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Liverpool widersteht dem Kaufrausch

UEFA Supercup | Liverpool - Chelsea

Wenn der FC Liverpool am Abend (21 Uhr) im UEFA Supercup gegen den FC Chelsea antritt, spielen die Reds mit fast unverändertem Kader. Während die erlesene Konkurrenz der Premier League viele Millionen in neue Spieler investierte, blieb es in Liverpool bislang äußerst ruhig.

Bobby Duncan, Sepp van den Berg, Harvey Elliott und Adam Lewis (v.l.n.r.) mit Trainer Jürgen Klopp (m)
Bobby Duncan, Sepp van den Berg, Harvey Elliott und Adam Lewis (v.l.n.r.) mit Trainer Jürgen Klopp (m)
Quelle: action images via reuters

Wenn selbst der große FC Bayern München noch hektisch bei einem Spieler durchklingelt, obwohl dieser gerade schon bei einem anderen Verein den Medizincheck absolviert, muss es sich bei besagtem Fußballer um einen wirklich dicken Fisch handeln. So geschehen vor einigen Wochen, als der deutsche Branchenprimus einen besonders talentierten Kicker noch unbedingt an die Isar locken wollte, obschon sich dieser bereits mit dem FC Liverpool einig war und dort die medizinischen Tests durchlief. Sein Name: Sepp van den Berg.

Sepp wer? Van den Berg, Innenverteidiger, Holländer, 17 Jahre alt und 15-facher Erstligaspieler des PEC Zwolle in den Niederlanden. Und darüber hinaus so etwas wie der Königstransfer Jürgen Klopps, besieht man sich die Transferbilanz der Reds in diesem Sommer. Sehr viel spielen wird van den Berg allerdings nicht, gleiches trifft auf Liverpools weitere Transfers Adrian und Harvey Elliott zu. Adrian kam als Ersatztorwart ablösefrei von West Ham, der hochbegabte 16-jährige Elliott ist wie van den Berg ein Perspektivspieler, der langsam aufgebaut werden muss. Stars sucht man in Klopps Transferbilanz 2019 vergebens.

„Wie mit einem neuen Auto“

Beim FC Liverpool herrscht nach dem Triumph in der Champions League eine neue Bescheidenheit. Gaben die Reds unter Klopp in den vergangenen Jahren teils horrende Summen für neue Spieler aus, stehen die Ausgaben in diesem Sommer bei gerade mal 1,9 Millionen Euro.Zum Vergleich: Im Vorsommmer gab der einstige Rekordmeister stolze 180 Millionen Euro für neue Spieler aus. Kein Wunder also, dass sich Klopp wenige Tage vor dem Saisonstart in England und nach einer eher durchwachsenen Vorbereitung – unter anderem setzte es Testspielniederlagen gegen Borussia Dortmund, den FC Sevilla und den SSC Neapel –  in Interviews für die aktuell arg defensive Transferstrategie seines Klubs rechtfertigen muss.

Was er freilich in seiner typischen Kloppo-Art tut. „Man sollte keine Transfers tätigen, nur weil die anderen Klubs Transfers tätigen“, so Klopp im Gespräch mit Sky Sports. „Es ist wie mit einem neuen Auto. Dein altes ist komplett in Ordnung, aber du willst trotzdem ein neues, und nach zwei Wochen bleibt es liegen. Vielleicht sieht es besser aus, aber gut ist es nicht.“

Wo Klopp Recht hat, hat er Recht. Seine Mannschaft ist, um mal im Bild zu bleiben, nicht weniger als ein Porsche des Weltfußballs. Roberto Firmino, Sadio Mané und Mo Salah sind die gefährlichste Dreieroffensive der Welt, Virgil van Dijk gilt als weltbester Innenverteidiger, Keeper Allison zu den besten seiner Zunft, die beiden Außenverteidiger Trent Alexander-Arnold und Andrew Robertson bereiteten in der Vorsaison gemeinsam 29 Pflichtspieltore vor. Nicht umsonst holte Liverpool die Champions League und schnitt mit der besten Punkteausbeute der Vereinsgeschichte denkbar knapp als Vizemeister ab, mit nur einem Punkt Rückstand auf Manchester City. „Wenn man sich den Kader ansieht: Brauchen wir mehr Spieler?“, so Klopp rhetorisch.

Bei den Fans genießt Klopp auch ohne teure Neuzugänge absolutes Vertrauen. Zu märchenhaft war die Wandlung des Klubs unter Klopp, die im Sieg der Königsklasse 2019 gipfelte. Auch seine Mannschaft weiß „The normal One“ hinter sich. Zuletzt stellte sich Kapitän Jordan Henderson öffentlich hinter seinen Trainer, als er gegenüber dem „Liverpool Echo“ sagte: „Er weiß es besser als jeder andere! Wir haben eine fantastische Mannschaft. Das haben wir auch gezeigt. Uns steht jeder zur Verfügung, es gibt großartige Spieler, die nach langen Verletzungspausen zurückkehren. Und das sind ja quasi neue Spieler, sagt der Trainer.“

„Wir leben nicht in einer Fantasiewelt“

Womit Klopp Recht haben dürfte. Nur: Ist die neue Zurückhaltung nicht dennoch auch ein Risiko? Nach 29 Jahren ohne Meisterschaft soll es in der kommenden Saison endlich wieder so weit sein für die Reds. Deren direkte Konkurrenten im Titelrennen haben aber – mal wieder – ordentlich aufgerüstet. Manchester City holte Rodri für 70 Millionen Euro und Joao Cancelo für 65 Millionen Euro. Arsenal ließ sich ebenfalls nicht lumpen und holte unter anderem Nicolas Pepe für 80 Millionen Euro. Die Tottenham Hotspur, in den letzten Jahren selbst eher zurückhaltend, verpflichteten unter anderem Tanguy Ndombele für 60 Millionen Euro, Manchester United gab für Harry Maguire 85 Millionen Euro aus.

„Manche Leute mögen sagen, wir bräuchten Backups für Sadio Mané oder Mo Salah.
Aber solche Spieler haben wir“, so Klopp gegenüber Sky Sports. Und Spieler, die einen Mané oder Salah, einen Van Dijk oder Alexander-Arnold eins zu eins ersetzten, müssten sich in ebenjener Weltklasse bewegen wie die genannten – und wären damit für Backups schlicht zu teuer. „Wir leben nicht in einer Fantasiewelt, wo man alles haben kann, was man will. 
Das können wir nicht ständig tun.“

„Vertragsverlängerungen sind unsere Transfers“

Ohnehin wichtiger, sportlich als auch als Zeichen an die Konkurrenz, sind die Vertragsverlängerungen der Liverpool-Stars. Alexander-Arnold, Salah, Firmino und Mané haben allesamt in den letzten Wochen und Monaten neue Verträge in Liverpool unterschrieben. Es ist nicht lange her, da war es für Liverpool ein Ding der Unmöglichkeit, echte Weltstars in ihren Reihen zu behalten. Ob Fernando Torres oder Philippe Coutinho – der LFC erwies sich vor ein paar Jahren noch zu klein für das Konzert der ganz Großen. Unter Klopp hat sich das geändert.

"Du hast einen Spieler, er ist gut, du willst ihn behalten. Wenn er dann einen neuen Vertrag unterschreibt, dann bedeutet es für einige Leute nur, dass er bei einem Verkauf teurer wird. Aber in unserem Fall sind das unsere Transfers. Diese Jungs zu halten, ist ein starkes Signal an den Rest der Welt", so Klopp. Und wer weiß, vielleicht gehört Sepp van den Berg in ein paar Jahren auch zu dieser Art vereinsinterner Transfers.

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