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Härtetest in den Alpen

Das WM-Achtelfinale gegen Nigeria (Samstag 17.30 Uhr/ live ZDF) stellt nicht nur Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg vor eine besondere Aufgabe, sondern auch die deutschen Spielerinnen müssen sich auf eine körperbetonte Gangart einstellen

DFB-Frauen im Training
Bundestrainerin Voss-Tecklenburg weiß: Nigeria wird ein robuster Gegner.
Quelle: dpa

Nein, niemand im deutschen Quartier hat um kurz nach Mitternacht Türen aufgerissen, ist im Hotelflur herumgesprungen und hat Freudentänze aufgeführt, die eine ganze Etage zum Beben bringen. Und niemand wäre auf die Idee gekommen, in der Ekstase auch noch kniend den Teppich zu küssen:

Die nigerianischen Fußballerinnen aber haben allein das Erreichen des Achtelfinals Freitag gefeiert wie einen WM-Sieg. Weil es sich nach nervenaufreibenden Tagen des Wartens wie eine späte Gerechtigkeit anfühlte, diesem Turnier noch nicht den Rücken kehren zu müssen.

Als im Gegenzug die deutsche Frauen-Nationalmannschaft Gewissheit hatte, dass es in Grenoble zum Duell gegen Nigeria (Samstag, 17.30 Uhr/ZDF) in der Runde der letzten 16 kommt, sind keine Freudenexzesse übermittelt worden. Es gibt keinen Instagram-Beitrag, auf dem Karnevalslieder geträllert werden, nur weil es jetzt gegen den Weltranglisten-38. geht, gegen den Deutschland in sieben Vergleichen sieben Mal gewonnen hat.

Bundestrainerin erwartet schweres Spiel

Die betuchten Gäste in der vornehmen Herberge im Kurort Uriage-les-Bains an den Füßen des Skiortes Chamrousse hätten vermutlich auch sofort Beschwerde wegen Störung der Nachtruhe vorgetragen.

Immerhin hatte sich noch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg sehr spät noch ins Freie begeben, um eine Einschätzung zum ersten Gegner der K.o.-Phase anzubringen.

"Wir wissen, dass Nigeria ein starkes Team ist. Speziell im letzten Spiel gegen Frankreich haben sie gezeigt, wozu sie in der Lage sind. Wir wissen, dass da ein Brocken auf uns zukommt", so die 51-Jährige. "Afrikanische Teams sind immer schwer zu bespielen, sie haben eine gute Mentalität, viel Tempo und körperliche Präsenz in der Mannschaft. Wir freuen uns auf ein spannendes Achtelfinale, das wir natürlich gewinnen wollen", ergänte die Bundestrainerin.

Nur DFB-Team hat was zu verlieren

Die Ausgangslage für die Partie im Stade des Alpes: Während der zweifache Weltmeister immens viel verlieren kann, hat Nigeria rein gar nichts mehr zu verlieren. Wer sich schon im Flieger auf der Heimreise wähnte und plötzlich in den französischen Alpen weiterspielen darf, der ist mental nicht im Nachteil.

Umso mehr ist vielleicht auch Birgit Prinz als Teampsychologin gefragt, über deren Wirken hinter den Kulissen bei den DFB-Frauen gerätselt werden darf. Die meisten Spielerinnen haben zuletzt zwar die Prinz-Präsenz gelobt, doch von einer intensiven Unterredung hat kaum jemand erzählt. Im Gegenteil.

Als ein Nigeria-Spiel zum Eklat führte

Die Ikone des deutschen Frauenfußballs verbindet mit einer WM-Begegnung gegen Nigeria selbst die denkbar schlechtesten Erinnerungen: Ihre Auswechslung bei der Heim-WM 2011 im zweiten Gruppenspiel (1:0) sollte zum unrühmlichen Schlussakt einer einmaligen Länderspielkarriere (214 Spiele/ 128 Tore) werden.

Bei ihrer Auswechslung mündete das Abklatschen mit der damaligen Bundestrainerin Silvia Neid in Frustschlagen um. Der Vorfall in der Frankfurter Arena sollte zum Symbol werden, wie überbordender Druck und missverständliche Erwartungen in einen Eklat münden können. Beim Viertelfinal-Aus gegen Japan kam die heute 41-jährige Prinz schon nicht mehr zum Einsatz. Der Bruch zwischen Trainerin und Torjägerin konnte später nur mühsam gekittet werden. Und eigentlich alles nur, weil die damals vom Deutschen Thomas Obliers betreuten "Super Falcons" so viel Widerstand leisteten.

Kommt das Elfmeter-Chaos?

Aktuell trainiert mit dem Schweden Thomas Dennerby wieder ein Eurpäer die nigerianische Frauenmannschaft – die Männer hatte der Deutsch-Franzose Gernot Rohr zur WM nach Russland geführt. Dennerby hatte zuletzt bei der Niederlage gegen den Gastgeber Frankreich (0:1) nicht zu Unrecht beklagt, dass der Videoschiedsrichter (VAR) gleich zweimal strittige Entscheidungen gegen sein Team fällte.

Weil seine Torhüterin Chiamake Nnadozie sechs Zentimeter vor der Linie stand, wurde der Elfmeter von Wendie Renard wiederholt. Und weil die Fifa weiterhin beharrlich auf der Überprüfung jeden Elfmeters mittels VAR-Unterstützung inklusive Verwarnung für die Torfrau besteht, kündigt sich mit einem Elfmeterschießen dieser Frauen-WM das komplette Chaos an.

Spielerisch Luft nach oben

Bezeichnend, dass sich die Deutschen darüber tatsächlich Gedanken machen, wer bei einer Gelb-Roten Karte gegen Stammtorhüterin Almuth Schult zwischen die Pfosten gehen würde: Kapitänin Alexandra Popp, wie Vizekapitänin Svenja Huth verraten hat.

Um das Achtelfinale möglichst ohne Elfmeterschießen erfolgreich zu gestalten, sind neben mehr Durchsetzungsvermögen und Zielstrebigkeit ein besserer Spielaufbau und eine bessere Passqualität gefragt. Auch gegen Südafrika leistete sich das deutsche Team reichlich viele Fehlpässe, obwohl es gar keinen Gegnerdruck gab. Mit dem müssen die DFB-Frauen am Samstag rechnen: Nigeria hat auf dem Hotelflur nicht frenetisch gefeiert, um sich kampflos gegen Deutschland zu verabschieden.

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