DFB-Frauen: Fahndung nach den Führungstypen

Bundestrainerin Steffi Jones sucht neue Persönlichkeiten

Die Erkenntnis ist nicht neu, aber das Problem drängend wie selten: Die Frauen-Nationalmannschaft braucht endlich wieder Persönlichkeiten. In der WM-Qualifikation, die am Samstag in Ingolstadt gegen Slowenien beginnt (14 Uhr/ZDF), will Steffi Jones herausfinden, wer für das neue Anforderungsprofil taugt.

Steffi Jones (Mitte) beim Training der DFB-Frauen
Steffi Jones (Mitte) beim Training der DFB-Frauen Quelle: dpa

Die Abteilung Frauen- und Mädchenfußball beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist längst in dem Anbau neben der Verbandszentrale untergebracht, die einst dem Organisationskomitee der WM 2006 als Heimstätte diente. Im ersten Stock liegt das geräumige Büro von Direktorin Heike Ullrich, das auch Bundestrainerin Steffi Jones gut kennt – es war schließlich früher ihres. An der Wand hängt eine Collage mit den Spielerinnen, die letztmals für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft eine WM gewannen.

DFB-Frauen in der WM-Qualifikation

Zehn Jahre ist es her, dass Deutschland damals in China triumphierte, die Live-Übertragung gegen Brasilien im ZDF sahen in der Spitze 11,5 Millionen Zuschauer. Die meisten Spielerinnen sind ein Begriff geblieben: Die Torhüterinnen Nadine Angerer und Silke Rottenberg, Ariane Hingst und Linda Bresonik, Sandra Smisek oder Birgit Prinz, die „ewige“ Weltfußballerin.

Die WM-Qualifikation ist nicht das Problem

Jones schaut beinahe wehmütig auf die Reminiszenz. Sie hat mit den meisten noch zusammengespielt, und sie weiß, welche Charaktere sich dahinter verbargen. Nicht immer einfache Persönlichkeiten, aber sie hatten Ecken und Kanten. Und ein klares Profil. Genau danach fandet die Bundestrainerin jetzt, wenn am Samstag die WM-Qualifikation in Ingolstadt gegen Slowenien (14 Uhr/live ZDF) startet.

Mit der Auswärtsbegegnung in Usti nad Labem gegen Tschechien geht es gleich am Dienstag weiter, im Oktober folgen dann Partien gegen Island und die Färöer. Bis auf den EM-Teilnehmer Island ist kaum ein Gegner auf Augenhöhe, und wieder einmal sollte es Formsache für den zweifachen Weltmeister sein, einen der acht europäischen WM-Startplätze zu ergattern.

Almuth Schult hat ihren Platz sicher

Almuth Schult
Almuth Schult Quelle: dpa

Aber ist es damit getan? Beileibe nicht. Jones sucht im Hinblick auf die Endrunde 2019 in Frankreich eine neue Generation der Winnertypen. „Wir hatten im deutschen Frauenfußball eine Generation, die viele, viele Jahre unter Silvia Neid erfolgreich gespielt hat. Da zähle ich mich auch noch zugehörig.“ Heute seien die Spielerinnen anders. Fraglos besser ausgebildet, „aber diese bedingungslose Ehrgeiz, sich über Dinge auch mal richtig aufzuregen, findet man nur selten“, sagt die 44-Jährige. „Vieles wird einfach so hingenommen.“

So wie ihre Auswahl das unnötige Viertelfinalaus gegen Dänemark bei der verpatzten Europameisterschaft in den Niederlanden, als sich der Titelverteidiger düpieren ließ, weil sich neben fußballerischer Stagnation auch noch Mängel in der Einstellung zeigten. Von der Kritik ausgenommen war bei der anschließenden Analyse nur Stammtorhüterin Almuth Schult (26 Jahre). Jones schätzt an Schult vor allem: „Die Einzige, die auch mal richtig rumschimpft. Diese Emotionen brauchen wir mehr.“

Babett Peter bekommt mehr Verantwortung

Wer aber soll in den anderen Mannschaftsteilen für die Zukunft vorangehen? In der Abwehrzentrale hat Babett Peter (29) an Persönlichkeit gewonnen. Die 111-fache Nationalspielerin hat die meisten Einsätze, die größte Erfahrung – und scheut sich nicht davor, Verantwortung zu übernehmen, wie zwei verwandelte Elfmeter bei der EM belegten. Auf den Außenverteidigerpositionen darf Jones nicht mehr so viele Wechsel vornehmen. Nahe liegende Lösung wäre, sich hier auf Leonie Maier (24) vom FC Bayern auf rechts und Carolin Simon (24) vom SC Freiburg auf links festzulegen.

Und im Mittelfeld? Muss zuerst von Dzsenifer Marozsan (25) mehr kommen. Abermals blieb die beste deutsche Fußballerin bei einem Turnier zu viel schuldig. Die Kapitänin war zudem diejenige, die sich in der von der Bundestrainerin öffentlich gemachten Analyse angesprochen fühlen muss, wenn es um „zu wenige 100-prozentige Torchancen und fehlende Zielstrebigkeit“ geht.

Simone Laudehr kommt nicht ohne Grund zurück

Wenn Jones dauerhaft auf Lena Goeßling (31) verzichten will – was die Bundestrainerin (noch) verneint – dann braucht es eine starke Leitfigur aus dem Mittelfeld. Kristin Demann (24), Sara Däbritz (22), aber auch die zunächst wegen ihrer langen Verletzungspause noch nicht nominierte Melanie Leupolz (23) sind aufgefordert, den nächsten Schritt zu machen – dass alle drei beim FC Bayern auch in der Women’s Champions League antreten, ist gewiss von Vorteil. Gerade für dieses Trio gilt, was Jones einfordert: „Ich brauche mehr Spielerinnen, die den Mund aufmachen und vorangehen.“ Auch deshalb kehrt ja Simone Laudehr (31) zurück. Die kampfstarke Allrounderin steht vor ihrem 100. Länderspiel. Die Torschützin im WM-Endspiel 2007 scheut keinen Zweikampf und kein offenes Wort.

Im Angriff ist die bei der EM schmerzlich vermisste Alexandra Popp (26) eine, die sich voll verausgabt und nie zurückzieht. Die Angreiferin vom VfL Wolfsburg ist gesetzt, wenn sie fit wird. Ob Lea Schüller (19) oder Hasret Kayikci (25) die nach dem Rücktritt von Celia Sasic entstandene Lücke im Sturmzentrun schließen ist fraglich - und auch, ob die zweimalige Bundesliga-Torschützenkönigin Mandy Islacker (29) wirklich bei einer WM weiterhelfen kann, steht zur Debatte. Die Fahndung nach Führungstypen verteilt sich also über das gesamte Feld. Mit Startschuss am Samstag im Sportpark Ingolstadt.

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