An Glanz verloren

Die Krise der deutschen Stabhochspringer

Der Stabhochsprung der Männer war über viele Jahre eine Vorzeigedisziplin der Deutschen, die Startplätze bei Großereignissen waren hart umkämpft. Bei der WM in London vertritt allein Raphael Holzdeppe die Farben des DLV.

Raphael Holzdeppe
Raphael Holzdeppe Quelle: imago

Jörn Elberding ist ratlos. Im Moment bleibt dem Stabhochsprung-Bundestrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) nur leiser Sarkasmus. „Wollen Sie mit unserem Stabhochsprung-Team sprechen?“, fragt er zwei Wochen vor den Weltmeisterschaften in London. „Ach so, wir haben ja nur einen Athleten.“ Dazu ein schiefes Lächeln.

Der Eine immerhin hat seine Sache bislang gut gemacht. Raphael Holzdeppe überstand die von wechselnden Windbedingungen erschwerte Qualifikation am Sonntagvormittag und steht im Finale am Dienstagabend (ab 20.35 Uhr, live im ZDF und exklusiv im Livestream 20:10 – 23:00 Uhr).

Nur Außenseiterchancen?

Aber wird der Weltmeister von 2013 und WM-Zweite von 2015 da mitmischen können? Im Feld sind vier Sechsmeterspringer. Neben dem kanadischen Titelverteidiger Shawnacy Barber sind das der Franzose Renaud Lavillenie, Olympiasieger von 2012, der Pole Piotr Lisek, WM-Dritter von 2015 und Sam Kendricks aus den USA, Olympiadritter von Rio. Lisek und Kendricks sind auch in dieser Saison schon über die sechs Meter geflogen.

Holzdeppes Bestleistung steht seit 2015 bei 5,94 Metern, in diesem Jahr kam er noch nicht höher als 5,80 Meter. Der 27-Jährige vom LAZ Zweibrücken gab sich nach der Qualifikation dennoch zuversichtlich: „Die Sprünge waren gut und hoch drüber. Ich habe mich gut gefühlt. Ich werde versuchen, im Finale ganz vorn mitzuspringen.“

Ein Erfolg wäre für Holzdeppe der ersehnte Befreiungsschlag nach längerer Leidenszeit. Im vergangenen Jahr zog er sich im Frühjahr eine schwere Fußverletzung zu und konnte erst spät in die Freiluftsaison starten. Er schaffte es zu den Olympischen Spielen in Rio, schied dort aber in der Qualifikation aus. In diesem Jahr ist ihm in der Hallensaison wieder ein Sprung über 5,80 Meter gelungen, er schien zurück auf dem rechten Weg. Dann brach ihm ein Stab. Er steckte es weg. Machte weiter. Dann brach ein zweiter.

Sieben Athleten aus der Weltspitze passierte das zuletzt mit Stäben der Marke Pacer. Holzdeppe wechselte den Hersteller, springt jetzt mit Stäben der Marke Spirit mit höherem Glasfieber- und geringerem Carbon-Anteil. „Wenn du kein Vertrauen mehr in die Stäbe hast, bringt das natürlich Unruhe“, sagt Elberding.

Wenige Nachfolger in Sicht

Holzdeppe lieh sich zunächst die fast 20 Jahre alten Stäbe seines Trainers Andreij Tiwontschik. Bekam Material von Kollegen aus Leverkusen, die sich nicht für die WM qualifiziert hatten. Denn die Produktion neuer Stäbe dauert rund acht Wochen. Alles ein ziemliches Kuddelmuddel. Inzwischen sind die neuen Stäbe da. Und die Zuversicht ist zurück.

Bundestrainer Elberding sagt: „Raphael hat richtig viel Potenzial in sich, alle physischen Leistungen sind da.“ Er sei lediglich durch die wenig konstante Saison etwas verunsichert. Deshalb traue er ihm zwischen Platz eins und acht alles zu.

Lita Baehre könnte es schaffen

Bo Kanda Lita Baehre
Bo Kanda Lita Baehre Quelle: dpa

Und sonst? Sind wenige potenzielle Nachfolger in Sicht. Allein dem 18 Jahre alten Bo Kanda Lita Baehre vom TSV Bayer 04 Leverkusen traut Elberding zu, den Sprung in die Weltspitze schaffen zu können. Er kratzte bereits an den 5,70 Metern. Das hätten in dem Alter noch nicht mal Tim Lobinger und Danny Ecker geschafft, sagt der Bundestrainer.

Namen aus einer glanzvollen Zeit, als Deutsche noch über sechs Meter flogen. Der letzte und einzige, dem das nach Lobinger und Ecker noch gelang, ist Björn Otto. Auch er hat seine Karriere längst beendet.

Letzte Professionalität fehlt

„Alle Disziplinen unterliegen natürlich solchen Wechselbewegungen“, sagt Elberding. „Manchmal hast du eben Auserwählte, und die ziehen dann andere mit.“ Damit allein will er die Krise im deutschen Stabhochsprung aber nicht erklären. Die Rahmenbedingungen seien optimal. Moderne Matten, gute Stäbe, hervorragende Trainer, ein professioneller Messplatz in Leverkusen. „Da fällt mir nur noch der Athlet ein. Es fehlt der letzte Funke Leidenschaft, oft auch die Professionalität.“

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