Auf der Suche nach Modernität

Deutscher Handball wird 100 Jahre - Länderspiel live im ZDF

Am kommenden Wochenende feiert der deutsche Handball mit einem Doppel-Länderspieltag gegen Spanien seinen 100. Geburtstag (Sa. 14.15 Uhr, live im ZDF). Warum konnte Handball als vergleichsweise junge Sportart so populär werden? Eine Spurensuche.

Skulptur - Frauen beim Handball
Skulptur - Frauen beim Handball Quelle: zdf

Als Joachim Deckarm im März 1979, im Europapokalspiel in Tatabanya, so unglücklich auf den Betonboden stürzte, dass der Weltmeister für 131 Tage ins Koma fiel, beschädigte dies das Image des Handballs enorm. Dass dem Unfall nicht einmal ein Foul zugrunde gelegen hatte, spielte keine Rolle. Als „Klopper“-Sportart verunglimpften Kritiker den Handball.

Folgenschwerer Unfall für Joachim Deckarm 1979
Folgenschwerer Unfall für Joachim Deckarm 1979 Quelle: ZDF/Eggers

Tatsächlich ließ der Weltverband daraufhin die Regeln ändern. Das sogenannte „Klammern“, das Festmachen des Angreifers, ist seither verboten. Ein Beispiel dafür, wie wichtig der gesellschaftliche Diskurs für jede Sportart ist. Und Modernität. Am Sonntag, 29. Oktober 2017, feiert der deutsche Handball nun ein großes Jubiläum – in Berlin, wo ein gewisser Max Heiser, ein bis dato unbekannter Frauenturnwart eines kleinen Turnbezirks, vor genau einem Jahrhundert das erste Mal das Wort Handball in einem Regelwerk fixierte.

Handball für Frauen erdacht

Der Deutsche Handballbund (DHB) begeht das Zentenarium mit einem Bundestag, einem Empfang im Roten Rathaus in Schöneberg, einer sonntäglichen Matinee mit vielen Weltmeistern und Olympiasiegern – und einem Doppelländerspieltag in Magdeburg und Berlin gegen Spanien.

Handball-Pionier - Max Heiser
Handball-Pionier - Max Heiser Quelle: ZDF/Eggers

Dass die Männer dabei gewissermaßen das „Vorprogramm“ bilden, bevor die deutschen Frauen auflaufen, lässt sich als historisches Tribut ans weibliche Geschlecht werten. Denn der Pionier Heiser hatte 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, Handball als Frauenvariante konzipiert. Da die Männer an der Front standen, sollten die „Jungfrauen“ körperlich ertüchtigt werden, hieß es in der Deutschen Turn-Zeitung. „Das deutsche Land kann nur starke, im Herzen mutige Frauen, voll Lebensfrische und Tatendrang, keine Modepuppen gebrauchen.“ Viele junge Frauen, die das neues Spiel testeten, arbeiteten in den Siemens-Werken.

Männliches Kampfspiel

Populär wurde Handball jedoch erst, als der Sportlehrer Carl Schelenz an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen (DHfL), die im März 1920 als erste Sportuniversität der Welt gegründet worden war, den Handball von einem unkörperlichen Spiel in ein männliches Kampfspiel verwandelte.

So entstand der Feldhandball, der auf einem Fußballfeld gespielt wurde und schon 1928, als er von Hunderttausenden betrieben wurde, als „Nationalspiel der Deutschen“ galt. Seitdem ist Handball, viel jünger als Hockey (erste Regeln 1852), Fußball (1863) oder Basketball (1891), ein „deutsches Spiel“. Modernität bestimmt bis heute über Erfolg oder Misserfolg eines Sportspiels. Das haben auch die Funktionäre, die mit dem Feldhandball sozialisiert worden waren, in den 1960er und 1970er Jahren bitterlich erfahren müssen, als ihr Spiel als altmodisch empfunden wurde – und am Ende nur noch in Deutschland gespielt wurde. Der Feldhandball starb damals und ist heute ein vergessenes Spiel.

Fast ebenso vergessen wie eine damalige Regel: Bei der WM 1964 setzte der Weltverband IHF in jedem Spiel fünf (!) Schiedsrichter ein: einen Hauptschiedsrichter, zwei Linienrichter und zwei Tor-Richter. Die Resultate waren gut. Doch beschloss die IHF im Jahr 1968 die sogenannte "Zweimann-System" im Schiedsrichterwesen, nachdem die Bundesliga dieses System in der Saison 1967/68 mit großem Erfolg ausprobiert hatte. Seither sind stets zwei Referees verantwortlich.

Regelreformen als Gestaltungsinstrument

Steuerungsinstrumente, den Handball modern zu gestalten, sind Regelreformen. Doch die sind äußerst sensibel, weil das Spiel damit drastisch verändert werden kann. Wie stark die Öffentlichkeit auf Zäsuren reagiert, zeigt die Debatte um das Verbot des Ballharzes, welche der Weltverbandspräsident Hassan Moustafa während der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro anstieß. Andererseits muss sich eine Sportart verändern. Auch der Fußball hat durch Modifikationen der Abseitsregel 1925 und 1990 das Spiel attraktiver gestaltet.

Eine Weisheit lautet: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Das gilt auch für den deutschen Handball, der im letzten Jahrzehnt ungefähr ein Zehntel seiner Mitglieder verloren hat. Insofern dient das Jubiläum auch als Anlass, über die Zukunft nachzudenken.

ZDF-Übertragung aus Magdeburg am 28. Oktober ab 14 Uhr
Reporter: Christoph Hamm
Moderation: Yorck Polus
Experte: Sven-Sören Christophersen

DHB-Aufgebot der Männer

Tor: Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Andreas Wolff (THW Kiel), Feld: Uwe Gensheimer (Paris St. Germain/Frankreich), Yves Kunkel, Philipp Weber (beide SC DHfK Leipzig), Julius Kühn, Finn Lemke (beide MT Melsungen), Paul Drux, Steffen Fäth, Fabian Wiede (alle Füchse Berlin), Tim Kneule (Frisch Auf Göppingen), Kai Häfner (TSV Hannover-Burgdorf), Steffen Weinhold, (THW Kiel), Patrick Groetzki, Hendrik Pekeler (beide Rhein-Neckar Löwen), Tim Hornke (TBV Lemgo), Jannik Kohlbacher (HSG Wetzlar)

DHB-Aufgebot der Frauen

Tor: Dinah Eckerle (Thüringer HC), Katja Kramarczyk (Bayer Leverkusen), Clara Woltering (Borussia Dortmund), Feld: Lone Fischer, Emily Bölk (beide Buxtehuder SV), Angie Geschke (VfL Oldenburg), Saskia Lang, Kerstin Wohlbold, Alexandra Mazzucco, Meike Schmelzer (alle Thüringer HC), Nadja Mansson, Svenja Huber, Stella Kramer (alle Borussia Dortmund), Shenia Minevskaja, Anna Loerper, Julia Behnke (alle TuS Metzingen), Kim Naidzinavicius, Anja Lauenroth (beide SG BBM Bietigheim), Jennifer Rode (Bayer Leverkusen), Alicia Stolle (HSG Blomberg-Lippe)

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