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Keller über den DSV: "Alle haben Angst"

ZDF-Experte Christian Keller über die Lage des Deutschen Schwimm-Verbands

Der Deutsche Schwimm-Verband steht nach dem Rücktritt von Gabi Dörries ohne Präsidentin da. Wie es dazu kommen konnte und wie es nun weitergeht: ZDF-Experte Christian Keller beantwortet die wichtigsten Fragen.

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Gabi Dörries zog mit ihrem Rücktritt am vergangenen Sonntag die Konsequenzen aus dem Verlauf des Verbandstages in Bonn. "Durch die heutigen Beschlüsse sehe ich keine Basis für eine weitere Arbeit in der Position", sagte Dörries. Auch Vizepräsidentin Andrea Thielenhaus trat zurück. Knackpunkt war eine geplante Erhöhung der Mitgliederbeiträge um 60 Cent auf dann 1,40 Euro pro Jahr, auf die sich die Landesverbände nicht einigen konnten. Es wäre die erste Anpassung des Betrags seit über 30 Jahren gewesen. Die Erhöhung war wesentlicher Bestandteil einer von Dörries initiierten Reform des Verbands. Ein Antrag über die Verschiebung der Abstimmung darüber fand eine Mehrheit.

Dörries hatte vor zwei Jahren die Nachfolge von Christa Thiel angetreten. Ein Nachfolger soll beim Verbandstag im kommenden Jahr gewählt werden. Bis dahin werden die Geschäfte des Verbandes von einem vierköpfigen Präsidium geleitet, dem auch die Vizepräsidenten Uwe Brinkmann und Wolfgang Hein angehören.

Herr Keller, inwiefern war die Erhöhung der Mitgliederbeiträge ein wichtiger Bestandteil der von Gabi Dörries angestrebten Verbandsreform?

Christian Keller: Der DSV hat seine Rücklagen fast komplett aufgezehrt und das Jahr 2017 war stark defizitär. Von daher ist es überlebenswichtig, den Verband auf eine finanziell solide Basis zu stellen. Die Landesverbände könnten die Beitragserhöhung ja an die Vereine weitergeben und die wiederum an ihre Mitglieder. Jeder ist doch in der Lage, ein halbe Kugel Eis zu bezahlen.  Ich finde es völlig inakzeptabel, dass der Badische Schwimm-Verband den Antrag gestellt hat, das zurückzustellen.

Können Sie den Rücktritt von Frau Dörries als Konsequenz nachvollziehen?

Gabi Dörries
Gabi Dörries war seit 2016 Vorsitzende des Deutschen Schwimm-Verbands.
Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Frau Dörries hat ihr Konzept mit viel Energie und Enthusiasmus vorgestellt und ist jetzt rigoros enttäuscht worden. Sie war ganz offensichtlich nicht bereit, noch länger darauf zu warten, dass die Landesverbände verstehen, wie wichtig die lapidare Beitragserhöhung für den DSV ist. Ein Verband, der in die Insolvenz geht, das wäre in der deutschen Geschichte einmalig, glaube ich.

Wie schwer wiegen diese Entscheidung und der Rücktritt?

Wenn man sich die Sozialen Medien anschaut, dann beschäftigen sich aktuelle und ehemalige Spitzenathleten mit dieser Entscheidung. Warum? Weil Frau Dörries einen hohen Zugang hatte zu den Stützpunkttrainern, zu den Bundestrainern und somit auch zu den Aktiven. Und ich glaube, dass auch die Landesverbände sich über die Auswirkungen dieser Fehlentscheidung nicht bewusst waren.

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Welchen Einfluss hat die vertagte Beitragserhöhung auf die sportlichen Ziele des DSV für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio?

Ich habe schon mit einigen Stützpunkttrainern gesprochen. Alle haben Angst, alle fragen sich, wie es mit dem DSV weitergeht. Wenn die Beitragserhöhung im Mai nicht kommt, dann sehe ich für die Zukunft schwarz. Man kann die 19 Monate bis Olympia 2020 auch dann sicher weitermachen, aber die meisten machen sich doch Gedanken, was passiert, wenn die Verträge 2020 auslaufen. Und der DSV hat ja schon jetzt große Probleme, herausragende Talente und gute Trainer an sich zu binden, weil im Ausland eklatant mehr gezahlt wird. Ich glaube, ohne die Beitragserhöhung wird es 2020 an der Basis zu einem großen Substanzverlust kommen.

Wo müsste im Falle einer ausbleibenden Beitragserhöhung gespart werden?

Ich sehe gar kein Potenzial mehr für Einsparungen. An den Nationalmannschaften kann nicht gespart werden, an der Geschäftsstelle des Verbands kann nicht gespart werden. Ich weiß nicht, wie die Zitrone, die schon ausgepresst ist, noch einen weiteren Tropfen hergeben soll.

Was muss der DSV aus den vergangenen Tagen lernen?

Der ehrenamtliche Breitensport muss komplett vom hauptamtlichen Komplex getrennt werden. Man muss eine eigenständige GmbH  gründen, um einen hauptamtlichen Geschäftsführer anzustellen, der dann auch die A-Kader der Nationalmannschaften unter seinen Fittichen hat. Diese Arbeit muss völlig autark von den Landesverbänden sein. Das sieht man ja in den Fußballvereinen. Dort ist der Spielbetrieb im Profibereich auch in eigenständige GmbHs ausgegliedert.

Wer könnte den Verband in eine solche Zukunft führen?

Es sind ja schon viele prominente Namen gefallen: Franziska van Almsick, Michael Groß, Paul Biedermann. Aber ich glaube, sie werden keinen ehemaligen Aktiven finden, der das ehrenamtlich und parallel zu einem Vollzeitjob macht. Der DSV braucht jemanden aus der Wirtschaft, der sich mit Verbänden auskennt. Und da sehe ich aktuell niemanden, der den riesigen Dampfer DSV in ein Speed-Boot verwandeln könnte.

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