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Böhm für Kühn - Small Ball statt Wucht

Wie ein Ausfall das Spiel der DHB-Sieben komplett ändert

Der Test der deutschen Handballer gegen Polen (Mi., 19 Uhr, im ZDFsport.de-Livestream) ist die erste Partie ohne Shooter Julius Kühn (Melsungen). Ohne ihn verändert sich kurz vor der Heim-WM (10.-27. Januar 2019) die Statik des Rückraumspiels. Für Kühn springt unter anderem Fabian Böhm in die Bresche.

Fabian Böhm in Aktion in Wetzlar am 20.10.2018
Fabian Böhm in Aktion in Wetzlar am 20.10.2018
Quelle: imago sportfoto

Der Schock traf ihn und alle deutschen Handballfans zum Jubiläum. In seinem 50. Länderspiel verletzte sich Julius Kühn, 25, Ende Oktober im EM-Qualifikationsspiel im Kosovo (30:14) schwer. Der Kreuzbandriss des Melsungers deprimierte alle Beteiligten. Als „Drama“ bezeichnete DHB-Präsidiumsmitglied Bob Hanning die Verletzung. „Uns bricht eine feste Größe mit Shooterqualität weg“, sagte Bundestrainer Christian Prokop.

Brachiale Würfe

Julius Kühn
Julius Kühn
Quelle: imago

Der Schock war so groß, weil die DHB-Auswahl mit Kühn wieder einen klassischen Shooter im Angriffsrepertoire besaß, seit der Rheinländer bei der EM 2016 im Halbfinale gegen Norwegen aus dem Stand fünf Tore geworfen hatte. Auf diese Wucht aus der halblinken Position durfte sich das Team stets verlassen. Seine brachialen Würfe fürchteten sogar die an sich furchtlosen Franzosen, weil Kühn ihnen im olympischen Halbfinale 2016 acht Tore in die Maschen gehämmert hatte.

Ein Blick in die Handballgeschichte zeigt, dass deutsche Mannschaften nur dann große Titel gewinnen konnten, wenn ihnen ein Shooter auf der halblinken „Königsposition“ dabei half: In den 1970er- und 1980er Jahren waren dies Joachim Deckarm und Erhard Wunderlich, bei der WM 2007 in Deutschland warf Pascal Hens die sogenannten „leichten“ Tore.

Alternativen sind rar gesät

Die Lage ist noch heikler, weil die beiden Halblinken, die in der jüngeren Vergangenheit in die Bresche sprangen, seit Monaten mit einem Formtief kämpfen. Philipp Weber (SC DHfK Leipzig) wurde nicht einmal für das Länderspiel in Rostock gegen Polen (19 Uhr, live im ZDF-Livestream) nominiert. Und auch Steffen Fäth (Rhein-Neckar Löwen) ist zurzeit nur ein Schatten seiner selbst.

Und so wird viel auf einen Profi ankommen, der in den letzten Jahren stets unter dem Radar der Öffentlichkeit spielte: Fabian Böhm (TSV Hannover-Burgdorf). Der 29-jährige hat zwar schon eine WM (2015 in Katar) gespielt, damals unter Bundestrainer Dagur Sigurdsson. Doch notierte er erst 13 Länderspiele. Bundestrainer Christian Prokop setzt dennoch auf Böhm, den er als „absoluten Krieger“ würdigte. Das erstaunte viele. Prokop allerdings kennt den Rückraumrechtshänder schon lange: Er trainierte ihn, wie übrigens auch Julius Kühn, in der Saison 2012/2013 bei TUSEM Essen.

Großes Selbstvertrauen

Böhm sagt, dass er sich die Rolle zutraue. „Ich weiß ja, dass ich Handball spielen kann“, sagt der Rechtshänder, der parallel noch ein Fernstudium (Baumanagement) und eine wohltätige Stiftung betreibt. „Mein Selbstbewusstsein war schon immer groß. Ich spiele derzeit in einer ganz guten Phase und ich habe ein gutes Gefühl“, sagt er. „Erstmal freue ich mich, vor einer vollbesetzten Mercedes-Benz Arena in Berlin zu spielen, vor so vielen Zuschauern.“

Dem gebürtigen Potsdamer ist wohl bewusst, wie stark sich durch den Ausfall Kühns die Statik des deutschen Angriffs verändert. „Natürlich ist das ein ganz anderes Spiel“, sagt er. „Aber spielerisch sind wir stark genug, den Ausfall von Julius zu kompensieren.“ Ein Vorteil liegt darin, dass Böhm sich mit dem ebenfalls reaktivierten Spielmacher Martin Strobel gut versteht. Beide haben drei Jahre lang zusammen in Balingen (2013-2016) gespielt.

Strategische Anleihe aus dem Basketball

Im Positionsspiel dürfte Prokop daher auf eine Variante setzen, die im Profi-Basketball „Small Ball“ genannt wird – also auf ein Spielsystem, das körperliche Nachteile im Rückraum durch Spielwitz und vor allem Schnelligkeit wettmacht. „Der SC Magdeburg hat in dieser Saison eindrucksvoll gezeigt, was mit einem solchen System möglich ist“, sagt Abwehrchef Finn Lemke. Selbst wenn es nach der Systemumstellung in den nächsten Wochen noch haken sollte, macht sich Lemke keine Sorgen. „Nur der Moment bei der WM zählt“, sagt er. „Und alles, was davor war, ist nicht mehr wichtig.“

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