Blinder Bowler, blinder Batsman – großer Sport

Cricket ist ein Nationalsport in Pakistan, ein Erbe der ehemaligen britischen Kolonialherren. Eine bekannte Größe ist Riyasat Kahn - allerdings im Blinden-Cricket. Demnächst wollen er und sein Team sogar Weltmeister werden.

Riyasat Kahn trainiert einen Jungen
Riyasat Kahn (r.) ist seit seinem 18. Lebensjahr blind. Im Blinden-Cricket ist er ein Star. Quelle: ZDF/Norman Odenthal

Riyasat Khan trifft den Ball mit voller Wucht. Er fliegt und fliegt, keiner kann ihn fangen, bis über die Spielfeldbegrenzung hinaus. Das gibt zwölf Punkte fürs Team Abbottabad. Riyasat wird bejubelt. Er ist der Topscorer - wieder einmal. Riyasat ist vielleicht Pakistans bester Cricketspieler, blinder Cricketspieler. Denn er sieht absolut nichts.

"Er macht uns alle stolz"

Normrmen Odenthal - Porträt
Normen Odenthal, Südostasien-Korrespondent des ZDF

Tiefschwarz, kaum Helligkeit auszumachen - so muss Riyasat durchs Leben gehen, seit er mit 18 Jahren erblindete. Ein Arzt hatte seine Augeninfektion falsch behandelt. Aber Riyasat hadert nicht mit seinem Schicksal. "Allah führt mich, sein Wille geschieht. Er sorgt sich um mich", sagt der 28-Jährige. Auch die traumhafte Bergwelt, in der Riyasats Dorf liegt, hoch über den Bergen von Abbottabad, bleibt seinen Augen verborgen. Aber seine Sinne sind geschärft, sicher bewegt er sich über den steinigen, holprigen Weg. Wenn es doch zu schwierig wird, reicht ihm sein Sohn Azeem die helfende Hand. Gemeinsam gehen sie zum kleinen Dorfplatz, wo die anderen schon warten. Sie trainieren Cricket - fast jeden Tag. Alle anderen können sehen, aber trotzdem kann im Spiel keiner von ihnen Riyasat das Wasser reichen.

Riyasat ist ihr Held. Er ist Nationalspieler in Pakistans Blind-Cricket-Team, in seinem Haus sammeln sich die Trophäen und Pokale. Vater Pervez sagt: "Er macht uns alle stolz. Im ganzen Land kennt man Riyasat und weiß, was für ein großer Sportsmann er ist."

Pakistan liebt Cricket

Blindencricket wurde erstmals 1922 in Australien gespielt Pakistan hat 2.000 registrierte blinde Cricketspieler. Ein Team besteht aus elf Spielern unterschiedlicher Kategorien Vier sind "B1“, also komplett blind 3 sind "B2“, ihr Sehvermögen ist auf unter vier Meter begrenzt 4 sind "B3“, ihr Sehvermögen ist auf unter sieben Meter begrenzt Cricket ist die große Leidenschaft Pakistans. Jeder liebt den Sport, den die Briten einst in ihrem ganzen Kolonialreich spielten und der in vielen Ländern heute noch für Begeisterung und volle Stadien sorgt. "Jede Hausfrau kennt die berühmtesten Spieler. Pakistan ist verrückt nach Cricket", erklärt Syed Sultan Shah vom Pakistan Blind Cricket Council, der Vereinigung der blinden Cricketspieler. Auch er ist blind, auch er hat einst das Nationaltrikot Pakistans getragen, war 1998 dabei als erstmals eine Weltmeisterschaft ausgetragen wurde, bei der Pakistan im Finale gegen Südafrika unterlag. "Es hat sich seither viel geändert", sagt Syed. "Unser Sport ist gewachsen, bekommt viel mehr Anerkennung. Auch die Politik lässt sich gern mit uns feiern, brüstet sich mit unseren Erfolgen, nur bekommen wir kaum finanzielle Unterstützung."

Und doch mag es manchen erstaunen, dass Pakistan seinen benachteiligten Sportlern überhaupt Möglichkeiten bietet. So tritt Riyasat Khan mit seinem Team aus Abbottabad gerade beim Sportfest für "special people" an - aus dem ganzen Land kommen behinderte Sportler und messen sich in allen denkbaren Disziplinen. Am Cricketturnier nehmen vier Teams teil. Der Titel geht schließlich an Abbottabad, Riyasat wird zum "Spieler des Turniers" gewählt und hat einen Pokal mehr für seine Sammlung.

Titelträume in der Heimat

Blinde spielen Cricket nach den üblichen Regeln, aber mit einigen Ausnahmen: Der Ball wird nicht geworfen, sondern gerollt. Und er macht Geräusche, die Füllung raschelt, damit sich die Spieler orientieren können. Dazu gibt es noch ein paar Besonderheiten bei der Punktewertung und bei der Teamaufstellung. Aber der Kern des Spiels bleibt bestehen: Es ist das Duell zwischen dem Werfer (Bowler) und dem Schlagmann (Batsman). Der Bowler wirft den Ball möglichst trickreich, um dem Batsman das Schlagen zu erschweren. Der Batsman nutzt die Zeit, die der Gegner zum Fangen des Balls braucht, um möglichst viele Läufe und Punkte zu sammeln.

Bei der Weltmeisterschaft im Frühjahr in Indien hat Riyasat mit der Nationalmannschaft am ganz großen Erfolg geschnuppert. Im Finale allerdings unterlag Pakistan dem Gastgeber, der auch im Blindencricket als ganz großer Rivale gilt. Trotzdem: zum besten Spieler des Turniers wurde auch hier Riyasat gekürt. Das Endspiel fand vor der Rekordkulisse von 25.000 Zuschauern statt. Im kommenden Jahr steht schon die nächste WM an - diesmal in Pakistan. Der Titel beim Turnier in der Heimat wäre für Riyasat und sein Team natürlich der ganz große Wurf. Und so voll seine Sammlung auch sein mag: für diesen Pokal wäre sicher noch Platz.

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