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Leclerc mit der besseren Lobby

Formel 1 | Ferrari und sein Absprachen-Dilemma

Offiziell tut man bei Ferrari zwar so, als seien die Probleme um das Thema Stallorder in Sotschi ausgeräumt. Doch vor dem Großen Preis von Japan (Sonntag 7.10 Uhr MESZ) dürfte die Wahrheit anders aussehen, dafür spricht schon die Historie.

Formel 1, Großer Preis von Russland: Sebastian Vettel (li.) und Charles Leclerc
Sebastian Vettel (li.) und Charles Leclerc
Quelle: reuters/Maxim Schemetow

Von "Missverständnissen", die inzwischen ausgeräumt seien, von "konstruktiven Gesprächen" in Maranello, von weiterhin bestehendem "gegenseitigen Vertrauen", von einer "Geschichte, um die an nicht mehr so viel Wind machen sollte", reden Sebastian Vettel und Charles Leclerc offiziell. Wahrscheinlich nur bis zum nächsten Knall.

Denn dass die Worte der tatsächlichen Gemütslage und Wahrheit entsprechen, ist mehr als zweifelhaft. Vor allem Vettel muss genau wissen, dass die eigentlich völlig unnötige "Startabsprache" in Russland nur dazu dagewesen sein kann, ihn praktisch von Anfang an um alle Siegchancen zu bringen.

Überflüssige Absprache

29.09.2019, Grand Prix von Russland: Sebastian Vettel (l.) nach dem Start vor Ferrari-Tteamkollege Charles Leclerc.
Grand Prix von Russland: Sebastian Vettel (l.) nach dem Start vor Ferrari-Tteamkollege Charles Leclerc.
Quelle: Luca Bruno/ap/dpa

Denn Fakt ist: Der dritte Startplatz in Sotschi bietet eine sehr gute Chance, durch die über 800 Meter bis zur ersten Kurve gleich die Führung zu übernehmen, auf jeden Fall aber an Hamilton vorbeizukommen. Da braucht es keine Absprachen über "freiwilliges" Windschattenspenden des Vordermanns, das ergibt sich von ganz allein.

Unter dem Aspekt, dass keiner der beiden Ferrari-Piloten in diesem Jahr um den WM-Titel fährt, hätte von Seiten von Teamchef Mattia Binotto die deutliche Ansage gereicht: "Schießt euch nicht von der Strecke, aber ansonsten gilt erst einmal freie Fahrt - und dann sehen wir ja, wer schneller ist."

Vettel im Rennen schneller

Dass es anders lief, zeigt, dass sich Leclerc mit seinem politischen Einfluss durch den Todt-Clan im Hintergrund mit seiner Auffassung, wenn er im Qualifying vor Vettel stehe, müsse das auch im Rennen automatisch so bleiben, offenbar durchsetzen kann.

Dabei ist Vettel im Rennen im Gegensatz zum Qualifying Leclerc öfters einmal überlegen, in den letzten sechs Rennen seit Hockenheim vier Mal.

Mit so einer Strategie, sich ganz auf die Rennperformance zu konzentrieren und dem jungen Heißsporn im Team das Qualifying zu überlassen, gewann übrigens Formel-1-Legende Niki Lauda 1984 bei McLaren-Porsch den WM-Titel gegen den Teamrivalen Alain Prost. Vettel scheint diese Chance nicht zu bekommen - für Red-Bull-Motorsportkoordinator Dr. Helmut Marko ist damit klar: "Vettel hat bei Ferrari keine Zukunft mehr, das steht für mich jetzt fest."

Hamilton contra Rosberg

Gewiss, zwei potenzielle Nummer-1-Piloten in einem Team zu managen, ist immer schwierig - vor allem, wenn man als Teamchef dabei fair bleiben will.

Das musste zuletzt Toto Wolff bei Mercedes erfahren, als in den Jahren 2014 bis 2016 der Stallkrieg zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg immer wieder eskalierte. Ein Grund dafür, dass er jetzt den Vertrag mit Valtteri Bottas immer wieder verlängert, weil der sich im Zweifelsfall Hamilton brav unterordnet.

2010 wurde Felipe Massa in Hockenheim gegenüber Fernado Alonso zurückgepfiffen. Der damalige Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali hatte zumindest das Argument auf seiner Seite, dass der Spanier die einzige Speerspitze der Italiener im WM-Kampf gegen Vettel war, heftige Kritik von allen Seiten gab es trotzdem.

Senna contra Prost

Ron Dennis glaubte Ende der Achtziger bei McLaren, die beiden Alphatiere Ayrton Senna und Alain Prost kontrollieren zu können - und  scheiterte dabei grandios. Wobei deren tiefe Feindschaft auch endgültig durch eine missglückte Startabsprache um ein "Überholverbot" ausgelöst wurde, 1989 in Imola.

Da wusste nachher auch keiner so genau, was nun eigentlich ausgemacht war, ob es "bis zur ersten Kurve" oder "in der ersten Kurve" hieß, was man überhaupt als erste Kurve definierte - die folgende Eskalation des Streits, die Senna damals sehr persönlich nahm, auch weil Prost politisch geschickt damit spielte, ließ sich nicht mehr kitten.

von Karin Sturm

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