Becker, Gallionsfigur ohne Macht?

Davis-Cup-Relegation: Portugal - Deutschland

Mit Boris Becker soll es im deutschen Herrentennis wieder aufwärts gehen. Doch schon sein Einstand bei der Davis-Cup-Relegation in Portugal könnte zum Debakel werden.

Boris Becker
Erfahren und beliebt: Boris Becker Quelle: dpa

Boris Beckers erste Dienstreise als neuer Chef des deutschen Herrentennis beginnt mit einer beruhigenden Nachricht. Da es in Portugal keine Visum-Pflicht gibt, erreichte Becker Lissabon am Mittwoch ohne Komplikationen. Zuletzt hatte sich Beckers Anreise zu den US Open in New York aus eben diesem Grund um mehrere Tage verzögert, weil er sich nicht rechtzeitig um ein Visum gekümmert hatte. Aber mit Details hat sich Becker noch nie beschäftigt.

Und wohl auch deshalb ist der 49-Jährige zuletzt in finanzielle Schieflage geraten. Kleingedrucktes hat er noch nie gelesen, schließlich ist Becker ja nur ein Mann für die großen Schlagzeilen. Und die soll er dem Deutschen Tennisbund künftig wieder bringen, am liebsten schon bei dieser Davis-Cup-Relegation gegen Portugal, die von Freitag bis Sonntag im Lissaboner Vorort Oeiras stattfindet. Verhindert die deutsche Mannschaft dabei den Abstieg aus der Weltgruppe, wäre Beckers Einstand ein Erfolg. Doch die Vorzeichen stehen eher auf Debakel.

Davis-Cup-Team ohne Topspieler

Die Deutschen laufen mit einem B-Team aus Jan-Lennard Struff, Cedrik-Marcel Stebe und den Debütanten Tim Pütz und Yannick Hanfmann auf. Die drei derzeit bestplatzierten Spieler Alexander und Mischa Zverev und Philipp Kohlschreiber sagten aus unterschiedlichen Gründen ab. Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann führte am Rande der US Open Gespräche mit allen potenziellen Kandidaten, und der Ex-Profi ist beliebt und geschätzt unter den Spielern.

Doch er vermochte weder Alexander Zverev noch Kohlschreiber umzustimmen. Mit dem leicht angeschlagenen Mischa Zverev verständigte sich Kohlmann darauf, dass er auf Sandbelag keine große Hilfe für das Team wäre. Bliebe also noch Becker, das Ass im Ärmel. Wenn Becker riefe, dann würden die besten Profis schon kommen. Aber das war ein Irrtum.

Lieber Laver Cup statt Davis Cup

Mit Alexander Zverev hatte Becker nicht einmal persönlich gesprochen, zählte den 20-jährigen Shootingstar in seiner Rolle als TV-Experte jedoch öffentlich an: "Er wollte spielen, aber sein Management hat ihm davon abgeraten." Tatsächlich setzt Patricio Apey alles daran, Alexander Zverev international als kommenden Grand-Slam-Champion zu vermarkten. Der deutsche Markt ist dabei völlig nebensächlich. Nach diesem Muster arbeitete der umtriebige Manager auch zu dessen Karrierebeginn mit Andy Murray. Und der inzwischen dreimalige Grand-Slam-Sieger hat die lukrativen Geschäfte mit einem ramponierten Image und einem jahrelang empfindlich gestörten Verhältnis zur britischen Presse teuer bezahlt. Murray trennte sich von Apey. Aber Zverev ist mit seiner etwas ungestümen Art auf bestem Wege, Murrays Fehler zu wiederholen. Zverev habe zu viel Geld für seinen Auftritt im Davis Cup gefordert, wird schnell gemunkelt. Zverevs Management bestreitet das. Dennoch zieht es Zverev nach dem Davis-Cup-Wochenende lieber zum hoch dotierten Nationenschaukampf nach Prag, wo er an der Seite von Roger Federer und Rafael Nadal im Laver Cup für Europa und gegen den Rest der Welt antreten wird.

Alexander Zverev
Shootingstar des deutschen Tennis: Alexander Zverev Quelle: dpa

"Die Zeiten haben sich geändert. Wir können nicht davon ausgehen, dass ein Spieler automatisch immer Davis Cup spielt", rudert Becker nun zurück. Erstens hat er selbst zu seiner aktiven Zeit keine lukrativen Angebote ausgeschlagen. Zweitens möchte er in nicht zu ferner Zukunft gerne Zverevs Trainer werden und es sich nicht mit dem Weltranglistenvierten verderben. Und drittens weiß Becker, dass ohne zusätzlichen finanziellen Anreiz der Davis Cup längst seinen Reiz verloren hat: Die Termine liegen ungünstig im Turnierplan, der Belag passt oft nicht zur Saisonphase und potenziell muss man drei Tage am Stück ein zehrendes Best-of-Five-Match spielen - und das alles bloß für die Ehre. Da sagen auch in anderen Ländern regelmäßig die Topstars ab. Doch genau hier soll Beckers Rolle ja ansetzen. Die Gallionsfigur des deutschen Tennis, der dreimalige Wimbledonchampion, der immer noch mehr Strahlkraft besitzt, als es Angelique Kerber oder Alexander Zverev bisher vermögen. Becker soll den Spielern wieder Lust auf Davis Cup machen, sie perspektivisch auch bei den Grand Slams weiter nach vorne bringen und dabei noch den Nachwuchs fördern.

Wieviel Einfluss hat Becker wirklich?

Doch nicht einmal Boris Becker bewältigt diese Aufgabe im Vorbeigehen. Und man muss sich doch fragen, wieviel Einfluss er auf die Spieler tatsächlich hat. Durch seine dreijährige Arbeit als Trainer von Novak Djokovic hatte der durch Fettnäpfe tapernde Becker nicht nur seine Würde zurückbekommen, sondern auch Kontakt mit deutschen Profis auf der Tennis-Tour. Sie alle sprechen mit großen Respekt von Beckers Erfolgen, folgen tun sie ihm aber trotzdem nicht. Und der lose Kontakt wird künftig kaum enger werden, denn Becker ist als TV-Experte nur noch bei den vier Grand Slams vor Ort. Vom DTB bekommt er nur Spesen gezahlt, die Tour wird Becker also künftig nicht bereisen. Sein Einfluss wird wohl eher punktuell sein. Und man kann nur hoffen, dass Beckers Ego die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt. Als Teamchef ging Beckers Mission zwischen 1997 und 1999 bereits einmal gründlich schief. Streitereien, Machtgeplänkel und Intrigen - ein ruhiger Führungsstil sieht anders aus.

Bei den Spielern aus der zweiten Reihe, die in Oeiras antreten, kann die Ikone Becker vielleicht noch etwas bewirken. "Ich bin wie ein Großvater", sagte Becker, "im Sinne von: 'Ich habe das alles schon gemacht, was ihr versucht, umzusetzen. Fragt einfach, wie es sich anfühlt.'" Er wolle Sicherheit geben, eine Art Schutzschild sein, fügte Becker hinzu: "Ich habe breite Schultern, mich stört das nicht. Ich kann die beschützende Rolle ausüben." Der Großvater, der von früher erzählt. Von den Davis-Cup-Siegen 1988, 1989 und 1993. Das war immer Beckers Kerngeschäft. Becker, der Geschichten-Erzähler. Doch ob es ihm so gelingt, die ersehnte Aufbruchstimmung im deutschen Tennis zu erzeugen, muss sich zeigen.

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