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Ferrari nach Marchionnes Tod

Formel 1: Großer Preis von Ungarn

Der Tod von Sergio Marchionne hat Auswirkungen auf Ferrari. Die ersten, momentanen, sind schon in Budapest zu sehen. Wichtiger freilich werden die mittel- und langfristigen sein.

Sergio Marchionne
War seit 2014 Ferrari-Boss: Sergio Marchionne Quelle: reuters

Die Ferrari-Flagge an den Motorhomes weht auf Halbmast, viele Ferrari-Mitarbeiter im Fahrerlager des Hungarorings tragen Trauerflor. Der Tod ihres Chefs am Mittwoch kam zwar nach den Entwicklungen des letzten Wochenendes, als bereits alle Strukturen bei Fiat und Ferrari umgestellt wurden, nicht mehr wirklich überraschend, dennoch scheint eine gewisse Schockwirkung vorhanden.

Ferrari tritt in Ungarn zwar ganz normal zum Rennen an, kippte aber am Donnerstag alle PR- und Medientermine von Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen - "aus Respekt vor Marchionne", dazu auch den geplanten Auftritt von Teamchef Maurizio Arrivabene am Freitag auf der FIA-Pressekonferenz.

Wer war Sergio Marchionne?

Ferrari-Mitarbeiter tragen Trauenflor
Zum Gedenken an Sergio Marchionne tragen die Ferrari-Mitarbeiter in Ungarn Trauenflor. Quelle: Bernadette Szabo; reuters

Der Italo-Kanadier übernahm 2004 die Führungsposition im Fiat-Konzern, brachte den italienischen Autobauer durch einen rigorosen Umbau und Sparkurs wieder auf die Erfolgsspur. Der Sohn eines Polizisten verpasste dem angeschlagenen Konzern die rettende Rosskur, realisierte den Zusammenschluss mit Chrysler und brachte als Nachfolger des langjährigen Ferrari-Präsidenten Luca di Montezemolo das "Cavallino Rampante", das "springende Pferdchen", wie Ferrari wegen seines Wappens heißt, an die Börse. 2014 übernahm er als Nachfolger von Montezemolo auch bei Ferrari die Spitze, etwa gleichzeitig, als das Team auch Sebastian Vettel als Alonso-Nachfolger holte. Und während Marchionne die Position als Konzern-Oberhaupt 2019 sowieso abgeben wollte - Ferrari-Präsident wollte er erst einmal auf jeden Fall bleiben.

Die neue Konstellation, die John Elkann, der Verwaltungsrats-Präsident von FIAT, jetzt schuf: Er selbst ist neuer Ferrari-Präsident. Der neue operative Chef bei Ferrari - und damit quasi Sebastian Vettels neuer Chef - wird Louis Carey Camilleri, der frühere Italien-Chef des Tabakherstellers Philip Morris, der schon im Vorstand von Ferrari saß. Er übernimmt als CEO Marchionnes Aufgaben - ein 1955 in Ägypten geborener, aus einer angesehen Familie aus Malta stammender und in England und der Schweiz ausgebildeter Manager, der neben Italienisch, Englisch und Französisch auch etwas Deutsch spricht.

Was verändert sich bei Ferrari?

Camilleri hat bei Philip Morris 25 Jahre lang mit Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene zusammen gearbeitet. Was bedeutet, dass dessen Position im Team und die seiner Gefolgsleute natürlich gestärkt ist. Eine Ablösung Arrivabenes durch Technikchef Mattia Binotto, eher einem Marchionne-Mann, die immer wieder einmal angedacht war, dürfte damit vom Tisch sein. Camilleri gilt als locker, bodenständig und sehr umgänglich, quasi das komplette Gegenteil zu Marchionne, der doch immer sehr viel Druck ausübte. Was das Team zwar einerseits antrieb und nach vorne brachte, aber andererseits auch manchmal negative Konsequenzen haben konnte.

Allerdings fragen sich jetzt manche bei der Scuderia schon, ob der Neue vielleicht "zu weich" sein könnte, wenn es gelte, im Team Ordnung zu schaffen. Auch auf die Fahrerbesetzung 2019 könnte die Entwicklung Einfluss haben. Kimi Räikkönens Chancen auf ein weiteres Jahr bei Ferrari sind deutlich gestiegen. Das Team um Arrivabene hatte sich, genau wie Sebastian Vettel, immer für einen Verbleib des Finnen ausgesprochen, es war Marchionne, der den Ferrari-Junior Charles Leclerc unbedingt schon für 2019 von Sauber ins Ferrari-Team holen wollte. Gut möglich, dass der talentierte Monegasse jetzt für ein Jahr bei Haas-Ferrari geparkt wird, statt des Franzosen Romain Grosjean.

Konsequenzen für den Rest der Formel 1

Mit Spannung wird man die Entwicklung auch bei Sauber verfolgen: Die Idee, aus dem Team unter dem Namen Alfa Romeo praktisch ein Ferrari-B-Team zu machen, war immer ein Marchionne-Plan. Das Geld dazu hätte von Ferrari kommen müssen – Alfa Romeo selbst hat die notwendigen Mittel dafür nicht. Ob dadurch jetzt der Einfluss der schwedischen Geldgeber wieder steigt, wenn das Konzept nun doch nicht so entschieden weiter verfolgt wird, bleibt abzuwarten. Marcus Ericsson wird sicher darauf hoffen. Denn der Schwede, der in den letzten Jahren durch seine schwedischen Unterstützer immer Vorzugsbehandlung genoss, fand sich in in letzter Zeit auf der anderen Seite wieder: Die Kopie des speziellen Ferrari-Unterbodens etwa bekommt bei Sauber im Moment nur Leclerc.

Zum anderen war Marchionne aber auch eine Unbekannte im Streit um die Formel-1-Zukunft. Immer wieder drohte er mit dem Ausstieg von Ferrari - dem einzigen Team, das seit dem Beginn 1950 dabei ist. Keiner wusste Marchionnes Drohungen so recht einzuschätzen - zuletzt schien man sich freilich in Sachen Motorenreglement und Kostendeckelung anzunähern. Wie die neue Ferrari-Führung jetzt agieren wird, wird auch von Liberty Media sehr genau beobachtet werden.

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