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Die Millionärin der Matildas

Frauenfußball-WM: Australien - Norwegen

Niemand begeistert im australischen Frauenfußball in einem Maße wie Sam Kerr. Das WM-Achtelfinale zwischen Norwegen und Australien (Samstag 21 Uhr/live im ZDF) soll die nächste Show der außergewöhnlichen Torjägerin werden.

Samantha Kerr
Umjubelter Star der Mannschaft: Samantha Kerr (re.)
Quelle: imago

Samantha May Kerr, die in Australien alle nur "Sam" nennen, ist in jedem Spielort dieser WM besonders präsent. Die reiselustige Gefolgschaft aus Down Under hat zumeist ihren Namen auf dem Rücken der gelben Trikots stehen. Hinter der australischen Torjägerin können sich alle vereinen, die für die Matildas auch im Achtelfinale gegen Norwegen in Nizza den Unterschied machen soll.

Kurios: Trotzdem fällt der Direktvergleich von zwei der weltbesten Stürmerinnen aus. Ada Hegerberg, mit dem Ballon d’Or als beste Fußballerin der Welt ausgezeichnet, ist bei der WM nicht dabei. Sie liegt mit dem Verband wegen der Ungleichbehandlung von Männer und Frauen über Kreuz, ein letzter Vermittlungsversuch scheiterte vor wenigen Monaten. Es kommt vieles zusammen: Probleme mit Nationaltrainer Martin Sjogren, einem Schweden, die Enttäuschung über die Schuldzuweisungen aus der verkorksten EM 2017 und die Nicht-Berücksichtigung ihrer Schwester Andrine.

"She’s a special one"

Aber es geht auch anders wie das Beispiel Kerr zeigt, die in ihrem Land gerade besonders viel Wertschätzung erfährt. Trainer Ante Milicic sprach nach ihrem Viererpack gegen Jamaika (4:1) ergriffen von seiner "inspirierenden" Anführerin: "Wir sollten dankbar sein, eine der besten Spieler der Welt live zu erleben." Und dann fiel ein Satz, der seit Jürgen Klopp nicht mehr übersetzt werden muss: "She’s a special one!"

Weil Australiens Fußballverband (AFA) um die Strahlkraft weiß, die ein Vorbild für viele sportive Mädchen und Teenager gerade im Hinblick auf die Bewerbung für die Frauen-WM 2023 besitzt, sind für die 80-fache Nationalspielerin (36 Tore) finanzielle Grenzen eingerissen worden. Damit die heimatverbundene Kerr wirklich den Angeboten des FC Barcelona und FC Chelsea widerstehen würde, ging einer der begehrten Plätze als so genannte "Marquee"-Spieler erstmals an eine Frau. Damit bekommt sie vertraglich rund 270.000 US-Dollar, was deutlich über dem Tarif von durchschnittlich 14.000 US-Dollar für die Zwölf-Spiele Saison der australischen W-League liegt.

Mischung aus Anmut und Demut

Aber Kerr sei eben ein Vielfaches wert, sagt Liga-Boss Greg O’Rourke. "Sam übertrifft alles in unserem Sport. Sie hat eine magische Mischung aus Anmut und Demut. Die Leute lieben sie einfach." Sie spielt für Perth Glory die kurze Serie in Australien, den Rest für die Chicago Red Stars in Amerika. Zusätzliche Werbeverträge wie mit dem Sportartikelgiganten Nike machen sie zur Millionärin der Matildas.

Sam übertrifft alles in unserem Sport.
Greg O'Rourke, Liga-Boss in Australien

Ihr Name vermarktet sich deshalb so gut, weil ihr Bruder Daniel Kerr eine Berühmtheit in der Australien Football League (AFL) war. Ein Idol der West Coast Eagles, das auch seine zehn Jahre jüngere Schwester inspirierte. "Ich wollte genau das tun, was mein Bruder tat", sagte sie einmal. Nur es gab keinen Weg, ein Mädchen zum AFL-Star zu machen. Als sie mal wieder mit blutigen Lippen nach Hause kam, weil sie mit den Jungs die australische Football-Version gespielt hatte, brachten sie Vater und Bruder beim Fußball unter. "Sie hat dort die Dinge schnell aufgegriffen", erinnerte sich Daniel Kerr, der vor einigen Jahren mit der professionellen Rauferei Schluss machte.

Ihr folgen 14 Familienmitglieder

In Frankreich gehört er zu den 14 Familienmitgliedern, die Sam Kerr bei der WM von Spielort zu Spielort folgen; sein jüngstes Kind trug die Stürmerin in Grenoble vor den Kameras auf dem Arm. Roxanne Kerr, ihre Mutter, weinte fast vor Rührung. Bei Heimspielen in Perth kommt es schon mal vor, dass sich 40 Verwandte im Fußballkomplex Dorrien Gardens treffen. "Diese Familie kommt drei Mal zusammen", erklärt Vater Roger. "Hochzeiten, Beerdigungen und Sammys Heimspiele." Und wenn Opa Harry in der Runde behauptet, es gebe auf der ganzen Welt nicht viele bessere Spielerinnen als seine Enkeltochter, nicken alle artig.

In den französischen Alpen führte Australiens Nummer 20 eine außergewöhnliche Kombination von Jagd- und Torinstinkt vor: Sie schaffte zwei Kopfballtore zum 1:0 und 2:0, die zwingend den Miroslav-Klose-Gedächtnispreis verdient hätten, wenn sie auch noch einen Salto drangehängt hätte; sie behielt die Ruhe wie früher Gerd Müller, als sie beim 3:1 einschob. Dann lief sie kurz vor Schluss im Vollsprint Jamaikas Torhüterin an, der die Kugel vor dem 4:1 prompt versprang.

Umarmung für eine Reporterin

Sie steht wie US-Topstar Alex Morgan bei fünf Treffern. WM-Torschützenkönigin 2019, wäre das nicht ein schönes Ziel? "Wenn wir damit den WM-Pokal gewinnen, habe ich nichts dagegen", sagte die 1,68 Meter große Powerfrau vergangenen Dienstag in Grenoble, dazu nahm sie noch einen kräftigen Schluck aus der Trinkflasche.

Als um kurz vor Mitternacht im Stade des Alpes alles gesagt war, drehte sie noch einmal um, um Alyssa Roenigk zu umarmen, die vor Scham errötete. Die in Los Angeles lebende ESPN-Reporterin war vor der WM für eine Woche nach Perth und Melbourne gereist, um Sam Kerr in ihrer Heimat zu besuchen und ihr Umfeld einzubeziehen. Die einfühlsam verfasste Familiengeschichte mit liebevollen Details war offenbar Australiens Sportstar richtig ans Herz gegangen.

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