Keller: "Wenn's Lambertz nicht schafft, schafft's keiner"

Schwimm-WM in Budapest - Vor dem Beckenschwimmen

ZDF-Schwimmexperte Christian Keller über deutsche Medaillenchancen bei der WM und die Herausforderungen für Bundestrainer Henning Lambertz.

Thomas Wark (li.) mit ZDF-Schwimmexperte Christian Keller (re.).
Christian Keller (rechts) wird wieder gemeinsam mit Thomas Wark die Schwimm-WM kommentieren. Quelle: ZDF

Der Deutsche Schwimm-Verband DSV schickt für die Beckenwettbewerbe bei der WM ein Mini-Team an den Start. Dennoch sind mehrere Medaillen drin, glaubt ZDF-Experte Christian Keller. zdfsport.de sprach mit dem ehemaligen Weltklasseschwimmer über die Herausforderungen im und außerhalb des Beckens für den DSV.

Marco Koch bei den DM in Berlin
Sucht noch das Gefühl fürs Wasser: Marco Koch Quelle: dpa

zdfsport.de: Herr Keller, der DSV hat für diese Welttitelkämpfe nur 14 Beckenschwimmer nominiert. Dies ist nicht zuletzt eine Folge der verschärften WM-Norm von Bundestrainer Henning Lambertz.
Angeführt wird das deutsche Mini-Team von Marco Koch, Philip Heintz und Franziska Hentke. Welche WM-Chancen rechnen Sie dem Trio aus?

Christian Keller: Marco Koch ist zwar der prominenteste Name, doch ich glaube nicht, dass er in Budapest seinen WM-Titel über die 200m Brust verteidigen kann. Auch Silber wird schwierig. Schwimmt er zu Bronze, wäre dies angesichts seiner Schwierigkeiten nach der Umstellung auf das neue Trainingskonzept des Bundestrainers ein Erfolg.

zdfsport.de: Mehr Kilos stemmen statt Kacheln zählen, so könnte man das Maximalkraft-Konzept, dass Bundestrainer Henning Lambertz vorgibt, umschreiben. Auch wenn Koch seinen Äußerungen zufolge hinter dem Trainings-Experiment steht, so hat er doch noch erhebliche Probleme damit.

Schwimmer Philip Heintz richtet seine Schwimmbrille
In WM-Form: Philip Heintz. Quelle: dpa

Keller: Ja, bislang hat das Konzept bei ihm noch nicht gefruchtet. Er hat zwar einen eklatanten Muskelzuwachs erreicht, aber die Geschmeidigkeit im Wasser ist noch nicht wieder da. Darauf wird es aber ankommen, dass er das Gefühl fürs Wasser wieder findet. Momentan ist er zu weit weg von seiner persönlichen Bestzeit.

zdfsport.de: Bessere Chancen auf Edelmetall in Budapest hat Philip Heintz. Bei den Deutschen Meisterschaften schwamm er die 200m Lagen in 1:55,76 Minuten - Weltjahresbestzeit.

Keller: Bestätigt er seine Leistung von der DM, hat er bei der WM eine Medaille sicher. Schafft er eine Zeit unter 1:55 Minuten, ist er mein Favorit auf Gold. Ich traue ihm diese Leistungssteigerung auch zu, denn er hat die mentale Stärke, in Extremsituationen seine Bestleistung zu bringen.

zdfsport.de: Stichwort mentale Stärke: Franziska Hentke hatte in der Vergangenheit immer mal Probleme, in den entscheidenden Momenten ihre Leistung abzurufen. Doch auch sie legte bei der DM über die 200m Schmetterling mit 2:06,18 Minuten eine Weltjahresbestzeit hin.

Franziska Hentke schwamm bei der EM in London eben mal aus dem Training heraus zum Titel über 200 Meter Schmetterling.
Eine Medaille ist drin für Franziska Hentke. Quelle: ZDF

Keller: Ja, bei kleineren Wettkämpfen schwimmt sie befreit auf. Doch der Kopf war leider schon bei der WM in Kasan und bei Olympia in Rio ihr Problem. Wenn sie daran gearbeitet hat und mental in der Lage ist, ihr Leistungsvermögen abzurufen, dann traue ich ihr bei dieser WM eine Medaille zu. Physisch schätze ich sie stark ein.

zdfsport.de: Angesichts der dünnen Mannschaftsstärke ist also doch was drin für den DSV?

Keller: Wenn es optimal läuft, holen die deutschen Beckenschwimmer in Budapest drei Medaillen. Wenn es gut läuft, rechne ich mit zweimal Edelmetall. Aber selbst eine Medaille wäre gerade angesichts der dünnen Mannschaftsstärke ein ordentliches Ergebnis.

zdfsport.de: Marco Koch hat zuletzt Bundestrainer Lambertz verteidigt. Von Trainerkollegen und anderen Athleten hagelt es hingegen Kritik am Bundestrainer, vor allem wegen seiner Fokussierung auf wenige Trainingsstützpunkte und der Anhebung der nationalen WM-Norm. Wie bewerten Sie die Maßnahmen des Bundestrainers?

Keller: Henning Lambertz wird keine andere Wahl gelassen. Denn seine finanziellen Mittel sind extrem beschränkt. Die Strukturreform des Deutschen Olympischen Sportbundes und die damit verbundenen Sparmaßnahmen des DSV nötigen dem Bundestrainer ab, mit den beschränkten Mitteln das Beste herauszuholen zu müssen. Er versucht das unter dem Motto „Mehr Qualität statt Quantität“ und konzentriert sich auf wenige Athleten und fünf Bundesstützpunkte.
Das zentrale Problem ist die riesige Lücke, die beim DSV zwischen Forderung und Förderung klafft. Denn wenn ich von einem Athleten fordere, an einem anderen Stützpunkt zu trainieren, muss ich ihm auch den finanziellen Rahmen geben. Für derzeit vier Euro Stundenlohn soll der Athlet seinen Heimstandort und sein familiäres Umfeld aufgeben. Das kann keiner verlangen.

zdfsport.de: Was ist die Gefahr?

Keller: Die Talente gehen dem deutschen Schwimmsport verloren, bleibt der Anspruch hoch, aber die Förderung weiter so gering. DOSB und DSV wollen einen Ferrari am Start haben, aber der Motor wird nicht finanziert. Sollten sich die Umstände im DSV nicht ändern, kann ich mir vorstellen, dass Henning Lambertz in vier Jahren von sich aus das Amt des Bundestrainers abgeben wird: Wenn es Lambertz mit seiner Hingabe und seinem Engagement nicht schafft, den starren und riesigen DSV-Tanker flott zu kriegen, dann schafft es keiner.

Die Schwimm-WM bei zdfsport.de und ZDFinfo

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