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Experimentierfeld Außenbahn

Nations League: Niederlande - Deutschland

Matthias Ginter und Jonas Hector dürften im Nations-League-Duell in den Niederlanden (ab 20:15 Uhr im ZDF) als Außenverteidiger auflaufen. Diese Positionen sind notorisches Notstandsgebiet bei der deutschen Nationalmannschaft.

Jonas Hector am 08.10.2018 in Köln
Entschlossen und mit einem Löw'schen Bonus ausgestattet: Jonas Hector vom 1. FC Köln
Quelle: Imago

Amsterdam wird ja gerne als Metropole im Taschenformat bezeichnet - entsprechend groß ist das tägliche Gedränge in seinem Zentrum. 7000 Baudenkmäler, 2500 Hausboote, 160 Grachten oder 80 Museen ziehen die Menschen in die historische Innenstadt wie die Motten das Licht. Hunderttausende spuckt Tag für Tag der auf Pfählen erbaute Bahnhof Amsterdam Centraal aus. Doch um den Rummel der Luxushotels im Stadtkern macht die deutsche Nationalmannschaft mal lieber einen leichten Bogen.

Stattdessen hat sich der DFB-Tross ein modernes Stadthotel etwas abseitig an der Amstel ausgesucht, das nur zehn Minuten von der Johan-Cruyff-Arena entfernt liegt. Das Nations-League-Duell gegen die Niederlande hält aus deutscher Sicht schon genügend Aufregung bereit. "Man darf nicht mit dem Wissen reingehen, okay, die Holländer haben zuletzt zwei Turniere verpasst, das wird ein Kinderspiel", warnt Jonas Hector. Dann droht bei einer Niederlage nämlich das, was dem Linksverteidiger vom 1. FC Köln vergangenen Sommer widerfahren ist: der Abstieg.

Interessante Personalie Hector

Hector gibt eine äußerst interessante Personalie vor dem Prestigeduell, das zwar nicht die erbitterte Feindschaft von früher, aber doch eine alte Rivalität überspannt: Der 28-Jährige ist der einzige Zweitligakicker im Kader. Bundestrainer Joachim Löw hat ihn wieder nominiert, obwohl der gebürtige Saarländer die September-Partien wegen angeblicher Überbelastung absagte. Stattdessen debütierte auf seiner Seite der Hoffenheimer Nico Schulz, der auch jetzt wieder zum 21-köpfigen Aufgebot zählt.

Dafür fehlt der WM-Fahrer Marvin Plattenhardt: Am Donnerstag kam es zum kuriosen Umstand, dass Hector im Amateurstadion von Hertha BSC mit der Nationalmannschaft trainierte, während die Stammkraft der bestens in die Bundesliga gestarteten Berliner weniger Hundert Meter Luftlinie weiter mit seinen Vereinskollegen übte. Für Hector, dessen Spielintelligenz und Technik Löw sehr schätzt, ein Vertrauensvorschuss, den er gegen die Niederlande unterfüttern muss, nachdem ihm eine lange Verletzungspause und natürlich der Abstieg seines Arbeitgebers für die WM in Russland erkennbar aus der Spur gebracht hatten.

Links ist ein Augsburger auf der Überholspur

Nun kommen bei ihm krasse Gegensätze zustande: vergangenen Montag war sein Gegenspieler Cauly Oliveira Souza vom Zweitligisten MSV Duisburg, kommenden Dienstag könnte es Kylian Mbappé von Weltmeister Frankreich sein. "Ich gehe an die Sache heran wie sonst auch: Man hat seine Aufgabe im Verein und ich habe meine Aufgabe bei der Nationalmannschaft", sagte Hector gegenüber ZDFonline. Überdies sei es auch kein Problem, bei den einen im Mittelfeld und den anderen als Linksverteidiger zu spielen. "Das gab es in der Vergangenheit auch schon." Doch Hector steht auf dem Prüfstand, zumal auf seiner Seite der Augsburger Philipp Max auf die Überholspur drängt, obgleich Löw den 25-Jährigen bisher nicht berücksichtigt.

Es ist doch ganz normal, dass es Konkurrenzkampf gibt. Ich muss das annehmen.
Jonas Hector

Am Freitag auf der Pressekonferenz äußerte sich Löw zum Dreikampf Hector-Schulz-Max ausführlich. Hector habe einen gewissen Bonus aufgrund der Vorleistungen: "Die WM klammere ich mal aus, da war die ganze Mannschaft schlecht. Aber er hat die Anforderungen in unserem Spiel immer gut erfüllt und viele Tore vorbereitet." Schulz liege knapp vor Max: "Wir haben Max einige Male gesehen, er hat letztes Jahr gut gespielt und dieses Jahr gut begonnen. Schulz spielt ähnlich vom Stil her, ist defensiv aber noch einen Tick stärker." Hector ergänzte: "Es ist doch ganz normal, dass es Konkurrenzkampf gibt. Ich muss das annehmen."

Entspannter Faktor Ginter

Was der 40-fache Nationalspieler genauso unaufgeregt tut wie sein Pendant auf der rechten Abwehrseite: Matthias Ginter gilt als ebenso ruhiger wie reflektierender Charakter. Der 24-Jährige profitiert davon, dass Löw den angestammten Rechtsverteidiger Joshua Kimmich vorerst im zentralen defensiven Mittelfeld sieht. Die Planstelle hinten rechts - genau wie links fast schon notorisches Notstandsgebiet, was Nachrücker aus dem Nachwuchsbereich angeht - erhielt zweimal der Allrounder von Borussia Mönchengladbach.

Matthias Ginter am 11.10.2018 in Berlin
Mutiert zur Stammkraft: Matthias Ginter
Quelle: Imago

Der 20-fache Nationalspieler fliegt ja gerne unter dem Radar hindurch: Einerseits ist er Weltmeister 2014, Confed-Cup-Sieger 2017 und zwischendrin auch beinahe noch Olympiasieger 2016 geworden, aber andererseits wurde er weder in Brasilien 2014 noch bei der WM in Russland 2018 eingesetzt. Generell sei es "nicht so positiv gelaufen", erklärte er am Donnerstag in einer Medienrunde. "In Russland waren es überraschenderweise nicht so viele Spiele für uns." Aber er hat das abgehakt. Dass er jetzt Stammspieler werde könne, sei ein "Stück den Umständen" geschuldet. Aber dafür muss sich ein Musterprofi wie Ginter bestimmt nicht entschuldigen.

Rechts fehlen die Alternativen

Gewisse Probleme des gebürtigen Freiburgers waren beim Neuanfang gegen Frankreich (0:0) als auch beim Freundschaftsspiel gegen Peru (2:1) zu beobachten. Gleichwohl wird er nicht an Löws Zimmertür klopfen, um einen Versetzungsantrag in die Zentrale vorzubringen. Der reflektierende Charakter möchte sich nämlich nicht beklagen: "Es gibt nicht so viele Unterschiede. Ob man in der in der Viererkette innen oder außen oder in der Dreierkette halbrechts verteidigt, ist gar nicht so ein großer Unterschied. Ich versuche defensiv gut zu stehen und offensiv Akzente zu setzen. Im Grunde kenne ich die Position und ich fühle mich da auch wohl."

Sollte heißen: Da ist einer dauerhaft bereit für den Rollenwechsel. Zumal rechts noch viel mehr als links die Alternativen fehlen, die ad hoc internationales Format, geschweige denn internationale Erfahrung einbringen.

Nations League im Liveticker

02.06.2021
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