Die anhaltende Malaise

Italiens Frauenfußball macht kaum Fortschritte

Der italienische Frauenfußball fristet immer noch ein Mauerblümchendasein. Und so steckt der zweite deutsche Gruppengegner, der am Freitag (20.45 Uhr) in Tilburg gegen den Titelverteidiger antritt, in einem Teufelskreis.

Antonio Cabrini
Antonio Cabrini Quelle: imago/AFLOSPORT

Irgendwie passt es ja, dass es sich beim Star der italienischen Frauen-Nationalmannschaft eigentlich um einen Mann handelt. Gestatten: Antonio Cabrini, in seinen aktiven Zeiten einer der besten Linksverteidiger der Welt. Fast 300 Spiele für Juventus Turin. Und Weltmeister mit Italien 1982. Lang, lang ist’s her.

Der Star des Teams: Antonio Cabrini

Seit fünf Jahren kümmert sich Cabrini um die Fortschritte des Frauenfußballs. Der 59-Jährige muss sich als Entwicklungshelfer begreifen. Man könnte auch sagen: Signore Cabrini gibt den Don Quijote. Gerade auch wieder in den Niederlanden, wo putzige Windmühlen an jeder Ecke stehen.

Auf der Pressekonferenz vor dem Deutschland-Spiel nahm Cabrini ausführlich zu den Problemen Stellung, als ihn zdf.sportde mit der Fragestellung konfrontierte. „Als ich den Job angetreten habe, habe viele meiner ehemaligen Kollegen darüber gelacht. Das hat sich geändert. Es gibt noch viel Skepsis, aber der Verband fängt an, zu investieren. Die Veränderungen und Verbesserungen gehen nicht so schnell: Das ist ein Langzeitprojekt und wird noch vier, fünf Jahre dauern. Wir müssen die Mentalität verändern.

Kürzlich hat Juventus Turin ein Probetraining für Mädchen ausgerichtet und 400 sind gekommen. Auch andere Vereine folgen solchen Beispiele, Hellas Verona, Inter Mailand. Was der AC Florenz für den Frauenfußball tut, ist vorbildlich. Davon müssen noch viele Schritte folgen.“

Als die Auslosung für die laufende Frauen-EM feststand, stöhnte der prominente Nationaltrainer laut auf: „Das ist vermutlich die härteste Gruppe dieser Euro. Gegen Deutschland und Schweden, die beiden Finalisten aus dem Olympischen Fußballturnier. Auf dem Papier sind die anderen Teams stärker, aber sie sollten vorsichtig vor Italien sein.“

Kein Vorankommen

Tatsächlich hat eine Nation, die im weiblichen Segment gewiss nicht zu den Topnationen zählt – Fifa-Weltranglistenplatz 18. – schon einige Male aufhorchen lassen. 1993 (0:1 gegen Norwegen) und zuletzt 1997 (0:2 gegen Deutschland) erreichte Italien sogar das Finale. „In den achtziger und neunziger Jahren gehörte die italienische Mannschaft zum Who is Who des internationalen Frauenfußball“, stellte gerade erst das Magazin „FFußball“ in seiner EM-Sonderedition fest.

Dass sich zwei Jahrzehnte später bei der elften EM-Teilnahme die alten Erfolge wiederholen lassen, ist indes unwahrscheinlich. Nichts verdeutliche mehr die Stagnation als die ernüchternde Leistung beim 1:2 im Auftaktspiel gegen Russland. Mit einer Niederlage gegen den Titelverteidiger Deutschland in Tilburg (Freitag 20.45 Uhr) wäre das Turnier beendet, ehe es angefangen hat. Aber ist das verwunderlich? Cabrini beklagte zuletzt wiederholt die „kollektiven Misserfolge“ der italienischen Klubs.

Deutschland tat sich vor vier Jahren schwer

Aktive Spielerinnen weist der Verband gerade einmal 22.564 aus (2015/2016). Nur zum Vergleich: In Dänemark sind es knapp 70.000. Dabei hat das Land mit knapp sechs Millionen Einwohnern nur ein Zehntel der Bevölkerung von Italien. Aber in Skandinaviern wird Frauenfußball als gleichberechtigtes Element wahrgenommen – in Italien viel zu oft noch einer Machokultur belächelt.

Und so gibt es seit Jahren schon kein Entrinnen aus der Malaise. „Der Frauenfußball war ja in Italien bisher immer noch ein Amateursport“, sagte Ilaria Mauro, warum sie 2013 ein Angebot des damaligen Zweitligisten SC Sand annahm. Bei der EM 2013 hatte sie zuvor gegen Dänemark (2:1) ein Tor erzielt, was damals half, das Viertelfinale zu erreichen, in dem Deutschland einige Mühe hatte, einen Abnutzungskampf mit 1:0 zu gewinnen.

Mitten drin in einem Teufelskreis

Die bis 2016 für Turbine Potsdam in der Frauen-Bundesliga aktive Nationalstürmerin hat auch miterlebt, wie wenig damals der Erfolg wertgeschätzt wurde. Erst zum Duell gegen Deutschland hetzte damals der erste und einzige Reporter von „La Gazzetta dello Sport“ ins schwedische Växjö, um vor Ort zu berichten. Bester Beleg, dass der Frauenfußball in Italien immer noch im Teufelskreis steckt: ohne mediale Aufmerksamkeit fehlt die dringende Anerkennung, um sich vielleicht auch bei interessierten Sponsoren und vor allem dem Publikum zu inszenieren.

„Leider gibt es keine großen Fortschritte. Hier wird der Fußball allein auf die Männer bezogen. Für uns ist da kein Platz. Das ist ein bisschen schade. Deshalb spiele ich auch in Deutschland“, klagte die italienische Ersatztorhüterin Katja Schroffenegger bereits vor vier Jahren, als sie noch beim FC Bayern unter Vertrag stand.

Die 26-jährige Südtirolerin, die inzwischen beim FC Unterland in der Serie B zwischen den Pfosten steht, wartet noch im zweiten Glied, genau wie Laura Giuliani vom SC Freiburg, die einzige aktuelle Bundesliga-Spielerin im Kader. Stammtorhüterin ist die bereits 32-jährige Chiara Marchitelli (ACF Brescia), auf die viel Arbeit zukommen dürfte.

Ilaria Mauro ist vorne allein auf weiter Flur

Im Angriff hängt viel an Ilaria Mauro, die häufig schon auf die Missstände hingewiesen hat. Die 29-Jährige hat es sich zum Ziel gesetzt, mit Fiorentina FC zum führenden Frauenfußballverein in Italien aufzusteigen. Immerhin ist ihr das schon gelungen: 16 Tore schoss sie in der vergangenen Saison, um die Meisterschaft nach Florenz zu holen.

Und sie erzielte vergangenen Montag zum EM-Start gegen Russland in der 88. Minute das Anschlusstor – es sollte eine der wenigen Lichtblicke vor der Minuskulisse von weniger als 1000 Zuschauern im Sparta Stadion von Rotterdam sein. In dieser Hinsicht wird es im Willem II Stadion von Tilburg am Freitag besser: Allein wegen der deutschen Anhängerschaft werden die Ränge nicht ganz so spärlich gefüllt sein.

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