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Unterhaltung der anderen Art

Länderspiel England - Deutschland

Nur eine Halbzeit erfüllt der torlose Fußball-Klassiker zwischen England und Deutschland die Erwartungen. Joachim Löw kann verstehen, dass sich das Publikum irgendwann lieber den Papierfliegern widmet, die auf dem heiligen Rasen von Wembley landen. „Es war ein nüchternes Spiel.“ Das aber seinen Zweck nicht verfehlte.

Die Nationalmannschaft nach dem Freundschaftsspiel gegen England
Die Nationalmannschaft nach dem Freundschaftsspiel gegen England Quelle: epa

Es war aus deutscher Sicht der finale Schreckmoment dieses Länderspiels: Als der eingewechselte Jesse Lingard in allerletzter Sekunde den Ball über die Latte gejagt hatte, hob Kapitän Mats Hummels beschwörend die Arme und gleichzeitig stöhnte die Fußball-Kathedrale Wembley ein letztes Mal auf. Genug ist genug, sagte sich zudem das Londoner Publikum – und machte auf dem Absatz nach der Nullnummer zwischen England und Deutschland kehrt.

Starke Paraden zum Debüt

Aus den Augenwinkeln hatte manch einer vielleicht noch mitgekommen, dass angeblich Ruben Loftus-Cheek, der U21-Nationalstürmer von Cyrstal Palace, der „Man of the match“ dieser Begegnung gewesen sein sollte, da stand auch schon der wahre Mann des Tages zum Field-Interview vor einer Reporterin am Anstoßkreis: Schlussmann Jordan Pickford.

Der 23-Jährige hatte beim Debüt derart starke Paraden gezeigt, dass eine Dauerbaustelle des englischen Fußballs durch den noch etwas pausbäckigen  Keeper FC Everton geschlossen werden kann. Von einem „great moment“, einem großen Moment, sprach er also, nur dummerweise verriet der Widerhall seiner Worte: Die zuvor mit mehr als 81.000 Augenzeugen gefüllte Spielstätte war blitzartig fast leer.

Papierflieger sind für die Zuschauer der Hit

Ein Papierflieger sorgt für Unterhaltung
Ein Papierflieger sorgt für Unterhaltung Quelle: imago

Aber wollte irgendeiner den fluchtartigen Aufbruch in Richtung der beiden Underground-Stationen den Besuchern verdenken? Schon zuvor hatten sich die Menschen ja überwiegend damit beschäftigt, wie vielen der von ihnen geworfenen Papierfliegern es gelingen würde, auf dem heiligen Rasen zu landen. Timo Werner, der in der unterhaltsamen ersten Halbzeit mit guten deutschen Chancen zweimal an den bemerkenswerten Pickford-Reflexen gescheitert war, berichtete später, er habe sich nach einer Auswechslung immer gefragt, warum die Kulisse unvermittelt den Geräuschpegel veränderte. „Ich habe zur Anzeigetafel geschaut, aber da war nichts. Ich habe lange nicht gewusst warum – bis dann ein Papierflieger knapp über meinen Kopf ging und alle gejubelt haben.“

Löw spricht vom „nüchternen Spiel“

Wenn die Protagonisten auf dem Platz nicht für Unterhaltung sorgen, lenkt sich das Publikum eben anders ab. Joachim Löw nahm den Umstand so gelassen hin wie der Bundestrainer einen Espresso genießt. „England gegen Deutschland: Damit verbindet man strittige Entscheidungen, knappe Ergebnisse – diesmal war es ein bisschen weniger emotional.“ Oder wie der 57-Jährige im Nachgang konstatierte: „Ein nüchternes Spiel.“ Löw und Kollege Gareth Southgate hatten eben doch einige Experimente gewagt – eine Doppel-Sechs auf deutscher Seite mit Ilkay Gündogan und Mesut Özil kommt in einem K.o.-Spiel einer WM eher nicht zur Aufführung -, was spätestens mit weiteren Auswechslungen in der zweiten Hälfte endgültig den Spielfluss lähmte.

Irgendwann wirken alle recht ermattet

Oder wie Löw es formulierte: „Beide Mannschaften haben sehr viel Wert gelegt auf Organisation, darauf, nicht in zu viele Konter zu laufen. In der ersten Halbzeit hatten wir drei, vier sehr gute Möglichkeiten, das war gut. In der zweiten Halbzeit ist es dann so dahingeplätschert.“ Da wirkten die mit den gemeinsam zum Gedenken der gefallenen Weltkriegssoldaten getragenen „Poppy“-Armbinden verbundenen Kontrahenten so ermattet wie die London-Touristen, die glauben, die vielfältige Millionen-Metropole in der ersten Stunde erkunden zu müssen.

Für Löw war in einem „guten Test“ der Kardinalfehler aus der zweiten Halbzeit, in der sich eine Auswechslung von Gündogan angeboten hätte, dass das deutsche Umschaltspiel fast komplett zum Erliegen kam: „Wir müssen nach Ballgewinnen mit mehr Dynamik zum Tor ziehen. Das haben wir versäumt. Wichtig, dass wir das Richtung WM wieder einschleifen.“

Kroos und Khedira geschont

Einen Taktgeber wie Toni Kroos, der wegen seines Magen-Darm-Infekts zwei Tage im Bett verbracht hätte, aber in London gerne aufgelaufen wäre, hätte es gut brauchen können. Aber in dieser Personalie ging es Löw um eine ausbalancierte Verteilung der Belastung. Der Madrilene Kroos hätte „alle drei, vier Tage“ ein Spiel; und er stehe in der Verantwortung, „dass wir am Ende der Saison noch eine Höchstleistung herauskitzeln“. Bei der WM 2018 in Russland nämlich. Kroos und Sami Khedira dürfen sich jedoch bereits am Dienstag (20.45 Uhr) in Köln gegen Frankreich beweisen. Mindestens die halbe Mannschaft wird Löw verändern, auch wenn für ihn zunächst nur feststand, dass der immer noch über Muskelprobleme leidende Abwehrspieler Jerome Boateng zur weiteren Genesung nach München zurückreisen soll.

Stadtrundfahrt für den Samstagnachmittag

Die verbliebenen Kollegen können sich auf ein Wochenende freuen, dass auch im Zeichen kultureller Weiterbildung steht. Das deutsche Teamhotel befindet sich nicht umsonst in Convent Garden, dem belebten wie trendigen Puffer zwischen dem Machtzentrum Westminster und den Bankenzentren der City. Von der unübersichtlichen Straßenkreuzung nach der Waterloo Bridge sind viele Sehenswürdigkeiten im nahen Umkreis gut erreichbar.

Die für den Samstagnachmittag nach dem Regenerationstraining angesetzte Stadtrundfahrt stieß bei den Spielern auf Gegenliebe. „Ich war schon hundert Mal hier und habe noch nichts gesehen“, bekannte der überragende Hummels und wirkte über das Sightseeing an der Themse hocherfreut. Erst am Sonntagmorgen fliegt die deutsche Delegation nämlich mit dem Teamcharter nach Köln und nimmt die Vorbereitungen auf das Frankreich-Spiel auf.

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