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Die Zweifel des Leitwolfs

Schwimm-WM in Gwangju

Mit Verletzungen kennt sich Patrick Hausding bestens aus - der Nervenschaden an zwei Fingern stellte den Routinier unter Deutschlands Wasserspringern in diesem Frühjahr aber vor eine besondere Herausforderung. Ab Samstag startet der 30-Jährige bei der Schwimm-WM in Gwangju.

Patrick Hausding
Hatte schon oft mit Verletzungen zu kämpfen: Patrick Hausding
Quelle: Andrea Staccioli / imago

Wenn Patrick Hausding über den Start in das Jahr 2019 spricht, bekommen seine stets mit Bedacht gewählten Worte einen gezielten Schuss Selbstironie. Bei einem Salto rückwärts vom Trampolin landete der 30-Jährige Mitte Januar im Training statt auf den Füßen auf dem Kopf, erlitt einen Nervenschaden an zwei Fingern und einen Bündelriss im Rückenmuskel. Wochenlang musste seine Freundin ihn anziehen, weil er selbst dazu nicht in der Lage war. "Das war mal wieder", witzelt er im Gespräch mit zdfsport.de schräg, "eine Verletzung, die ich so noch nicht hatte."

Finger im Dauerschlaf

Bei dem prall gefüllten Katalog an Blessuren, den der Wasserspringer vom Berliner TSC in seiner erfolgreichen Karriere zusammengetragen hat, ist das eine echte Rarität. Von abgerissenen Zehennägeln über mehrere gerissene Kapillargefäßen nach einem Bauchplatscher von der Zehn-Meter-Plattform bis hin zum dauerentzündeten rechten Knie kennt Hausding die Liste möglicher Verletzungen längst von A bis Z.

Die Folgen des Trainingsunfalls im Januar brachten den Olympiadritten von Rio vom Drei-Meter-Brett jedoch an die Grenzen seiner seelischen Belastbarkeit. Das Taubheitsgefühl im Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand wollte einfach nicht verschwinden, die beiden Finger befanden sich in einer Art Dauerschlaf. Auch das Wasser konnte Hausding nicht mehr richtig fühlen.

Immer mit der Ruhe

"Das war wirklich eine schwere Zeit, da zweifelt man an sich selbst, an seinen Fähigkeiten. Zweifelt daran, ob der eigene Körper überhaupt noch mal fit wird. Und es macht einen auch nervös. Vor allem, wenn es, wie bei mir, knapp acht Wochen dauerte, bis das Gefühl wieder da war", erzählt der gebürtige Berliner, der wegen der wachsenden inneren Unruhe zwischenzeitlich sogar einen Neurologen aufsuchte. Aber auch der konnte keine gravierenden Probleme entdecken.

Ebenso wenig wie all die anderen von ihm konsultierten Ärzte, die Hausding vor allem zu viel Geduld rieten. Da das MRT keine besonderen Auffälligkeiten hinsichtlich möglicher Schädigungen von Nerven, Wirbeln oder Bandscheiben ergeben hatte, konnte er nach drei Wochen Pause wieder ins Training einsteigen. Allerdings mit dem Ratschlag der Mediziner, nur so viel zu trainieren, wie er vom Schmerzlevel her aushalten könne.

Komplett rausgehauen

"Das war mein Leitfaden", sagt der Mann, der im Synchronspringen vom Turm mit seinem damaligen Partner Sascha Klein 2008 Olympia-Zweiter und fünf Jahre später in Barcelona Weltmeister wurde. Sich immer daran zu halten, fiel ihm schwer - weil er vor dem Unfall eigentlich eine gute Saisonvorbereitung und einen passablen Fitnesszustand erreicht hatte.

"Zwei, drei Wochen, bevor die Wettkämpfe Schlag auf Schlag losgingen, bin ich komplett rausgehauen. Das war als der ungünstigste Zeitpunkt, um sich zu verletzen", betont Hausding. Parallel dazu spürte er seitens von Bundestrainer Lutz Buschkow und Heimtrainer Christoph Bohm den Wunsch, sein Potenzial auszuschöpfen.

Konfliktpotenzial mit Trainern

"Da kann es auch mal Konfliktpotenzial geben, was die Ausrichtung zu einem Wettkampfhöhepunkt angeht", berichtet Hausding - der Verständnis für Buschkow und Bohm zeigt, zugleich aber erklärt: "Die Trainer müssen auch verstehen, dass ich irgendwann mal 'Stopp' sagen muss. Weil mein Körper das einfach nicht mehr mitmacht. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste."

Als Leitwolf unter Deutschlands Wasserspringern äußert Hausding für die Mannschaft die "klare Erwartung", beim Saisonhöhepunkt in Gwangju "einige Olympia-Tickets für Tokio 2020 zu lösen". Allerdings gibt der Inhaber von vier WM- und 28 EM-Medaillen auch zu bedenken: "Wir sind insgesamt noch ein recht junges Team, in dem viele ihre erste WM bestreiten."

Klares Ziel: Olympiaticket

Er selbst will in den Konkurrenzen vom Ein- und Drei-Meter-Brett sowie im Drei-Meter-Synchronspringen an den Start gehen. Prognosen über Platzierungen gibt Patrick Hausding aufgrund seiner jüngsten Verletzungen und deren Folgen für die eigene Physis und Psyche nicht ab. Sondern erklärt vor den acht Springer-Tagen in Gwangju lapidar: "Mein persönliches Hauptziel ist es ebenfalls, einen Startplatz für Olympia zu holen. Wenn ich das geschafft habe, bin ich schon mal zufrieden."

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