Auf dem Weg zur Großmacht

Frauenfußball-EM - Gruppe D: England - Spanien

Der spanische Frauenfußball macht enorme Fortschritte. Genau wie in England profitiert die Nationalmannschaft vom Investment der großen Männerklubs. Am Sonntag stehen sich die beiden Teams in Breda bei der EM gegenüber (20:45 Uhr/zdfsport.de-Livestream) gegenüber.

Mannschaftsfoto Spanien
Mannschaftsfoto Spanien Quelle: imago

Der offene Brief konnte nicht länger warten. Gleich am Tag nach dem Ausscheiden bei der Frauen-WM 2015 in Kanada platzte bei der spanischen Frauen-Nationalmannschaft die Bombe: In einem von allen 23 Mitgliedern des Kaders unterzeichneten Schreiben wurde der Rücktritt des Nationaltrainers Ignacio Quereda verlangt. Der gebürtige Madrilene war aber nicht irgendwer: 27 Jahre hatte der Mann die spanischen Fußballerinnen betreut, doch auf einmal wurden Vorbereitung und Alltagsarbeit scharf kritisiert.

Es dauerte nicht lange, da trat der inzwischen fast 67-Jährige zurück. "Wir mussten die Richtung ändern", erklärte Maria Victoria ("Vicky") Losada kürzlich in einem Interview der Nachrichtenagentur "Reuters". Was die Mittelfeldspielerin des FC Barcelona meinte: Um voranzukommen, brauchte "La Furia Roja" neue Impulse. Es übernahm Jorge Vilda, am 7. Juli erst 36 Jahre alt geworden.

Ein Erfolgsgarant, der mit der spanischen U17 bereits 2010 und 2011 Europameister geworden war und in diesem Jahr mit dem spanischen Nationalteam prompt den Algarve Cup gewann, der allerdings durch die Abwesenheit der Teams aus den USA, Deutschland, Frankreich und England – alle parallel beim She Believes Cup im Einsatz – an Bedeutung verloren hat. Dennoch: In Spanien tut sich im weiblichen Segment enorm viel. In der Qualifikation fertigten Losada und Co. alle Gegner ab, erzielten 39 Tore. Und so war es wenig verwunderlich, dass Portugal im ersten EM-Gruppenspiel im iberischen Duell chancenlos und mit der 0:2-Niederlage noch gut bedient war.

Barca-Akteure in der Verantwortung

Zum Lackmustest für die Fortschritte wird nun aber am Sonntag (20:45 Uhr/ zdfsport.de-Livesteam) das zweite Gruppenspiel gegen England, die gleichzeitig mit einem 6:0-Kantersieg gegen Schottland aufhorchen ließen. Das Duell kommender Großmächte im Frauenfußball? Vilda will auch Spaniens Frauen das berühmte "tiki-taka" beibringen und hat vielleicht auch deshalb auf die häufig zu eigensinnige Topspielerin Véro Boquete (Paris St. Germain) verzichtet, die beim 1. FFC Frankfurt und beim FC Bayern unter Vertrag stand. Möglicherweise ist der Filigrantechnikerin aber auch die teils harsche Kritik am eigenen Verband nun zum Verhängnis geworden.

Der neue Nationaltrainer setzt jedenfalls auf andere: Neben Losada sind ihre Klubkolleginnen Alexia Putellas oder Kapitänin Marta Torrejon die Führungskräfte. "Wir Spielerinnen haben eine große Verantwortung, um sicherzustellen, dass der Frauenfußball sich entwickelt", sagt Losada, die im ersten Match mit gutem Beispiel voranging und das Führungstor erzielte. Die 26-Jährige erinnert sich gut an ihre schwierigen Anfänge. "Als ich aufwuchs, war es seltsam, wenn Mädchen Fußball spielten."

Bald kommt es zum "Frauen-Clasico"

Sie ging in die US-Profiliga, spielte in England für die Arsenal Ladies, um dann in die Heimat zurückzukehren. "Ich war überrascht, wie viele Klubs Frauenmannschaften hatten." Nicht nur der FC Barcelona, auch der FC Valencia, Athletic Bilbao und Atletico Madrid haben den Verein dafür geöffnet – auch Real Madrid zieht nun nach. Um irgendwann auch weibliche Stars zu den Königinnen von Europa zu krönen?

Auch Dietmar Ness, der international bestens vernetzte Spielerberater, der Akteure wie Ada Hegerberg (Norwegen) oder Dzsenifer Marozsan (Deutschland) vertritt, kann von den Fortschritten erzählen: "Dass Barcelona das Halbfinale der Women's Champions League erreicht hat, war kein Zufall. Es wird dort kontinuierlich besser. Der ehemalige Jugendtrainer von Lionel Messi kümmert sich um die Frauen, und es gibt jetzt weitere Klubs, die weltweit nach Topspielerinnen suchen."

Sicherlich werden noch nicht die Dimensionen der französischen Trendsetter Olympique Lyon oder Paris St. Germain erreicht, aber genau wie große Marken in England haben auch die Renommierklubs in Spanien den Imagefaktor erkannt, den der Frauenfußball bietet. Die Primera Division Femenina hat an Wert gewonnen, denn auch das Fernsehen hat inzwischen seine Zurückhaltung aufgegeben – und die nur 1,64 Meter große Losada schwärmt davon, wie fast 14.000 Fans zum Punktspiel Atletico gegen Barcelona in der abgelaufenen Saison ins alte Vicente Calderon pilgerten. Sie kann es nächste Saison kaum erwarten, einen "Frauen-Clasico" auszuspielen. Eine fürwahr verlockende Aussicht. Vorher aber will sie bei der EM für Furore sorgen. Um eben auch zu demonstrieren: Der Offene Brief war es wert.

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