Simon: "Es geht um die Besten der Welt"

Mainzer Doping-Forscher Perikles Simon prangert Anti-Doping-Kampf an

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Eine lange blockierte und nun veröffentlichte Studie bringt erschütternde Zahlen zum Vorschein: über 30 Prozent der Leichtathleten bei der WM 2011 sollen gedopt gewesen sein. Die NADA reagiert verschnupft, der DLV kritisiert den Weltverband.

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Die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) hat Vorwürfe an der gegenwärtigen Doping-Bekämpfung zurückgewiesen, die im Zuge der Veröffentlichung der jüngsten Dopingstudie aufgekommen sind. Laut dieser sollen mindestens 30 Prozent aller Leichtathleten bei der WM 2011 in Daegu/Südkorea gedopt gewesen sein. Perikles Simon, Co-Autor der Studie, spricht im ZDF-Interview von einem systemischen Doping-Problem, das nicht nur in Russland sondern auch in weiteren Nationen vorherrschen müsse.

"Wir sehen nicht alles so schwarz wie Herr Simon", sagte NADA-Vorstand Lars Mortsiefer dem Sport-Informations-Dienst (SID): "Es hat sich in den letzten Jahren im Doping-Kampf einiges getan, vor allem was Transparenz und Unabhängigkeit einzelner Einrichtungen angeht. Es ist kein Gemauschel der Verbände mehr", so Mortsiefer.

NADA-Chef: Zahlen sind Warnung an Verbände

Auch Simons Kritik am Bund, der zwar die Förderhoheit habe, aber nicht ausreichend kontrolliere, wollte Mortsiefer so nicht gelten lassen. Simon hatte gefordert, dass sich neben dem Bundesinnenministerium (BMI) auch das Gesundheitsministerium und auch das Bundesjustizministerium mit der Spitzensportförderung beschäftigen müsse.

"Das BMI hat seine finanzielle Unterstützung in den letzten Jahren ausgebaut und finanziert mittlerweile über 60 Prozent des NADA-Etats und trägt somit auch zur Stabilisierung des Anti-Doping-Kampfes in Deutschland bei", so Mortsiefer.

Die erschreckenden Zahlen der Studie wollte der NADA-Vorstand allerdings auch nicht abwerten. "Das ist eine Warnung an die Verbände. Es muss sich weiter etwas tun, vor allem beim Ausbau eines international ausgeglichenen Kontrollsystems sowie bei Fragen zum Compliance", so Mortsiefer.

Über 30 Prozent der WM-Teilnehmer geben Doping zu

Die Studie war von Wissenschaftlern der Universität Tübingen und der Harvard Medical School erstellt worden, nachdem ihre Veröffentlichung jahrelang blockiert worden war. Demnach hatten mindestens 30 Prozent der damaligen Starter zugegeben, Dopingmittel genommen zu haben. Bei den Pan-Arabischen Spielen in Doha 2011 sollen mindestens 40 Prozent der Athleten gedopt gewesen sein.

Die Ergebnisse resultieren aus einer anonymen Befragung unter insgesamt 2.167 Athleten. "Da habe ich auch so meine Probleme mit", sagte Mortsiefer. Der Anti-Doping-Experte glaubt, dass zum Beispiel Athleten mit medizinischen Ausnahmegenehmigungen für verbotene Substanzen angegeben haben, Dopingmittel zu nehmen. "Manchmal wissen die Athleten nicht, wann sie sich im Doping-Bereich befinden", so Mortsiefer.

Doping-Forscher: Aktuelles Anti-Doping-System für die Tonne

Bei den zeitgleich vorgenommenen klassischen Doping-Kontrollen wurde nur ein Bruchteil der Dopingfälle erkannt: 0,5 Prozent der Tests bei der WM und 3,6 Prozent bei den Pan-Arabischen-Spielen waren positiv.

Wissenschaftler Simon hatte dem SID als Resultat der Studie über den aktuellen Anti-Doping-Kampf gesagt: "Dieses Testsystem können wir komplett in die Tonne treten. Da gibt es gar nichts, keine Struktur, keine Idee, keine funktionierende Methodik." Auch das wollte Mortsiefer so nicht stehen lassen: "Wir haben Herrn Simon mehrfach angeboten, bei uns mitzuarbeiten. Er hat es immer ausgeschlagen. Das verstehe ich dann auch nicht so ganz."

DLV-Chef: "Ein Skandal"

Für die Verschleppung der brisanten Doping-Studie aus dem Jahr 2011 durch die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und den Leichtathletik-Weltverband (IAAF) hat DLV-Chef Clemens Prokop kein Verständnis. "Das ist mehr als ärgerlich, man könnte es auch einen Skandal nennen", sagte der Präsident den Deutschen Leichtathletik-Verbandes der Deutschen Presse-Agentur.

"Mit der Unterlassung der Veröffentlichung ist verhindert worden, dass man viel früher wichtige Maßnahmen im Anti-Doping-Kampf hätte ergreifen können", kritisierte Prokop. Die Nichterteilung der Zustimmung durch die IAAF passe in die Verbandsführung des früheren Weltverbands-Präsidenten Lamine Diack. "Er hat sich nur verbal über Doping geäußert und nichts unternommen." Gegen Diack ermittelt Frankreichs Justiz auch wegen Doping-Vertuschung gegen Geld.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Ob aktuell das Doping-Problem mit dem des Jahres 2011 noch zu vergleichen ist, ist für Prokop fraglich. "Wir arbeiten hier mit Dunkelziffern und nicht mit wissenschaftlich nachweisbaren Zahlen. Ich weiß nicht, ob die Dunkelziffer noch so hoch ist, ausschließen kann ich es nicht", sagte er. "Es hat sich in der Doping-Bekämpfung seitdem aber einiges getan."

Dazu zählt Prokop auch die Aufdeckung des Doping-Skandals in Russland und den Bann der Leichtathleten von den Olympischen Spielen 2016 in Rio und der diesjährigen WM in London oder die hohe Zahl der positiv getesteten afrikanischen Läufer.

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