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Lukas Nmecha: Deutsche Sturmhoffnung aus England

U21-EM ab 16. Juni mit dem DFB-Team

Lukas Nmecha ist die große Überraschung im deutschen Kader bei der U21-Europameisterschaft. Und könnte als klassischer Mittelstürmer zum großen Gewinner werden.

Lukas Nmecha (Mitte) behauptet den Ball für die deutsche U21 im Spiel gegen seine alten Teamkollegen.
Lukas Nmecha (Mitte) behauptet sich gegen seine alten Teamgefährten.
Quelle: imago

Auf Instagram liegen nur ein paar Daumenbewegungen zwischen der großen Karriereentscheidung des Lukas Nmecha. Die obersten Bilder zeigen den 20-Jährigen Stürmer im Kreise der deutschen U21-Nationalelf, garniert mit Adler-Emojis und dem U21-Hashtag #herzzeigen. Scrollt man ein paar Bilder nach unten, vorbei an Urlaubs- und Familienfotos, sieht man Nmecha im Trikot der englischen U-Nationalmannschaft, im Zweikampf mit einem vergeblich grätschenden Gegenspieler. Der Fußball, er ist eben auch auf Junioren-Ebene schnelllebig geworden.

Wenn am Freitag die U21-Europameisterschaft losgeht, dann dürfte Lukas Nmecha die größte Überraschung im Kader von Cheftrainer Stefan Kuntz sein. Der 20-Jährige ist hierzulande allerhöchstens Experten ein Begriff, schließlich hat Nmecha nie in Deutschland gespielt, kein hiesiges Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen, keine Minute Bundesligaluft geschnuppert. Selbst in England dürfte Nmecha dem ein oder anderen Premier-League-Fan nichts sagen, schließlich hat er das letzte Jahr in der zweitklassigen Championship verbracht, beim nicht gerade glamourösen Preston North End.

U19-Weltmeister mit England

Nun also die Nominierung für Deutschland. Nmecha, Sohn einer Deutschen und eines Nigerianers, ist zwar in Deutschland geboren, allerdings bereits mit neun Jahren nach England ausgewandert. Auf der Insel fiel er kurz nach dem Umzug bei einem Schulturnier bereits den Scouts von Manchester City auf, seither ist er im Verein und darf sich sogar englischer Meister 2018 nennen, auch wenn er nur zweimal in der Meistersaison auflief. Dennoch hält Startrainer Pep Guardiola große Stücke auf Nmecha: „Lukas hat eine gute Perspektive. Er ist hungrig“, sagte der Spanier unlängst, als Nmecha seinen Vertrag bis 2021 verlängerte.

Was Guardiola an Nmecha findet, ist schnell erkennbar. Nmecha ist schnell, gut im Eins-gegen-Eins und torgefährlich, kann neben seiner angestammten Position im Sturmzentrum auch auf den Außen aufgeboten werden. Seine Klasse spülte Nmecha schnell in die englischen Auswahlmannschaften, deren sechs er durchlief. Mit der englischen U19 wurde er 2017 sogar Europameister, beim 2:1-Erfolg im Endspiel gegen Portugal erzielte er den entscheidenden Treffer. Auch deshalb kommt sein Wechsel zum deutschen Verband überraschend.

Ich sehe Deutschland als meine Heimat an.“

Die Erklärung ist auf den ersten Blick ganz einfach: „Ich sehe Deutschland als meine Heimat an. Bis ich neun Jahre alt war, habe ich in Hamburg gelebt und habe auch heute noch einen großen Bezug zur Stadt und den Leuten“, sagte Nmecha nach seinem Debüt für Deutschlands U21 im März, ausgerechnet gegen die alten Kollegen von der Insel. Der Verbandswechsel sei eine langwierige und nun endgültige Entscheidung gewesen, so Nmecha weiter. Bei aller Verbundenheit zu Deutschland dürfte allerdings auch mitentscheidend gewesen sein, dass den deutschen Juniorennationalmannschaften – und damit auch der A-Nationalmannschaft – die klassischen Mittelstürmer mittlerweile fast komplett abgehen.

Nicht umsonst schlagen bereits seit einigen Jahren hiesige Fußballexperten in regelmäßigen Abständen Alarm. Zuletzt warnte Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic, einst selbst Mittelstürmer alter Prägung, im Interview mit der FAZ: „Ich habe es immer für einen großen Fehler gehalten, dass wir in der Ausbildung in Deutschland nicht mehr auf den klassischen 'Neuner' gesetzt haben. Wenn ich mir die Jugend anschaue, wie viele Mittelstürmer haben wir denn noch? Puh, das wird schwer für Deutschland.“ In diesem Kontext klingt es wie ein Eingeständnis, wenn U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz sagt: „Wir haben aktuell pro Jahrgang nicht mehr die Masse an überragenden Talenten.“ Kuntz sprach explizit von Talenten vom Schlage eines Kai Havertz. Am dringlichsten aber ist der Mangel an Fachkräften im Sturm.

Es war ein exzellentes Jahr für ihn“


Das zeigt auch ein Blick auf die jüngsten Aufstellungen bei der A-Nationalmannschaft. Gegen Estland begann Serge Gnabry im Sturmzentrum, ein ausgewiesener Flügelspieler. Später kam Timo Werner ins Spiel, der dem Mittelstürmer-Typ als einziger im Kader überhaupt nahe kommt, für einen echten Stoßstürmer aber zu klein ist. Ähnliches offenbart ein Blick auf Kuntz' EM-Aufgebot. Johannes Eggestein, einst klassischer Mittelstürmer, wurde in Bremen zum Außenbahnspieler umgeschult. Und Luca Waldschmidt, der dritte Stürmer im Bunde, kam in Freiburg ebenfalls oft genug über Rechtsaußen. Es scheint, dass es flinke Außenbahnspieler und falsche Neuner zuhauf im deutschen Fußball gibt. Die Miroslav Kloses, Jürgen Klinsmanns und Rudi Völlers aber sterben aus.

Auch deshalb könnte Nmechas Wechsel zum DFB eine Win-Win-Situation sein. Auf der einen Seite ein Verband, dem es an einem speziellen Spielertyp mangelt. Auf der anderen ein Spieler, der von einem anderen Verband genau auf dieser Position exzellent ausgebildet wurde. Selbst wenn ein Blick in Nmechas Statistik der vergangenen Saison das nicht vermuten lässt. Die Torausbeute Nmechas bei Preston war ausbaufähig, nur drei Treffer steuerte er in 41 Championship-Spielen bei. Alles in Grund und Boden zu schießen war aber auch gar nicht Sinn und Zweck der Leihe. „Er wollte nach Preston ausgeliehen werden, da gibt es schon mal 48 Bälle vom Torhüter zu verteidigen oder zu verlängern. Er wusste, dass ihm das noch fehlt", so Kuntz. Ähnlich äußerte sich sein Trainer in Preston, Alex Neil. „Es war ein exzellentes Jahr für ihn. Zu Beginn der Saison war er ein wenig naiv, also haben wir ihn auf die Außen gestellt, um ihm dort Spielpraxis zu geben. Aber er wird eine Nummer Neun werden.“ Die ist er auf Juniorenebene immer schon gewesen, Neil hat ihm nun die nötigen Ecken und Kanten mitgegeben, dass Nmecha das auch auf Herren-Ebene wird.

Für welchen Verband entscheidet sich Nmechas Bruder Felix?

Zuvor aber steht die U21-EM an, die in diesem Jahr die einzige deutsche Chance auf einen Nachwuchs-Titel ist. Für die U19-EM, die U20-WM und die U17-WM ist Deutschland gar nicht erst qualifiziert, die U17 schied bei der EM in der Vorrunde aus. Anders sieht das bei den Engländern aus, die im Juniorenfußball seit Jahren Titel um Titel holen. Auch wenn das beim DFB niemand gerne hören wird, aber die Konkurrenz um Spielpraxis und Kaderplätze ist in den Deutschen U-Mannschaften derzeit geringer als in den englischen Pendants.

Und so könnte der Fußball bei der U21-EM mal wieder eine seiner wilden Geschichten schreiben, wenn ausgerechnet jenem Spieler, der die englische Nationalmannschaft bereits zum Titel schoss, selbiges nun für die Deutsche Nationalmannschaft gelingt. Und sollte das nicht eintreten, ist es in der Zukunft vielleicht an Nmechas jüngerem Bruder Felix, der ebenfalls bei Manchester City unter Vertrag steht, wenn auch als offensiver Mittelfeldspieler. Der spielte nämlich bereits für die englische U16, die deutsche U18, die englische U18 sowie U19. Bei Instagram sieht man ihn dementsprechend häufiger im Trikot der Three Lions. Aber das muss ja nichts heißen.

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