Syrien träumt von der WM - aber viele Fragen bleiben

Fußball-WM - Qualifikation-Playoff: Australien - Syrien

Firas Al Khatib (l.) jubelt über sein Tor

Sport | ZDF SPORTreportage - Syrien träumt von der WM - aber viele Fragen bleiben

Syrien bei der WM? Das hat es noch nie gegeben. Und ausgerechnet jetzt - da die Heimat nach sieben Jahren Krieg in Trümmern liegt - scheint dieser größte sportliche Erfolg zum Greifen nah. Doch welche Rolle spielt der Fußball in einem zerrissenen Land?

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Der Schlusspfiff hallt noch nach im weiten Rund des Hang-Jebat-Stadions von Malakka/Malaysien, und viele wissen nicht, ob ihnen nun zum Jubeln oder zum Heulen zumute sein soll. Augenblicke später haben sich zumindest die syrischen Fans entschieden: Sie feiern ihre Mannschaft frenetisch für das 1:1, das ihr kurz vor Schluss noch gelang. Die Spieler aber wollen keine Gratulationen annehmen. Kapitän Firas Al Khatib sagt: „Wir haben zu viel Respekt vor Australien gezeigt. Wir waren besser, und wir hätten gewinnen müssen. Beim Rückspiel werden wir noch stärker sein. Wir wollen es schaffen - für das syrische Volk.“

Innerlich zerrissen - wie das ganze Land

Firas Al Khatib spricht allen hier aus der Seele. Aber aus seinem Mund haben diese Worte einen besonderen Beiklang. Fünf Jahre lang hat Firas die Nationalmannschaft boykottiert, aus Protest gegen das Regime des Präsidenten Assad. Er hat sich zur Opposition bekannt und erklärt, nicht mehr für Syrien zu spielen, so lange dort Bomben aufs Volk fallen. Jetzt - in der entscheidenden Phase der WM-Qualifikation - ist Firas zurück als Kapitän. Die Frage nach dem „Warum“ beantwortet er immer nur so: „Wir spielen für alle Syrer. Wir wollen, dass unser Land wieder einen glücklichen Moment erleben kann nach all der schweren Zeit.“

Setzt ihn das Regime unter Druck? Hat er Angst um seine Familie? Ist es sportlicher Opportunismus? Oder die schlichte Erkenntnis, dass das Regime in diesem Kampf obsiegt? Viele Fragen bleiben. Aber wer sich mit Firas Al Khatib unterhält, nimmt ihm ab, wenn er von einer schweren Entscheidung spricht. Firas scheint innerlich zerrissen - wie das ganze Land zerrissen ist. „Egal, was ich tue“, hatte er zuvor gesagt, als seine mögliche Rückkehr ein Thema wurde, „die Hälfte der Syrer wird mich lieben, die andere Hälfte hassen.“

2000 Fans im fast leeren Stadion

Das Stadion von Malakka, das 40.000 Zuschauer fasst, ist praktisch leer im Playoff-Hinspiel, bei dem es um alles geht. 2000 syrische Fans jedoch machen so viel Lärm, wie sie können, schreien an diesem Abend ihr Team nach vorn. Sie singen syrische Lieder, schwenken syrische Fahnen, tragen syrische Trikots. Und jeder sagt uns, heute könne man erleben, wie das ganze Volk zusammensteht, wie der Fußball alle Syrer vereine und endlich wieder glücklich mache.

Tatsächlich sitzen sie heute Seite an Seite: Regierungstreue und Oppositionelle, Anhänger des Präsidenten und Flüchtlinge. „Normalerweise würden sie sich die Köpfe einschlagen“, sagt uns einer. Mohammed ist mit seiner Familie kurz nach Kriegsbeginn geflohen, lebt jetzt in Malaysia. „Ich bin mit einem mulmigen Gefühl ins Stadion gekommen“, berichtet er. „Ich wusste nicht genau auf was für Menschen ich hier treffe. Aber heute sind wir alle Syrer, Politik und Krieg spielen keine Rolle.“ Auch Abdul Rahman schwärmt von der Stimmung: „Ich fühle mich wie zuhause.“

Auftritte der Nationalelf sind umstritten

Zuhause aber - in Syrien - geht der Krieg weiter. Deshalb kann dort kein internationales Fußballspiel stattfinden. Zwar gibt es seit kurzem wieder Partien zwischen einzelnen syrischen Klubs, aber Fußball-Alltag kann nicht herrschen, auch wenn es das Regime des Präsidenten Assad gern so hätte. Denn rollt der Ball, scheint doch vieles wieder unter Kontrolle. Auch deshalb sind die Auftritte der Nationalmannschaft durchaus umstritten. Viele erkennen darin die Absicht des Regimes, den Fußball zu instrumentalisieren. Wenn Syrien doch sportlich ein Mitglied der weltweiten FIFA-Familie ist, kann man es dann politisch weiter als Schurkenstaat ausgrenzen? Die FIFA hat sich stets gegen den Vorwurf gewehrt und betont, dass Sport und Politik getrennt zu betrachten sind. Aber ist das glaubwürdig?

Fadi Dabbas, der Vize-Präsident des syrischen Fußballverbandes jedenfalls scheut sich nicht davor, die Dinge in Zusammenhang zu setzen. Im Gegenteil: Es ist ihm ein Anliegen. „Wir spielen um den Sieg für unseren Präsidenten, für unsere Armee, für unser Volk, für alle, die unser Land gegen die Terroristen verteidigen, und gegen die fremden Mächte, die den Krieg über Syrien gebracht haben.“ Mehr auf der Linie des Regimes kann man nicht sein, mehr staatliche Propaganda im sportlichen Gewand ist nicht vorstellbar.

Riesige Sehnsucht nach Frieden und Glück

Dass Syriens Machthaber die große Bühne zu nutzen versucht, die ihm der Fußball bietet, ist jedenfalls klar. Und die Teilnahme an der WM-Endrunde wäre da natürlich der Gipfel, zumal das Turnier dort ausgetragen wird, wo Assads wichtigster Verbündeter zuhause ist: in Russland.

Es ist und bleibt das große Ziel: für das Regime, für die Mannschaft, für die Fans. Die Motive mögen sehr unterschiedlich sein, es gibt sportliche und politische. Es gibt aber sicher bei vielen Syrern ganz einfach auch die riesige Sehnsucht nach Frieden und Glück. Das alles sind enorme Erwartungen an den Fußball.

Am Dienstag steht das Rückspiel in Australien an. Mannschaftskapitän Firas Al Khatib verspricht, dass sein Team alles geben wird. „Unser Traum ist noch nicht vorbei“, sagt er. Und es klingt so, als rede er nicht nur über Fußball, sondern über mehr: eine friedliche Zukunft für Syrien.

Die WM-Quali im Überblick

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