für die Austragung einer Frauen-EM beworben, ehe im Dezember 2014 im dritten Anlauf der Zuschlag für die Ausrichtung erteilt wurde. Rückblickend genau der richtige Zeitpunkt, um einen Aufschwung dauerhafter Art einzuleiten. Alle Spiele der „oranjevrouwen“, der Frauen in Oranje, waren ausverkauft. Und wenn Mütter mit ihren Söhnen in eine Fanzone wie der auf dem Willelm Wilminkplein in Enschede ziehen und auf den Trikots die Namen Robben und Sneijder mit Martens und Miedema überklebt sind, sagt das eigentlich alles.

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